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kma Entscheider BlogWann kommt das Gesundheitssystem ohne Wartezeiten?

Niemand wartet gerne. Dennoch nehmen Patienten in Notaufnahmen und Arztpraxen lange Wartezeiten stillschweigend in Kauf. Dabei es gibt zahlreiche Lösungsansätze, um Wartezeiten zu reduzieren bzw. zu vermeiden oder effektiver und patientenfreundlicher zu gestalten.

Timo Frank
Privat

Timo Frank, Market Access Manager bei der Ada Health GmbH und Mitgründer von Hashtag Gesundheit.

Endloses Warten in einer Notaufnahme oder im Wartezimmer einer Arztpraxis. Manchmal warten Patienten nur fünf Minuten, ein anderes Mal 30 Minuten - und in seltenen Fällen auch eine ganze Stunde oder länger. Manchmal warten sie allein, in den meisten Fällen aber zusammen mit einigen anderen Patienten. Einige Zeit vergeht. Ganz plötzlich kommt von einer Ärztin oder einer Medizinischen Fachangestellten der Namens-Aufruf.

Dann muss alles schnell gehen. Nach einer Studie im BMJ Open dauert ein durchschnittliches Arzt-Patienten-Gespräch in Deutschland lediglich 7,6 Minuten. Für diese kurze Gesprächsdauer nehmen Patienten eine oftmals ungleich längere Wartezeit - sowie die Zeit für die Anreise - stillschweigend in Kauf. Oftmals können sie selbst ganz gut einschätzen, wie lange es noch dauert, bis der Aufruf folgt. Nichtsdestotrotz: Niemand wartet gerne: insbesondere nicht nicht in einem vollen Wartezimmer während eines behandlungsbedürftigen Notfalls.

Wie lange warten Patienten in Deutschland?

Zur durchschnittlichen Wartezeit in deutschen Arztpraxen gibt es Untersuchungen: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) lässt in ihrer Versichertenbefragung seit dem Jahr 2008 jährlich etwa 5000 Menschen befragen, wie lange sie bei ihrem letzten Praxisbesuch gewartet haben. Im Jahr 2021 haben sich die Wartezeiten nach einem 12-jährigen Trend erstmals signifikant reduziert. Dennoch warteten immer noch fünf Prozent der Befragten länger als eine Stunde, 10 Prozent bis zu einer Stunde und 24 Prozent bis zu einer halben Stunde.

Die Mehrheit der Patienten, 58 Prozent, wartete bis zu 15 Minuten. Eine Verkürzung der Wartezeiten in deutschen Arztpraxen - diese Nachricht klingt zunächst erleichternd. Zu beachten ist jedoch auch, wie viele Arztkontakte wir jährlich zählen und welche Personengruppen von diesen Wartezeiten betroffen sind.

Wie oft warten Patienten?

Im Jahr 2012 suchten wir laut Gesundheitsberichterstattung des Bundes durchschnittlich zehn mal pro Jahr einen Arzt auf. Auch die Versichertenbefragung der KBV zeigt, dass die Mehrheit der Deutschen zwischen 3- und 10-mal jährlich einen Arzt konsultiert. Der Arztreport 2021 der Barmer weist hingegen durchschnittlich 15 Tage pro Jahr mit einer Leistungsabrechnung aus. Diese reichen von sechs Kontakten bei jungen Männern bis hin zu 31 Tagen bei Senioren. Neben hochbetagten Menschen suchen vor allem Menschen mit einer chronischen Erkrankung häufig einen Arzt auf.

Und jetzt? Wartezeiten verkürzen - oder gar nicht erst entstehen lassen?

Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass die Ziele verkürzter Wartezeiten im beidseitigen Interesse der Patienten als auch in der Arbeitsdichte des Personals liegen - nicht etwa in einem höheren Durchlauf von Patienten. Selbstverständlich gibt es keine pauschale Lösung für das Vermeiden oder Verkürzen von Wartezeiten. Jedoch müssen Wartezeiten nicht grundsätzlich negativ sein und können effektiv genutzt werden. Es gibt zahlreiche Ideen und Ansätze, um sich mit der Problematik der Wartezeit zu beschäftigen.

Dazu gehören unter anderem:

  • Anwendungen zur strukturierten medizinischen Ersteinschätzung, die für Patienten bereits vorab die Dringlichkeit ihrer Symptome bewerten, um sie im Anschluss zum richtigen Point-of-Care zu lotsen.
  • Anwendungen zur strukturierten Voranamnese, um das Arzt-Patienten Gespräch effektiver zu gestalten, und die Arbeitsdichte des Personals bei der Triagierung zu verringern.
  • Warteschlangen-Systeme, die dem Patienten transparent über die Auslastung einer Notaufnahme informieren, bevor sie erscheinen und während sie warten.

Vergleicht man die Situation in Wartebereichen der Jahre 2021 und 2005 fällt eines besonders auf: Das Smartphone. Patienten können heute die Zeit zur Vorbereitung auf den Termin nutzen, zum Beispiel indem sie auf einem Smartphone oder Tablet selbstständig eine strukturierte Voranamnese durchführen. Das ist heute bereits vollständig digital möglich, sodass alle Informationen strukturiert in das Krankenhausinformationssystem bzw. Praxisverwaltungssystem übertragen werden können.

Durch solche Ansätze werden schlussendlich nicht nur Wartezeiten patientenfreundlicher gestaltet, sondern auch Aufwendungen für die Dokumentation seitens des Personals verringert. Zusätzlich versetzt es Patienten und Ärzte in die Lage gemeinsam eine informierte Entscheidung zu treffen.

Wartezeiten verkürzen sich nicht von allein

Mein eindringlicher Appell: Beschäftigen sie sich als Entscheider mit der Wartezeit in ihren Notaufnahmen, Arztpraxen und medizinischen Versorgungszentren. Lange Wartezeiten lassen nicht durch den Markt und wettbewerbliche Mechanismen regeln. Patienten sind Menschen in Notsituationen - kein "homo oeconomicus".

Sie suchen sich in ihrer dringlichen Lage nicht exakt den Leistungserbringer mit der kürzeren Wartezeit heraus. Das Krankenhauszukunftsgesetz gibt vielen Kliniken die Chance, die eben skizzierten Systeme einzuführen. Und auch noch innerhalb der Förderprojekte, beispielsweise der Einrichtung von Patientenportalen, lassen sich solche Systeme noch nachträglich integrieren.

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