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kma Entscheider BlogVier Szenarien wie ein Pflexit aussehen könnte

Der Pflexit wird angesichts von Corona-Pandemie, politischen Zusagen ohne folgende Taten und einer zunehmend prekären Situation in Kliniken und Pflegeheimen zu einem immer größeren Thema in Fachkreisen. Wann kommt er und wie wird er das Gesundheitssystem verändern?

Philipp Köbe

Philipp Köbe ist freiberuflicher Dozent und Unternehmensberater im Gesundheitswesen.

Auf Twitter werden täglich Horror-Meldungen von Pflegenden in Kliniken und Pflegeeinrichtungen geschildert. Die Pflegekräfte berichten live aus der Praxis, welche emotionalen und körperlichen Belastungen seit vielen Monaten durch die Corona-Situation und darüber hinaus auf sie einwirken. 

Während der Pandemie sollen bereits rund 9000 Menschen dem Pflegeberuf den Rücken gekehrt haben. Die Berufsvertretung der Pflegenden (DBfK) hatte in einer Umfrage zum Jahreswechsel ermittelt, dass ein Drittel der Beschäftigten erwägt aus dem Berufsfeld auszusteigen. Damit könnte der Pflege-Exit (Pflexit) an Fahrt gewinnen. Mit dramatischen Folgen für die Versorgung und den Pflege-Arbeitsmarkt. Nachfolgend werden vier möglich Szenarien durchgespielt, die einige Denkanstöße für die handelnden Akteure geben sollen. 

Szenario 1: Deutliche Aufwertung der Pflege nach schweren Verwerfungen

Der Pflexit kommt in Kürze. Die Pflegenden setzen ihre Ankündigung um und verlassen in Scharen den Beruf. Durch den Ausstieg setzen beschleunigende Kräfte ein, die immer mehr Menschen zum Pflexit veranlassen. Dadurch findet ein vollständiges Umdenken in Politik und Gesellschaft statt. Die daraus folgenden Verwerfungen in der Versorgung zeigen die große Bedeutung des Berufes auf. Es findet eine Aufwertung statt, sodass viele junge Menschen eine Perspektive für sich erkennen. Die Gehälter steigen deutlich, auch für Hilfskräfte. In der Altenpflege gibt es einen allgemeingültigen Flächentarifvertrag. Es gibt einen Trend zur Professionalisierung, sodass zwischen einfach ausgebildeten Hilfskräften und akademisch ausgebildeten Pflegenden ein breites berufliches Spektrum entsteht.

Szenario 2: Prekäre Pflegesituation mit Folgen für die Versorgung

Der Pflexit setzt sich schleichend durch. Viele gut ausgebildete Pflegekräfte verlassen ihren Beruf und werden durch Hilfskräfte und Zugewanderte nur zum Teil abgefedert. Einerseits wird versucht mittels verkürzter Ausbildungsverfahren schnell neue Hilfs- und Fachkräfte bereitzustellen. Andererseits werden immer größere Bemühungen unternommen, aus anderen Ländern Hilfs- und Fachkräfte für Pflegetätigkeiten anzuwerben. Dies wird voraussichtlich auch den informellen Sektor stark betreffen. Dadurch findet eine deutliche Prekarisierung des Pflegeberufs statt. 

Der Anreiz für junge Menschen in diesen Beruf einzusteigen sinkt. Durch die Vielzahl an Hilfskräften steigen die Löhne zudem nicht angemessen. In der Folge werden die Tätigkeiten deprofessionalisiert. Die damit einhergehenden Verwerfungen in Pflegeteams und Einrichtungen insgesamt führen zu weiteren Berufsausstiegen und vergrößern den Druck. Die pflegerische Versorgung gerät zusehends in eine Sackgasse, mit großen negativen Auswirkungen auf die Pflegequalität. Gute Pflege wird somit zum Luxusgut und nur für wenige Menschen mit entsprechendem Geldbeutel bezahlbar.

Szenario 3: Eine Runde weiter aufgeschoben

Der Pflexit kommt zunächst nicht. Zwar verlassen noch tausende gut ausgebildete Pflegefachkräfte den Beruf; doch infolge der Corona-Pandemie können auch viele junge Menschen für soziale Berufe angeworben werden. Mit Zugeständnissen und Versprechungen der Politik auf baldige Verbesserung wird eine große Pflexit-Welle vorerst verhindert. Die Situation stabilisiert sich nach der Pandemie etwas, da auch einige Forderungen nach besserer Bezahlung umgesetzt werden. An den grundlegenden Problemen der Arbeitsbedingungen, einer fehlenden Berufsvertretung und einer gesellschaftlichen Aufwertung des Berufsbildes ändert sich mittelfristig jedoch nichts. 

Somit ist der Pflexit zunächst aufgeschoben, gewinnt aber potenziell in den kommenden Jahren an Fahrt. Die Folgen der Corona-Pandemie und die damit verbundenen allgemein schlechten Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt sorgen dafür, dass viele Pflegende zunächst in ihren Berufen bleiben. Auf mittlere Sicht wird sich der Arbeitsmarkt jedoch wieder erholen, sodass auch andere Berufe attraktiv werden für Pflegende und dann gehen ja auch noch einige Babybommer in den kommenden Jahren in Rente.

Szenario 4: Eine neue Bundesregierung gibt neue Hoffnung

Der Pflexit kann von der neuen Bundesregierung abgewendet werden. Die Wahlen im September führen zu einem Umdenken über das Gesundheitssystem und den darin arbeitenden Berufsgruppen. In einer neuen Koalition aus CDU und Grünen oder einer möglichen Ampel-Koalition aus Grünen, FDP und SPD erwachsen neue politische Umgestaltungsmöglichkeiten. Der von Spahn angekündigte Flächentarifvertrag für die Altenpflege tritt in Kraft. Die Löhne und Gehälter steigen im gesamten Berufsfeld deutlich an. Es werden Rückkehr-Programme aufgelegt, die ehemalige Pflegekräfte wieder in den Beruf zurückbringen. Die Steuern und Abgaben werden in diesem Einkommenssegment gesenkt. 

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