Nehmen wir mal die Pflegekräfte als Beispiel: Eine Intensivschwester oder ein Intensivpfleger hat normalerweise eine mehrjährige Ausbildung in der Intensivmedizin absolviert. Wir können die Versorgungskapazitäten nur verdoppeln, indem wir Versorgungsteams aus hochqualifizierten Intensivpflegern und schnell angelernten Krankenschwestern bilden, die dann jeweils eine größere Patientenzahl betreuen müssen. Dieses Personal effektiv zu rekrutieren und zu schulen ist das allergrößte Problem. Damit dürfen wir insbesondere die kleineren Krankenhäuser nicht allein lassen. Wir müssen uns der Pandemie gemeinsam entgegenstellen. In Anbetracht des hohen Zeitdrucks ist dafür die Schaffung klarer Handlungsgrundlagen durch Bund und Länder elementar.
Endele: Welche Rolle nimmt die Uniklinik dabei ein?
Prof. Moesta: Uniklinken und nicht-universitäre Häuser werden auf Landesebene in der Regel von unterschiedlichen Ministerien geführt, was zu Abstimmungsproblemen führen kann. Bund und Länder tun sich daher durchaus schwer, den Universitätskliniken eine zentrale Rolle in der Krisenorganisation zuzuordnen. Aber: Die Uniklinken sind die maximalen Ressourceninhaber. Unsere Fakultäten haben durch den eingestellten Lehrbetrieb freie Ressourcen. Wir haben viel akademisch gebildetes Personal, um die Krise zu organisieren. Das könnten wir auch nutzen, um weitere Ressourcen aufzubauen. Wir an der Uniklinik Halle wären in der Lage, die Anzahl unserer Beatmungskapazitäten unter gewissen Einschränkungen sogar zu vervierfachen. Wir sollten den Kliniken jetzt den Zugang zu unseren Ressourcen geben und eine solidarische Versorgung etablieren. Der Pandemieplan Sachsen-Anhalt sieht vor, dass sich die nicht-universitären Krankenhäuser im Schwerpunkt um Corona-Patienten kümmern und die Uniklinken die Akutversorgung der anderen Notfallpatienten übernehmen. Spätestens, wenn dieses System an seine Grenzen kommt, wird man, aufgrund der qualitativen (ECMO etc.) und quantitativen Ressourcen der Universitätsmedizin, umsteuern müssen.
Endele: Sehen Sie auch eine Chance in der Krise?
Prof. Moesta: Wir lernen gerade Abgründe zu überwinden, die sich aus 20 Jahren Kommerzialisierung im Gesundheitswesen ergeben haben. Die Einführung von marktwirtschaftlichem Wettbewerb hat benachbarte Krankenhäuser desolidarisiert. Ich habe in meiner Zeit als Chirurg nie wirklich verstanden, warum ich meinen Kollegen in der Nachbarklinik nun vor allem als Konkurrenten und nicht mehr als Kollegen betrachten sollte. Die Krise gibt uns die Chance diese Fehler wettzumachen. Die Menschen brauchen jetzt ein solidarisches Gesundheitssystem. Vielleicht lernen Politik und Öffentlichkeit dann auch wieder, ihr Gesundheitssystem und alle seine Mitarbeiter als Chance und Risikofürsorge und nicht mehr nur als Kostenfaktor zu betrachten.





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