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Nachhaltigkeit5R-Strategie? Das Uniklinikum Bonn schwört darauf

Grüne Revolution: Mit der 5R-Strategie und innovativen Recyclingprojekten spart das Uniklinikum Bonn jährlich viel Geld und schont Ressourcen. Im Gespräch mit kma verraten die Verantwortlichen, was hinter der Strategie steckt.

Universitätsklinikum Bonn
UKB
Universitätsklinikum Bonn

Reduce, Reuse, Recycle, Rethink, Research – das sind die fünf Leitgedanken, nach denen sich das Universitätsklinikum Bonn (UKB) seit 2020 in vielen klinischen Bereichen gezielt dem Thema Nachhaltigkeit widmet. Verantwortlich für die sogenannte 5R-Strategie sind vor allem zwei Köpfe: Charlotte Kaspari, Geschäftsbereichsleiterin Facility Management, und Michael Schmitz, Abteilungsleiter Infrastrukturservice (ISS).

Zusammen stemmen sie die großen klinischen Bereiche Energie, Medien und Abfallrecycling. Allein durch die komplette Digitalisierung seines Abfallmanagements konnte das Klinikum bereits eine jährliche Einsparung von rund 90 000 Euro erzielen – mit steigender Tendenz.

Alles begann mit der „ukbgreen“-Nachhaltigkeits-AG, die Kaspari vor fünf Jahren startete: „Ich war damals neu im Geschäftsbereich, nachdem ich zuvor zehn Jahre im Baumanagement der Uniklinik und als Planerin in der technischen Gebäudeausrüstung bei verschiedenen Ingenieurbüros tätig war“, berichtet sie. Mit ihrem Know-how aktivierte sie innerhalb kürzester Zeit rund 200 Menschen zur ersten Sitzung in Präsenz.

Charlotte Kaspari
UKB
Charlotte Kaspari

Die AG war ein Selbstläufer.

42 dieser Mitarbeiter zählen heute zum festen Kern der AG, die zwei Mal im Jahr tagt und an der die Klinikmitarbeiter freiwillig teilnehmen. Mit dabei sind sowohl wissenschaftlich arbeitende Professoren als auch Oberärzte aus Fachdisziplinen wie Chirurgie und Anästhesie, die regelmäßig mit eigenen Ideen und Vorschlägen auf Kaspari und Schmitz zukommen.

„Durch Initiativen wie Friday for Future sind junge Menschen ohnehin stark am Thema Nachhaltigkeit interessiert, die Einbindung unserer Mitarbeiter war daher kein Problem – und die AG somit ein Selbstläufer“, resümiert Kaspari, die sich am UKB primär in der AG ums Energie-Management kümmert. Auch Kollege Schmitz war 2020 „sofort mit im Boot“. Heute kümmert er sich vor allem um die operative Umsetzung der 5R-Strategie in den Bereichen Kreislaufwirtschaft, Circular Economy und betriebliches Mobilitätsmanagement.

Schutz von Ressourcen

Aus seiner Sicht geht es bei der 5R-Strategie in erster Linie um den Schutz von Ressourcen: „Seit Mitte der 90er Jahre verzeichnen wir eine Steigerung im Ressourcenverbrauch des Gesundheitswesens um fast 80 Prozent“, betont Schmitz, der dieser Entwicklung entgegensteuern will. Den Klinikbetrieb sieht er als großen Hebel, erkennt aber auch die Schwierigkeiten: „Durch die strenge Regulatorik wie vertragliche Verpflichtungen und Einkaufsrichtlinien können wir die klinischen Ressourcen leider nicht kurzfristig reduzieren. Der Zuwachs von Einwegprodukten und gestiegen Hygiene-Ansprüche zur Patientensicherheit tragen weiter zu dem hohen Ressourcenverbrauch bei.“

Um dem Trend entgegenzuwirken, setzt die 5R-Strategie zum Beispiel auf die Rettung von hochwertigen Materialien wie Edelstahl und Kunststoff: „Alles Ressourcen, die enden werden“, sagt Schmitz. Im zweiten Schritt geht es darum zu analysieren, wie sich Produkte wiederverwenden und möglichst lange im Kreislauf halten lassen. „Wir haben zum Beispiel mit externen Unternehmen Projekte gestartet, in deren Rahmen ausrangierte Medizingeräte einen zweiten Lebenszyklus erhalten, als Alternative zur Verschrottung“, führt Schmitz aus. Auch eine interne Möbelbörse hat das UKB inzwischen eingerichtet, um Abfälle und Ressourcenverbrauch zu reduzieren.

