
Die Zeit läuft. Im Oktober 2022 hatte SAP angekündigt, die Branchenlösung IS-H bis 2027 einzustellen und den Support für das ERP-System maximal bis 2030 zu verlängern – dann aber kostenpflichtig. Der deutsche IT-Riese will sich zukünftig auf die Plattform S/4HANA und Cloud- Services konzentrieren. Das bringt viele Krankenhäuser und KIS-Anbieter unter Zugzwang. Kliniken müssen sich nach einem Nachfolger für die Branchenlösung zur Patientenverwaltung und -abrechnung umschauen. Und die Hersteller müssen schnell eigene Alternativen anbieten.
Die Situation wird zusätzlich erschwert, weil durch die Abkündigung auch das klinische Arbeitsplatzsystem i.s.h.med von Oracle Cerner nicht mehr weiterentwickelt wird. In Kombination mit IS-H stellen beide Lösungen ein vollwertiges Krankenhausinformationssystem (KIS) dar – eine Konfiguration, die bislang von sehr vielen Krankenhäusern im DACH-Raum genutzt wird. So stehen viele Kliniken vor der grundsätzlichen Entscheidung, mit welchem KIS sie die zukünftigen digitalen Anforderungen noch erfüllen können. Inzwischen haben jedoch nahezu alle KIS-Anbieter Alternativen entwickelt. kma wollte wissen, wie der aktuelle Stand ist.
Krankenhäuser zögern noch
Das drohende Ende von IS-H und i.s.h.med bringt viel Bewegung in den Markt. Auch wenn die Geschäfte für die KIS-Hersteller in den vergangenen Jahren aufgrund vieler KHZG-Projekte gut liefen, plagt sowohl Krankenhäuser wie auch die Anbieter ein grundsätzliches Problem: Es fehlt schlicht das Personal für die Masse an betroffenen Krankenhäusern, um bis 2030 auf eine neue Software umzustellen. „Selbst wenn sich alle Hersteller zusammenschließen würden, wäre es nicht zu leisten“, stellt Michael Pfeil fest, Sprecher des Arbeitskreises Healthcare der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG).
Pfeil ist als IT-Abteilungsleiter SAP/Betriebswirtschaftliche Applikationen am Universitätsklinikum Bonn ebenfalls vom Aus für IS-H betroffen. Er schätzt, dass die Umstellung auf eine neue Abrechnungslösung – von der Vergabe bis zur Inbetriebnahme – zwei Jahre dauert. Wenn ein neues KIS angeschafft wird, verdoppelt sich nach seiner Einschätzung dieser Zeitrahmen. Dass es eng wird bis zum Jahr 2030, liegt aber auch an den Krankenhäusern. „Ich habe den Eindruck, dass viele noch auf eine Lösung warten, die den Funktionsumfang von IS-H und darüber hinaus bietet, mit Innovationen und Datenbanktechnologien, die für S/4HANA relevant sind“, sagt der IT-Manager.
Hinzu kommt die grundsätzliche strategische Entscheidung zwischen einer All-in-one-Lösung oder einem Best-of-Breed-Ansatz. Auch durch Aussagen von Softwareherstellern zögern Krankenhäuser weiterhin bei der Entscheidung. „Insbesondere SAP sendet Signale, die bei Unternehmen den Eindruck erwecken können, dass doch weitergemacht und es Lösungen für andere Szenarien geben wird“, urteilt Pfeil.
IS-H-Nachfolger für SAP S/4HANA
Für die IS-H-Ablösung wurden zwei Nachfolger entwickelt. Das Hamburger SAP Systemhaus GTIG hat mit GS-H eine Nachfolgelösung entwickelt, die auf S/4HANA installiert wird. Aktuell läuft am LMU Klinikum in München das Pilotprojekt. „Der Produktivstart ist für Anfang 2027 geplant“, sagt GTIG-Vorstand Dr. Oliver Dammann. Einerseits verzeichnet er eine wachsende Nachfrage nach GS-H, andererseits beobachtet auch er ein Zögern bei einigen Kliniken.
Bei allen Anbietern und Dienstleistern werden die Ressourcen zum Fristende hin knapp.
