
Gut gelaunt und leger gekleidet sitzt er in seinem Sessel im Hotel Titanic am Berliner Gendarmenmarkt. Ein anstrengender Tag liegt hinter ihm, doch das sieht man ihm nicht an. Prof. Ronni Gamzu hat sich mit Prof. Karl Lauterbach (SPD) getroffen. Danach ging es weiter zur Restart IL-Konferenz, die im Roten Rathaus stattfand, wo er sich unter anderem mit seinem Kollegen der Charité, Prof. Heyo Kroemer, austauschte. Ein wichtiger Termin, denn dort trafen sich israelische Start-ups mit deutschen Investoren. Es geht darum, den Schock zu überwinden und die ausländischen Investitionen wieder anzukurbeln, die seit Kriegsbeginn am 7. Oktober 2023 die Erholung der israelischen Technologiebranche erneut bedrohen.
Künftige Innovationen im Gesundheitswesen hängen davon ab, ob wir erfolgreich grenzüberschreitende Kooperationen zwischen Systemen schließen können.
Gamzu hat einmal mehr die Werbetrommel für eine enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Israel gerührt. Denn er ist sich sicher: „Künftige Innovationen im Gesundheitswesen hängen davon ab, ob wir erfolgreich grenzüberschreitende Kooperationen zwischen Systemen schließen können, die sich ergänzen. Wir sind froh, dass wir in Israel seit über 15 Jahren über Datenerhebungen und innovative Start-ups im Bereich Künstlicher Intelligenz verfügen, die zu besseren Lösungen für die Medizin beitragen können.“ Das Tel Aviv Sourasky Medical Center – Ichilov, das von Prof. Gamzu geleitet wird, ist für Spitzenforschung und innovative Gesundheitslösungen bekannt. Es arbeitet mit mehr als 100 Start-ups im Bereich der Gesundheitstechnologie in Israel zusammen. Ein Beispiel ist das 2016 gegründete Start-up MDClone, das eine Datenanalysesoftware entwickelt hat, die Ärzten und Forschern hilft, schnell Sinn in riesigen Datenmengen zu finden und dabei die Privatsphäre der Patienten zu schützen.
Data-sharing is caring
Der charmante und unprätentiöse Gesundheitsexperte ist nicht zum ersten Mal in dieser Mission in Deutschland. Bereits im vergangenen Sommer unterzeichneten Prof. Gamzu und sein Kollege des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), Prof. Jens Scholz, einen Kooperationsvertrag zur gegenseitigen Förderung der Gesundheitsversorgung. Zuvor gab es bereits eine Partnerschaft zwischen dem Tel Aviv Sourasky Medical Center – Ichilov und dem Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) sowie eine Kooperation mit der Berliner Charité. Zentrale Aspekte dieser Kooperationen sind der Aufbau einer gemeinsamen Datenplattform, die Initiierung von Forschungsprojekten, der Austausch von Mitarbeitenden sowie der Know-how-Transfer für Digitalisierungsmaßnahmen. Denn gerade bei dem letzten Thema ist Israel Deutschland weit voraus.
„Der Datenschutz wird auch bei uns großgeschrieben. Aber wir sind flexibler und sammeln bereits seit über 12 Jahren Daten der klinischen Praxis und werten diese aus. Denn: KI ist eine der Schlüsseltechnologien für die digitale Zukunft. Mit den neuen Gesetzen in Deutschland wird es künftig jedoch auch hierzulande einfacher, Daten über Sektoren- und Ländergrenzen hinweg auszutauschen“, blickt Gamzu zuversichtlich auf weitere deutsch-israelische Kooperationsprojekte. Für ihn ist klar: „Data sharing ist caring, besonders im Gesundheitswesen. Daten retten Leben. Es muss eine Balance geben zwischen dem Schutz der Privatsphäre und der Nutzung sowie dem Austausch von Daten. Deutschland ist auf einem guten Weg, nicht nur eine neue Kultur des Datenaustausches zu etablieren, sondern damit auch eine Kultur der Innovationen zu fördern, in der Start-ups, Industrie und Unternehmen mit Krankenhäusern zusammenarbeiten.“ Für ihn und seine Kollegen in Israel ist es selbstverständlich, jede Diagnose und jedes Behandlungsdetail zu speichern, um die Behandlung optimal auf den Patienten abzustimmen.
Zur Person

