Expertenbeitrag von Axel Kramer und Claus-Dieter Heidecke
Zwei Drittel aller Patienten haben laut einer aktuellen Umfrage Angst vor einer Infektion mit multiresistenten Keimen im Krankenhaus. Gleichzeitig müssen sie beim Thema Hygiene darauf vertrauen, dass das in der Klinik arbeitende Personal den notwendigen Infektionsschutz auch konsequent umsetzt. Doch selbst wenn der Infektionsschutz dort perfekt geregelt ist, bleiben immer noch die Übertragungsrisiken, die durch den Patienten selbst entstehen. Patienten und auch deren Angehörigen sollten deshalb viel stärker darüber aufgeklärt werden, welche Möglichkeiten es für sie gibt, den Infektionsschutz im Krankenhaus zu verbessern. Gelingen wird das jedoch nur, wenn man den Patienten als Partner für den gesamten Behandlungsprozess gewinnt.
Das war der Ausgangspunkt für eine Initiative an der Universitätsmedizin Greifswald (UMG). Mit dem vom Bundespatientenbeauftragten geförderten Projekt „Aktivierung der Patienten für eine hygienebewusste Partizipation an der Infektionsprävention (AHOI )“ soll nun untersucht werden, wie Patienten stärker in den Infektionsschutz in Kliniken eingebunden werden können.
Patient und Klinikpersonal müssen dazulernen
Der erste wichtige Schritt ist, dass der Patient lernt, Pflegekräften und Ärzten genauer auf die Finger zu schauen – und gegebenenfalls von jenen die Einhaltung dieser Standards einzufordern. Hinzulernen muss jedoch auch das Klinikpersonal. Das pflegerische und ärztliche Team sollte Patienten nicht nur anregen, beim Infektionsschutz mitzuarbeiten. Ebenso wichtig ist, deren Anregungen auch anzunehmen. Schließlich sollen der Patient und seine Angehörigen selbst in der Lage sein, grundlegende Hygienevorkehrungen zum Eigenschutz anzuwenden.
Diese auf Fördern und Fordern basierende Strategie fördert damit nicht nur die Compliance des Patienten mit Hygienemaßnahmen, sondern auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Erkrankung. Aktuell läuft eine repräsentative Erhebung unter Patienten und Mitarbeitern, die die Haltung gegenüber einer stärkeren Patienteneinbindung untersucht. Dabei zeigt sich, dass Klinikteams umdenken müssen: Damit der Patient entsprechende Informationen verarbeiten kann, darf das zusätzliche Wissen keine Ängste bei ihm erzeugen. Das müssen Ärzte und Pflegekräfte berücksichtigen.
Multimodaler Projektansatz
Bereits im Jahr 2010 wurde in der Klinik und Poliklinik für Chirurgie der UMG mit der Einbeziehung des Patienten begonnen; seitdem ist durch eine Vielzahl von Einzelinitiativen nahezu das gesamte Universitätsklinikum bei der Umsetzung dabei. Nun geht die UMG einen Schritt weiter und bündelt im AHOI-Projekt ein ganzes Paket von Maßnahmen. Schon bei der Aufnahme bekommt der Erkrankte einen Flyer mit zahlreichen Hinweisen ausgehändigt. Zusätzlich erhält er zahlreiche Kurzinformationen zu speziellen Präventionsmöglichkeiten – etwa zur richtigen Händedesinfektion oder zu wichtigen persönlichen Verhaltensänderungen.
Dazu zählen Tipps wie kein Ausduschen offener Wunden mit Leitungswasser ohne Sterilfilter, nicht eigenständig den Wundverband lockern oder den Urinbeutel unter Blasenniveau halten. Zusätzliche Informationen betreffen Auffälligkeiten im Behandlungsverlauf an das Pflegeteam, zum Verhalten Angehöriger in der Stationsküche der Kinderonkologie sowie Hinweise für Besucher von Patienten mit Immunsuppression.
Auf Grund des Präventionspotentials der Händedesinfektion wurden die von der WHO empfohlenen „Fünf Momente“ für die Mitarbeiter auf den Patienten angepasst. Auch diese sollen nun beim Betreten und Verlassen des Patientenzimmers, vor der Einnahme von Mahlzeiten, nach Nutzung des WC sowie vor und nach einem Kontakt mit eigenen Wunden, Schleimhäuten oder medizinischem Gerät gezielt die Hände desinfizieren.
An Knotenpunkten im Krankenhaus – etwa im Foyer oder am Zugang zu Risikostationen – gibt es automatische Spender zur Händedesinfektion, auf die Plakate unter dem Motto „Keine Chance den Krankenhausinfektionen“ gezielt hinweisen. Auch in jeder Sanitärzelle und jedem WC stellt ein Poster das hygienisch richtige Verhalten dar.
Personal desinfiziert Hände häufiger
Ferner wird seit 2012 jedem Patienten der Uniklinik Greifswald bei der Aufnahme eine Checkliste mit 14 Ankreuzmöglichkeiten auf das Vorliegen von Risikofaktoren für multiresistente Erreger übergeben. Bei Verdacht oder entsprechender Risikokonstellation wird sofort ein Screening veranlasst, und der Patient sowie seine Besucher bekommen ein Merkblatt zum hygienischen Verhalten in der Klinik sowie nach der Entlassung. Die freiwillige anonymisierte Einbeziehung des Patienten beim Infektionsschutz wirkt sich auch positiv auf die Compliance des Behandlungsteams aus. Allein dadurch wurde ein Anstieg des Händedesinfektionsmittelverbrauchs um bis zu 40 Prozent erreicht.
Aktuell wird die Dokumentation der Antibiotikaverordnung einschließlich des Nachweises kritischer Erreger in einem handlichen Antibiotikapass für jeden Patienten vorbereitet, um künftige Diagnostik- und Therapieentscheidungen zu unterstützen. Bis zum Jahresende werden zudem kurze Videos für das krankenhauseigene Fernsehprogramm produziert, um besonders jene Patienten zu erreichen, die mit der deutschen Sprache Probleme haben. Mit einer Darstellung in leicht verständlichen Bildern sollen die Videos diesen Patienten helfen, das eigene Hygieneverhalten zu verbessern.
Ein vorläufiges Fazit lässt sich bereits ziehen. Wie sich inzwischen gezeigt hat, unterstützen Patienten ihre neue und aktive Rolle beim Infektionsschutz im Krankenhaus. Da auch die Mitarbeiter diese mittragen und fördern, sollten Patienten und Angehörige zukünftig viel stärker in die Infektionsprävention einbezogen werden.
Autoren
Axel Kramer ist Direktor des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der UMG und zählt zu den bekanntesten Klinikhygienikern Deutschlands. Er ist einer der beiden Initiatoren des AHOI-Projekts.
Claus-Dieter Heidecke ist Ordinarius für Chirurgie an der UMG und Vorsitzender der AG für Qualität, Sicherheit und Versorgungsforschung der DGCH und Mitinitiator des AHOI-Projekts.

Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!
Jetzt einloggen