Michael Schmitz
UKB
Michael Schmitz

So lernt man die Abfallströme im komplexen Klinikbetrieb erstmals richtig kennen.

Besonders aktiv sei man im Bereich Recycling. Trotz bestehender Reglementierungen und der Anforderungen für Arbeitsschutz und Hygiene, welche die thermische Verwertung alias Verbrennung vorschreiben, habe man im deutschen Mittel branchenübergreifend bereits eine Recyclingquote von 68 Prozent, weiß der UKB-Experte. „Das ist im weltweiten Vergleich zwar schon sehr gut, gilt jedoch leider nicht für das Gesundheitswesen, wo die Recyclingquote bei unter 30 Prozent liegt.“

Angesichts dieser Zahlen – 70 Prozent der Klinik-Rohstoffe landen in der Müllverbrennungsanlage – habe das UKB eine detaillierte Abfalltrennung eingeführt und sein Abfallmanagement komplett digitalisiert. „So lernt man die Abfallströme im komplexen Klinikbetrieb erstmals richtig kennen“, beobachtet Schmitz, der dieses Unwissen als Defizit bei vielen Kliniken sieht.

Recyclingquote auf 41 Prozent gesteigert

Mit diesem Ansatz wurden weitere Recyclingprojekte aufgesetzt, etwa Rücknahme-Systeme mit Herstellern. Mit messbarem Erfolg: Die Recyclingquote der Klinik ist über die vergangenen fünf Jahre von 28 auf 41 Prozent gestiegen.

Einen Unterschied in puncto Nachhaltigkeit könnten Kliniken bereits bei einfachen Einwegprodukten machen, hebt Schmitz hervor: Am UKB hat er beispielsweise für ein Recycling der klassischen Einweg-Schere gesorgt. „Selbst wenn mit einer solchen Arztschere nur einmal ein Verband durchgeschnitten wurde, so muss sie im deutschen Regelbetrieb nach Vorschrift in die Müllverbrennung“, weiß er. Bundesweit seien dies 20 Millionen Scheren pro Jahr. In Bonn passiere das jedoch nicht mehr.

Einweg ist häufig billiger als eine zentrale Sterilisation.


Die 130 000 Scheren, die jährlich für unter einem Euro pro Stück eingekauft und verwendet werden, schickt das UKB nun in eine Recyclinganlage zur Rettung des hochwertigen Edelstahls. Eine zentrale Sterilisation der Scheren sei für das Klinikum nicht rentabel und bei Einweginstrumenten nicht vorgesehen: „Einweg ist am Ende des Tages häufig billiger als eine zentrale Sterilisation zwecks Mehrfachverwendung“, so das Fazit am UKB, das wie alle Kliniken bundesweit unter einem enormen Kostendruck steht.

Schwierige Finanzierung

Doch wie lassen sich all diese Initiativen finanziell umsetzen? „Gerade im Bereich Energie und Bau kostet das natürlich immer Geld“, weiß Kaspari. Mit Beginn des Ukraine-Krieges habe man viele Energie-Sparmaßnahmen am UKB umgesetzt und seitdem beibehalten. Dazu gehören kleine Maßnahmen wie Temperatur-Limits im Haus, aber auch große Projekte wie das im Jahr 2023 gestartete, zwölf Millionen Euro teure Photovoltaik-Projekt.

„Hier lassen wir gerade 24 PV-Anlagen auf unsere Dächer bauen, somit einen der größten PV-Parks in der Region. So können wir dann acht Prozent unseres Strombedarfs decken“, verrät die Energie-Expertin. Finanziert werde dies über Kredite der NRW-Bank. 2026 soll das Projekt abgeschlossen sein.

Universitätsklinikum Bonn – Photovoltaikanlage
UKB
Universitätsklinikum Bonn – Photovoltaikanlage

Zurzeit betreibt das UKB wärmegeführte Blockheizkraftwerke (BHKW) aus dem Jahr 2016: „Sie produzieren Wärme und Dampf, die über Turbinen Strom für unser Klinikum erzeugen.“ Rund 70 Prozent des klinischen Strombedarfs können auf diese Weise im Durchschnitt gedeckt werden.