Prof. Ronni Gamzu ist seit 2015 CEO des Tel Aviv Sourasky Medical Center, dem zweitgrößten Krankenhaus des Landes. Seit 2017 steht er zudem dem nationalen Health Basket Committees vor. Der 58-jährige Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe ist Facharzt für Gesundheitsverwaltung und auch außerhalb seines Faches umtriebig. Er besitzt neben seiner Professur für Gynäkologie und Geburtshilfe eine außerordentliche Professur für öffentliche Gesundheit und Gesundheits- sowie Betriebswirtschaftslehre. Zusätzlich hat er in gesundheitswissenschaftlicher Forschung promoviert und zwei Master-Abschlüsse, einen in Betriebswirtschaft und einen in Gesundheitsverwaltung, sowie einen Bachelor-Abschluss in Rechtswissenschaften.
Von 2010 bis 2014 war Prof. Gamzu Generaldirektor des israelischen Gesundheitsministeriums. 2022 wurde er offiziell zum Corona-Beauftragten ernannt, nachdem er unmittelbar nach Beginn der Corona-Pandemie ein Schutzprogramm für ältere Menschen ausgearbeitet hatte.
Gute Figur – auch auf dem politischen Parkett
Israel ist ein führender Akteur im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) und hat mit mehr als 1 500 Start-ups, die KI-Technologie anwenden, die höchste Dichte an KI-Start-ups weltweit. Der 58-jährige sympathische und sportliche Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe ist die treibende israelische Kraft hinter dem German Israeli Health Forum for Artificial Inteligence (GIHF-AI), einem Projekt, das Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Medizin, Industrie und Forschung sowie Politik zusammenbringt, die sich für eine moderne, innovative und patientenorientierte Gesundheitsversorgung einsetzen.
Auch wenn wir noch nicht ganz so weit sind, die personalisierte Medizin ist die Zukunft.
Kein Wunder, dass seine Augen leuchten, wenn vom Digitalen Zwilling die Rede ist. In ihm sieht der ehemalige Generaldirektor des israelischen Gesundheitsministeriums die Zukunft der Medizin. „Wir werden immer mehr Daten sammeln und eines Tages werden wir in der Lage sein, sie zu individualisieren. Sobald ich die gesamte Genomik, die gesamte Metabolomik, eines Menschen habe, kenne ich diesen auf molekularer Ebene und kann die Behandlung darauf abstimmen. Die Patienten bekommen dann sofort die Medikamente, die ihnen helfen und bei ihnen wirken. Es muss nichts mehr per Trial-and-Error-Prinzip ausprobiert werden. Auch wenn wir noch nicht ganz so weit sind, die personalisierte Medizin ist die Zukunft.“
Corona-Zar
Sicherlich spielt Gamzu in die Karten, dass er hierzulande bekannt ist wie ein bunter Hund. Denn spätestens seit der Corona-Pandemie eilt ihm sein Ruf in Deutschland voraus. Als Corona-Beauftragter Israels bekam er schnell hierzulande den Spitznamen „Corona-Zar“. Doch mit Glanz und Gloria hatte dieses Amt wenig zu tun. „Es war ein harter Job in einem politischen Minenfeld mit zersplitterten Zuständigkeiten. Ich sollte alle Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung koordinieren“, erinnerte sich Gamzu an die Zeit, als er den ungeliebten Posten annahm. Er folgte dem Ruf, obwohl er nur die zweite Wahl war – Prof. Gabi Barbasch war für den Posten vorgesehen, warf aber im letzten Moment nach einem Streit mit Premierminister Benjamin Netanjahu das Handtuch.
Gamzu verhalf Israel schlussendlich zu einer Vorreiterrolle in der Corona-Krise. Er steht sinnbildlich für eine erfolgreiche Impfkampagne. Als Koryphäe hat Gamzu aber auch Kritik am deutschen Umgang mit der Pandemie geäußert: „In Krisenzeiten wie diesen braucht es schnelle Entscheidungen und Menschen, die Verantwortung übernehmen und das Gesicht der Pandemiebekämpfung sind“, sagte er einmal in einem Interview mit der Welt.

Gamzu selbst weiß, auf dem roten Sessel im Titanic Hotel in Berlin sitzend, dass seine erste Aufgabe darin bestand, das Vertrauen der Bevölkerung wiederherzustellen. „Dafür war es wichtig, dass ich kein Politiker bin, sondern zu 100 Prozent Wissenschaftler. Ich musste deutlich machen, dass es mir nicht um Macht und politische Ämter geht.“
Der kleine, aber zähe Mann, der nach unserem Interview auf der Suche nach der Bio Company die Friedrichstraße hinaufjoggte, hat das Unmögliche geschafft. „Ich konnte die Bevölkerung überzeugen, dass ich keine politischen Ziele verfolge und nicht nach Macht und Einfluss strebe. Ich wurde zum Meinungsbildner und konnte als unabhängiger Koordinator an die Öffentlichkeit appellieren. So habe ich es geschafft, ihr Vertrauen zu gewinnen. Nur deshalb sind sie mir gefolgt, als ich gesagt habe, dass wir als erstes Land die Impfung durchziehen. Hätte dies ein Politiker gefordert, hätten sich die Menschen niemals angestellt und impfen lassen“, ist sich Gamzu sicher. Dass er auch Netanjahu die Stirn bot, habe ihm dabei in die Hände gespielt.
In Krisenzeiten braucht es schnelle Entscheidungen und Menschen, die Verantwortung übernehmen.
Der ehemalige Corona-Beauftragte ist sich bis heute sicher, dass Deutschland durch sein Zögern bei der Booster-Impfung zu viel Zeit verloren hat. „Wir hatten Deutschland klare Daten geliefert, dass die Delta-Variante auch bei Jüngeren schwere Krankheitsverläufe verursachen kann.“ Den Booster für Menschen ab 70 Jahren zu limitieren ist für ihn bis heute ein „Riesen-Fehler“. Diese Erkenntnis trägt sicherlich auch dazu bei, dass Gamzu auf einen engeren Datenaustausch zwischen den beiden Ländern dringt.
Im Tel Aviv Sourasky Medical Center – Ichilov handhabte er es als einer der ersten weltweit, dass Familienangehörige ihren schwerkranken Angehörigen – unter strengen gesundheitlichen Sicherheitsvorkehrungen – beistehen und Abschied nehmen konnten. „Patienten alleine sterben zu lassen, entspricht nicht unseren moralischen Vorstellungen“, begründete der Krankenhauschef damals seine Entscheidung. Der Anblick eines einsamen Sterbenden war für ihn kaum zu ertragen. Die Bilder aus dem Krankenhaus gingen damals um die Welt – und berührten viele. Sie zeigen aber auch, wie es dem hochdekorierten Mediziner gelingt, im Ausnahmezustand seinen gesunden Menschenverstand einzusetzen und individuell und flexibel zu entscheiden.






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