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kma Entscheider BlogWann trifft die Energiepreisexplosion das Gesundheitswesen?

Die Energiekosten sind derzeit die Treiber der Inflation. Hält der Preisanstieg an, werden auch alle Gesundheitsleistungen sich verteuern. Was bedeutet die Energiepreisexplosion für Leistungserbringer und Gesundheitspersonal?

Philipp Köbe

Philipp Köbe ist freiberuflicher Dozent und Unternehmensberater im Gesundheitswesen.

In den vergangenen Monaten gab es sprunghafte Anstiege bei den Energiepreisen von bis zu 30 Prozent. Besonders Öl und Gas waren von Preiserhöhungen betroffen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits hat die globale Nachfrage nach Rohstoffen nach der Corona-Pandemie wieder angezogen. Andererseits sind Lieferketten noch nicht vollständig wieder intakt oder Kapazitäten werden, wie im Fall Russlands politisch motiviert, künstlich verknappt.

Für Deutschland und einige andere europäische Länder kann man sicherlich auch sagen, dass infolge der 2021 eingeführten CO₂-Steuer eine Verteuerung der Energiepreise zugunsten des Klimaschutzes auch politisch gewollt ist. Die Bundesbank rechnet aktuell mit einer Inflationsrate von über vier Prozent für das aktuelle Jahr. Das wäre ein enormer Anstieg im Vergleich zu den vergangenen Jahren, wenn nicht den letzten beiden Jahrzehnten. Die Folgen daraus können für das Gesundheitswesen erheblich ausfallen.

Risiko einer Lohn-Preis-Spirale

Zunächst führt Inflation zu höheren Lohnforderungen in den Folgejahren. Die Arbeitnehmenden-Vertretungen verlangen in der Regel mindestens eine Lohnerhöhung zur Erhaltung der Kaufkraft. Allerdings sind Tarifverträge und die darin vereinbarten Lohnsteigerungen in der Regel über mehrere Jahre ausgehandelt. Dementsprechend wird man in vielen Bereichen dringend nachverhandeln müssen. Da dauerhafte Preissteigerungen bei Kraftstoffen eine besonders hohe Bedeutung bei Arbeitnehmenden haben, werden konstant hohe Benzin- und Dieselpreise sich auch stark auf die Lohnentwicklung auswirken.

Infolge allgemeiner Lohnsteigerungen ziehen alle Preise für Produkte und Dienstleistungen, die in den betroffenen Ländern hergestellt wurden, an. Woraus sich wiederum eine Lohn-Preis-Spirale entwickeln kann, wenn sich eine selbstverstärkende, beschleunigende Wirkung entfaltet und die Politik keine aktive Bekämpfung der Inflation vornimmt.

Die gewünschten Ausweichmechanismen vom individuellen PKW zum ÖPNV dürften gerade bei Gesundheitsberufen in ländlichen Regionen und mit Wochenendarbeit im Schichtdienst eher ein Problem darstellen. Diese Personen sind dann besonders stark von steigenden Kraftstoffpreisen betroffen. Auf Twitter liest man gelegentlich von Einzelfällen, die sich zum Monatsende regelmäßig krankmelden, da sie kein Geld mehr für die Tankfüllung haben. Zwar wird dies kein Massenphänomen sein, aber immerhin bei einigen eher niedrig bezahlten Gesundheitsberufen finanzielle Schwierigkeiten hervorrufen.

Pleitewelle bei ambulanten Pflegediensten

Wie sieht es bei den Leistungserbringern aus? Es gibt zahlreiche Gesundheitsversorger, deren Dienstleistung in Verbindung zu Mobilität steht. Unter anderem der Rettungsdienst, Krankentransporte und ambulante Pflegedienste. Hier stellt sich die Frage, wie die Kostenträger die schwankenden Preisänderungen ausgleichen, wenn sich dauerhafte Spritpreis-Erhöhungen abzeichnen. Mindestens mit der CO₂-Steuer wäre das ja der Fall. Somit treibt die CO₂-Steuer die ambulanten Pflegesätze nach oben.

Werden die steigenden Kraftstoffpreise beispielsweise durch höhere Pauschalen der Pflegegrade nicht ausgeglichen, könnten im kommenden Jahr zahlreiche ambulante Pflegedienste aufgeben oder in die Insolvenz rutschen. Neben dem Fachkräftemangel könnten dann auch die steigenden Energiepreise den Todesstoß für einen Teil der ambulanten Leistungserbringer bedeuten.