„Diese Häuser müssen oft noch die Umstellung auf SAP S/4HANA vollziehen“, so Dammann. „Für welche Lösung sie sich auch entscheiden, sie müssen jetzt handeln. Bei allen Anbietern und Dienstleistern werden die Ressourcen zum Fristende hin knapp.“ GTIG hat sich daher mit Accenture und EY zwei Implementierungspartner ins Boot geholt. „Wir können das nicht allein stemmen“, so Dammann. Viele Krankenhäuser seien gerade in der Ausschreibungsphase. „Wir gehen davon aus, dass wir in diesem Jahr deutlich mehr Kunden hinzugewinnen und auch Einführungen starten werden.“
Die zweite IS-H-Nachfolgelösung, S4.health von ATSP und RZV, wird zurzeit in einem Pilotprojekt am Universitätsklinikum Tübingen implementiert und eingeführt. Zuvor hat die Einrichtung von SAP R/3 auf SAP S/4HANA umgestellt. Kliniken, die IS-H in Kombination mit i.s.h.med verwenden, verschaffen sich Zeit bis 2035, um sich nach einem neuen KIS umzuschauen.
SAP stellt die Weichen neu
Hier kommt erneut SAP ins Spiel. Die Abkündigung von IS-H markiert einen strukturellen Wendepunkt im Krankenhaus-IT-Markt. Für viele Häuser geht es dabei nicht nur um eine Systemablösung, sondern um die grundsätzliche Frage, wie ihre IT-Architektur der Zukunft aussehen soll. Die Walldorfer Software-Schmiede ist im vergangenen Jahr eine Technologiepartnerschaft mit Avelios Medical eingegangen. Dessen cloudnatives KIS hat das Interesse des Software-Riesen geweckt, der inzwischen auch ein strategisches Investment in unbekannter Höhe in das Start-up bekannt gegeben hat.
Das Avelios-KIS soll künftig auf der SAP Business Technology Platform betrieben werden und auch auf der SAP-Cloud-Infrastruktur laufen. Für Avelios ist das finanzielle Engagement von SAP nicht nur dazu gedacht, IS-H zu ersetzen, sondern auch um gemeinsam den Schritt in eine neue Technologiegeneration zu gehen, teilte das Unternehmen auf Nachfrage von kma mit. Die Beteiligung eröffne dem Start-up Zugang zum globalen SAP-Ökosystem – inklusive Technologieplattform, Implementierungspartnern und umfassender Expertise in komplexen Enterprise-Transformationen.
Die Arbeitsteilung ist ersichtlich: Kliniken, die auf das Avelios-KIS umsteigen, erhalten nicht nur eine KI-gestützte Lösung mit IS-H-Ersatz, sondern einen Zugang zum SAP-Kosmos mit Enterprise-Integration und Transformationsunterstützung. Mit einer offenen Plattform, Skalierbarkeit und Stabilität versucht SAP, bei den Kliniken zu punkten, die nach einer langfristigen Lösung suchen. Ob die Rechnung aufgeht, wird sich zeigen.
IS-H-Alternativen der KIS-Anbieter
Auch die etablierten KIS-Anbieter haben Abrechnungsmodule entwickelt, die als Ersatz für IS-H zum Einsatz kommen sollen. CGM Medical etwa bietet mit CGM CLINICAL RCM eine Nachfolgelösung an, die sowohl mit dem KIS CGM Clinical als auch als eigenständiges Abrechnungsmodul mit einem bestehenden klinischen Arbeitsplatzsystem (KAS) verwendet werden kann. Dedalus arbeitet in mehreren Einrichtungen wie etwa der Universitätsklinik Erlangen an einer Ablösung von IS-H durch das Abrechnungsmodul Orbis Ibil. „Die modulare Architektur sorgt für eine hohe Interoperabilität, und die bewährte Anbindung an SAPSysteme ermöglicht eine effiziente und sichere Datenverarbeitung – selbst bei sehr großen Datenmengen“, teilt das Unternehmen mit.
Wir haben eine echte, praxis-erprobte und technologisch zukunftssichere Alternative zu SAP IS-H im Angebot.
Ein weiteres Beispiel ist Meierhofer. Der Münchner KIS-Hersteller hat ebenfalls eine „echte, praxiserprobte und technologisch zukunftssichere Alternative zu SAP IS-H“ im Angebot. „Dafür haben wir frühzeitig und strategisch gehandelt“, berichtet das Unternehmen gegenüber kma. Der Software-Anbieter hat eine vollständig SAP-unabhängige und tief in das KIS integrierte Patientenverwaltung im Portfolio, die bereits in Kliniken unterschiedlichster Größe produktiv im Einsatz ist. Und hinzu kommt eine Abrechnungslösung, die, wie alle neuen Entwicklungen bei Meierhofer, „cloud ready“ ist.










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