2024 stellte Kaspari beim Vorstand ihren Masterplan für eine Fortführung der BHKW vor. „2016 waren die gasgeführten BKHWs das Beste, was es auf dem Markt gab“, erzählt die Energie-Expertin. Mittlerweile sei Gas als klimaschädliche und endliche Ressource jedoch in die Kritik geraten. Trotzdem gibt es Kaspari zufolge in dieser Größenordnung bisher noch keine Alternative zum Gas.

Die Alternative Holz sei ebenfalls mit CO2-Belastung verbunden, die Alternative Wasserstoff wiederum sei zu teuer. Daher betreibt das UKB die BHKW als Brückentechnologie vorerst weiter. Die Strategie: Man will Kälte über die PV-Anlagen produzieren und Wärme über Wärmepumpen dezentral in den einzelnen Gebäuden verteilen, so dass im Winter geheizt und im Sommer gekühlt werden kann.

Am Ende des Tages wird nachhaltiges Handeln kostengünstiger sein.

Trotz der ökonomischen Herausforderungen, die mit den notwendigen Investitionen in Bau und Gebäudehüllen einhergehen, setzen die Nachhaltigkeitsbeauftragten auf den Schulterschluss von Ökonomie und Ökologie: „Nachhaltiges Handeln wird am Ende des Tages auch kostengünstiger sein“, ist Schmitz überzeugt. Je besser ein Klinikum im Abfall- und Energiemanagement aufgestellt sei, desto kostengünstiger könne es den Betrieb auch gestalten. So spare die Uniklinik jährlich bereits 100 000 Euro an Entsorgungskosten ein.

Eine weitere Erkenntnis hat Schmitz außerdem: „Die CO2-Bepreisung wird das Lenkungsmittel der Zukunft. Deshalb müssen wir über unseren Umgang mit Ressourcen gründlich nachdenken. Allein im klinischen Entsorgungsmanagement gibt es eine Preissteigerung um 22 Prozent der Abfallströme mit deutlicher Steigerung im Jahr 2027.“ Sein Rat: Kliniken sollten so viel wie möglich in die stoffliche Verwertung (Recycling) geben und so wenig wie möglich in die thermische Verwertung (Verbrennung).“

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Genau das tut das UKB bereits: Mit dem Recycling im OP-Bereich wurde ein bundesweit einmaliges Projekt gestartet, bei dem hochwertige OP-Geräte aus Edelstahl und Kunststoff gerettet werden. „Diese rohstoff-intensiven Geräte, die im klassischen Betrieb nach einmaliger Verwendung in der Tonne landen, sammeln wir seit 2023 und führen sie auf Grund des Verbots der Wiederverwendung der stofflichen Verwertung zu“, erläutert Schmitz.

Seit 2023 hat das UKB 84 Gitterboxen voller chirurgischer OP-Einweggeräte gesammelt, wie beispielsweise Stapler, welche aus hochwertigen Rohstoffen produziert werden. Das Material wird in einer Sonderrecyclinganlage für E-Schrott, hochwertigen Kunststoff und Edelstahl vollautomatisch sortenrein sortiert und geschreddert.

Universitätsklinikum Bonn – Recycling im OP-Bereich
UKB
Universitätsklinikum Bonn – Recycling im OP-Bereich

Mit dem US-amerikanischen Medizinproduktehersteller Johnson&Johnson hat das UKB überdies ein Rücknahmesystem für die mit Aluminium verpackten Klammer-Automaten aufgesetzt. „Für diese separate Trennung war viel Lobbyarbeit notwendig“, erzählt Schmitz. Darüber hinaus engagiert sich das UKB auch insgesamt für nachhaltiges Verpackungsmaterial – ist hier ein Pilothaus für Deutschland und setzt sich dafür ein, dass zukünftige Verpackungsmaterialien bereits im Design auf Circular Economy ausgelegt werden.