Energiekosten schlagen sich in allen Produkten und Dienstleistungen durch

Was für die Lohnkosten gilt, kann auch für die Energiekosten angenommen werden. Steigerungen schlagen sich mehr oder weniger schnell und je nach Wettbewerbssituation auch auf alle anderen Produkt- und Dienstleistungskategorien durch. Die Wäscherei gibt gestiegene Energie- und Transportkosten ebenso an Kliniken und Pflegeheime weiter, wie das Catering-Unternehmen oder der Labordienstleister. Gleiches gilt für IT-Dienstleister und Medizinproduktehersteller, die ihre Vertrags- und Lieferbedingungen aufgrund der aktuellen Situation kurzfristig anpassen dürften.

In normalen Zeiten, wie im vergangenen Jahrzehnt, war diese Entwicklung im normalen Gesundheitsbetrieb weniger dramatisch. Die Inflation war gering, Energie relativ günstig. Im Folgejahr wurden die Preissteigerungen durch höhere Budgets ausgeglichen. Die Entwicklung in diesem Jahr (und voraussichtlich in der kommenden Dekade) ist jedoch neu. Die Energiepreise werden aufgrund der CO₂-Steuer rasant ansteigen.

Damit verteuern sich in viel kürzeren Zyklen alle Produkte und Dienstleistungen, die im Versorgungsprozess benötigt werden. Für Leistungserbringer könnte das mit deutlichen Preissprüngen verbunden sein, die kurzfristig nicht kompensiert werden und zu drastischen Kostensteigerungen führen. Jeder Krankenhausmanager weiß, was es bedeutet, wenn die kalkulierten Relativgewichte auf der Kostengrundlage des Vorjahres nicht die heutigen Kosten abdecken.

Investitionen in Energieeffizienz dringend notwendig

Das KHZG war ein erster Schritt der Politik, die jahrelang unzureichenden Investitionsmittel in die Klinikinfrastruktur auszugleichen. Die unzureichende Digitalisierung ist jedoch nur ein Aspekt der vergangenen Investitionsmisere. Auch die Gebäudeinfrastruktur, insbesondere im Hinblick auf energetische Sanierung, konnte nicht hinreichend erneuert werden.

Die Politik sollte daher ein Krankenhaus-Energieeffizienz-Gesetz auflegen, um zusätzliche Mittel in entsprechende Maßnahmen zu lenken. Für die neue Ampel-Koalition könnte dieses Thema ein idealer und leicht umsetzbarer Beitrag zum Klimaschutz sein. Einige Gedanken zur Abschöpfung von Investitionsmitteln aus dem European Green Deal wurden bereits vor einem Jahr an dieser Stelle formuliert.

In jedem Fall sollten Leistungserbringer jedoch nicht darauf warten, bis die Politik mit einem Investitionsprogramm um die Ecke kommt. Eigene Investitionsinitiativen sind gefragt. Es gibt noch eine Fülle anderer Fördermaßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz oder sonstige Contracting-Modelle mit Energiedienstleistern. Auch wenn die Kostensprünge sich heute noch nicht deutlich in den Gewinn- und Verlustrechnungen von ambulanten Pflegediensten, Kliniken oder Pflegeheimen zeigen, sollten vorbereitende Maßnahmen zügig in die Wege geleitet werden.

Die wirtschaftliche Tragfähigkeit vieler deutschen Kliniken ist bereits am Limit. Corona-bereinigt dürften bereits heute viele Kliniken existenzbedroht sein. Der Energiepreisschock kommt als zusätzliche Last hinzu, die im laufenden Jahrzehnt nicht unterschätzt werden darf. Die Politik und die Gesellschaft treiben die Energiewende und die Einhaltung der Klimaziele weiter voran und müssen für hinreichend gute Rahmenbedingungen in der Gesundheitsversorgung sorgen. Für die Politik heißt das konkret, mehr Investitionsmittel für Energieeffizienz-Maßnahmen. Für die Gesellschaft höhere Beiträge oder Steuern zur Finanzierung der Gesundheitsleistungen. Die Debatte darüber sollte besser heute als morgen beginnen!

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