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kma Entscheider BlogWarum Ärzte ihre Computer hassen

Seit Jahren versprechen wir Ärztinnen und Ärzten, dass Digitalisierung ihnen den Arbeitsalltag erleichtern würde. Allen voran durch die elektronische Patientenakte (ePA), KI und Entscheidungsunterstützungs-Tools. Die gewünschte Akzeptanz bleibt jedoch aus. Warum?

Timo Frank
Privat

Timo Frank, Market Access Manager bei der Ada Health GmbH und Mitgründer von Hashtag Gesundheit.

Für viele deutsche Krankenhäuser gilt das Jahr 2021 als Startschuss zur Digitalisierung. Vor allem die Projekte des Krankenhauszukunftsgesetzes (KHZG) werden in den kommenden Monaten spürbare Veränderungen anstoßen. Aktuell beschäftigen sich in Kliniken jedoch noch hauptsächlich IT-und Projektleitungen, Hersteller, Unternehmensberatungen und Geschäftsführungen mit der geplanten Modernisierung ihrer IT-Infrastruktur.

Jene Berufsgruppen, die sich in den kommenden Jahren mit neuen IT-Systemen und Arbeitsabläufen arrangieren müssen, wissen vielerorts noch nichts von ihrem zukünftigen Glück − allen voran die Ärztinnen und Ärzte. Für diese Berufsgruppe ändern sich möglicherweise nicht nur einzelne Arbeitsschritte, mit hoher Wahrscheinlichkeit ergeben sich hier auch Verschiebungen von Kompetenzen oder gar die Entstehung neuer medizinischer Berufe. Es ist offensichtlich, dass eine Akzeptanz für diese Veränderungen – vor allem solche mit technologischem Hintergrund – nicht nur durch Vergütungsanreize aufgebaut werden kann. Glücklicherweise können wir aus den Erfahrungen anderer Länder lernen.

„Why Doctors Hate Their Computers” - Ein Erfahrungsbericht aus den USA

In seinem bewegenden Aufsatz hinterfragt der US-amerikanische Mediziner Atul Gawande die Digitalisierung in der Medizin. Mit seiner Kritik adressiert er vor allem die Einführung der elektronischen Patientenakte in seinem Krankenhaus. In seinen Augen verfehlte die Einführung der digitalen Dokumentation ihre ehrwürdigen Ziele, nämlich den Zeitaufwand für die medizinische Dokumentation zu verringern und mehr Zeit für die Behandlung von Patienten zu schaffen. Das Gegenteil trat ein: Die Einführung verursachte einen noch größeren zeitlichen Aufwand im Klinikalltag.

Im Jahr 2016 ergab eine Studie der American Medical Association, dass Ärzte für jede Stunde, die sie mit Patienten verbringen, etwa zwei Stunden zusätzlich für administrative Aufgaben in der Electronic Health Record (EHR) verbringen. Darüber hinaus widmeten sie während des Arzt-Patienten-Gesprächs allein die Hälfte ihrer Zeit dem Bildschirm. Eine solche Situation sollte für keine der beiden Seiten akzeptabel sein. Noch verheerender sind die Ergebnisse einer Studie der University of Wisconsin: Die hohe Stundenzahl, die US-amerikanische Ärzte mit Bildschirmarbeit statt mit dem Patienten verbringen ist eine der Hauptursachen für steigende Burnout-Raten. Mit diesen Erfahrungen erscheint es verständlich, wie Atul Gawande zu einer solch reißerischen Überschrift gekommen ist. Sein Bericht aus den USA muss als abschreckendes Beispiel für die aktuell anlaufenden Digitalisierungs-Projekte im Rahmen des KHZG dienen. Viel mehr noch, es sollte uns eine Lehre sein.

Auch deutsche Ärztinnen und Ärzte scheinen ihre Computer zu hassen

Erst vor wenigen Wochen, am 25. Juni 2021, sorgte die Veröffentlichung eines Rundschreibens der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) für großes Aufsehen. Darin betonen die Vorstandsvorsitzenden der KVBW: „Wir lehnen die ePA in ihrer jetzt vorliegenden Form strikt ab“. Angehängt fanden die Mitglieder eine Formulierungshilfe für eine Patienteninformation, in der die ePA mit Computerspielen verglichen wird (die Formulierungshilfe wurde inzwischen von der Website der KVBW entfernt). Zugegeben, nach der Lektüre von Atul Gawande’s Erfahrungen aus den USA erscheint eine gesunde Skepsis sogar verständlich. Dennoch enttäuscht es, wenn die elektronischen Patientenakte von der ärztlichen Selbstverwaltung als „Computerspiel“ bezeichnet, deren Einführung mit Füßen getreten und somit Vertrauen zerstört wird.

Was Deutschland besser machen muss

Für die Umsetzung jedweder Digitalisierungs-Projekte ist die Akzeptanz von Ärztinnen und Ärzten von höchster Wichtigkeit. Natürlich ist es zutiefst menschlich Veränderungen zunächst kritisch gegenüberzustehen. Um gute medizinische Entscheidungen zu treffen, werden Ärztinnen und Ärzte in Zukunft allerdings viel häufiger auf eine vollständige Datengrundlage zurückgreifen wollen. Dass die Erhebung (und Verarbeitung) einer großen Menge an Informationen wohl kaum mit Stift und Papier gelingen wird, sollte uns allen bewusst sein. Egal ob elektronische Patientenakte, digitale Gesundheitsanwendungen oder KHZG-Projekte: Die pauschale Verurteilung oder Ablehnung hilft uns nicht weiter, sondern wirft uns zurück. Was uns helfen würde: Ein gesundes Vertrauen in den Nutzen für Patientinnen und Patienten!

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