Carsharing und Mitfahr-App

Wie viele Unikliniken hat auch das auf dem Venusberg über Bonn gelegene UKB mit seinen 9000 Mitarbeitern eine angespannte Verkehrs- und Parksituation. Um seinen CO2-Abdruck zu senken, hat das Klinikum deshalb ein nachhaltiges Mobilitätsmanagement gestartet: „Damit unsere Mitarbeiter seltener mit dem eigenen Auto zur Arbeit kommen, bieten wir seit fünf Jahren möglichst viele Alternativen an – Carsharing-Stationen auf dem Campus und eine Mitfahr-App beispielsweise, über welche Fahrgemeinschaften gebildet werden können“, schildert Schmitz und verweist überdies auf die optimierte Anbindung an den ÖPNV.

2025 führt das UKB außerdem das geleaste Job-Rad ein. Inzwischen gibt es 1800 Fahrrad-Stellplätze auf dem Klinikcampus. E-Bikes werden den Beschäftigten sogar zum Testen kostenfrei zur Verfügung gestellt. Die zusätzlichen Mobilitätsangebote, teils in Kooperation mit den Stadtwerken, kommen bei der klinischen Belegschaft gut an – und haben bereits zu einer (messbaren) Reduktion der Auto-Mobilität von 44,3 auf 40,5 Prozent geführt.

Universitätsklinikum Bonn
F. J. Saba/UKB
Universitätsklinikum Bonn

Trotzdem gestaltet sich die nachhaltige Ausrichtung der Mobilität im Vergleich zur Abfalltrennung als schwieriger: „Es ist eben ein sensibler Eingriff in die Privatsphäre der Mitarbeiter“, erklärt Schmitz. Neu hinzugekommen seien 2024 außerdem die E-Lade-Säulen, an denen man E-Autos aufladen könne: „Wir haben 34 Ladepunkte auf dem Gelände“, sagt Kaspari stolz und fügt an: „E-Fahrräder darf jeder in seinem Büro aufladen.“

Weitere Nachhaltigkeits-Projekte sind derzeit in der Planung. „Die flächendeckende Einführung des gelben Sacks beispielsweise“, sagt Schmitz, der weiß, dass ein erheblicher Teil der deutschen Kliniken noch nicht am dualen System teilnimmt.

Erfolgsmessung für die 5R-Strategie

Doch wie wird der Erfolg einer Nachhaltigkeitsstrategie wie der 5R-Strategie eigentlich gemessen? „Über Kennzahlen wie Kostenauswirkungen“, verrät Schmitz und verweist auch auf das CSR-Reporting, das sein Kollege Gützloe am UKB verantwortet. CO2-Bilanzen wiederum seien personell allerdings zu aufwendig, gibt er zu.

Weiteres Potenzial für ihr Klinikum sehen Kaspari und Schmitz im Bau. „Obwohl wir einen Neubau von Anfang 2000 haben, ist unsere Architektur überhaupt nicht auf den Klimawandel eingestellt“, sagt Kaspari. Große Fensterflächen und fehlende Klimadecken legen ihr zufolge deshalb einen klimafreundlichen Umbau nahe. „Ein Umbau ist immer dem Neubau vorzuziehen“, so ihr Rat für die deutschen Kliniken. Auch die Umgestaltung der Speiseversorgung sei ein Hebel für den nachhaltigen Krankenhausbetrieb, ergänzt Schmitz: Fleischlose Menüs und eine Reduktion von Catering und Einwegprodukten seien der Weg in die Zukunft.

Das ist Schwarmintelligenz.

Ohne Frage ist der Fortschritt am UKB auch auf den intensiven Austausch und die enge Zusammenarbeit mit dem Verband deutscher Universitätsklinika (VUD) und der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen zurückzuführen, die sich für Klimaneutralität stark machen. „Das ist Schwarmintelligenz“, meint Schmitz.

Überhaupt gehe es für viele Kliniken darum, erst einmal ins Machen zu kommen, findet der UKB-Experte: Er empfiehlt CEOs und Klinikmanagern, nicht länger auf fertige Lösungen zu warten, sondern Projekte in Eigenregie umzusetzen. Netzwerken helfe dabei. Der Austausch mit anderen Kliniken sei essenziell, denn am Ende des Tages hätten alle dieselben Probleme, so sein Credo: „Wir müssen auch im Gesundheitswesen ins zirkuläre Handeln kommen. Kliniken, die sich bereits heute auf den Weg machen, werden morgen ökonomische Vorteile haben und die Betriebskosten senken.“

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