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KatastrophenDiese Maßnahmen können Kliniken in Krisen schnell ergreifen

Wie können sich Kliniken gegen Cyberangriffe, Stromausfälle oder Massenanfälle von Verletzten rüsten? kma sprach mit Werner Frenz, warum moderner Kritis-Schutz oft am Investitionsstau scheitert und was wir von Skandinavien lernen können.

Einsatzfahrzeug mit der Aufschrift Katastrophenschutz
EKH-Pictures/stock.adobe.com
Symbolfoto

Herr Frenz, das Kritis-Dachgesetz wurde verabschiedet. Welche Herausforderungen sehen Sie durch die neuen gesetzlichen Vorgaben auf die Klinikbetreiber zukommen? 

Zunächst möchte ich betonen, dass viele deutsche Krankenhäuser noch nicht ausreichend krisenfest sind. Das betrifft nicht nur militärische Konflikte, sondern auch Stromausfälle, Anschläge oder Naturkatastrophen wie die Flut im Ahrtal. 

Zur Frage: Aus Herstellersicht lag der Schwerpunkt bisher auf digitaler Sicherheit – auch bei der Gesetzgebung. Das Kritis-Dachgesetz erweitert diesen Fokus. Es geht nun auch um den Schutz physischer Infrastruktur, etwa Gebäude, und um die Etablierung von Prozessen, die kritische Einrichtungen absichern. Dabei werden nahezu alle Krankenhäuser, unabhängig von ihrer Größe, einbezogen. 

Wo sehen Sie die größten Schwachstellen in der aktuellen Vorbereitung?

Im Bereich der Akutmedizin nehme ich seit Jahren wahr, dass die Bundesländer ihrer Investitionsverpflichtung offenbar noch nicht ausreichend nachkommen. Die Technik ist häufig überaltert, weil vor 15 bis 20 Jahren zum Beispiel Schutzmechanismen gegen Cyberangriffe noch nicht integriert wurden. Da ältere Geräte zudem oft nicht netzwerkfähig sind und Ransomware-Angriffen kaum standhalten können, sollte die Technik zumindest modernisiert werden. 

Wo das Modernisieren und Erweitern nicht möglich ist, muss ein Austausch erfolgen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Unsere modernen Geräte arbeiten mit einem standardisierten Schnittstellenprotokoll und nutzen dabei Verschlüsselungsverfahren, die ähnlich auch im Online-Banking angewendet werden. Die Geräte funktionieren auch offline, wobei einige Funktionen wie der Datentransfer dann deaktiviert sind. 

Viele Krankenhäuser haben keine Kapazitäten, um bei einem plötzlichen Anstieg von Verletzten flexibel zu reagieren.

Ein weiteres Problem ist die fehlende Berücksichtigung von Massenanfall-Szenarien (MANV) bei Bauprojekten. Viele Krankenhäuser haben keine Kapazitäten, um bei einem plötzlichen Anstieg von Verletzten flexibel zu reagieren. Länder wie Kanada oder Skandinavien sind hier besser vorbereitet, vermutlich weil sie bezogen auf das einzelne Krankenhaus häufiger Krisen erleben. Deutschland muss aus seiner Komfortzone heraus.

Regelmäßige Krisenübungen sind ebenfalls entscheidend – in Kooperation mit lokalen Akteuren wie der Feuerwehr. Das betrifft aber nicht nur die Krankenhäuser, sondern auch die Industrie. Auch wir müssen dazulernen. Während der Pandemie haben wir gemeinsam mit Kliniken Lösungen entwickelt, die später wieder in Vergessenheit gerieten. Ein Beispiel ist die Resilienz in Lieferketten: Es fehlen lokale Lager und Absicherungen gegen Engpässe. Hier ließe sich mit sektorübergreifender Zusammenarbeit viel erreichen – oft ohne hohe Kosten. 

In Berlin hatten wir Anfang des Jahres den Stromausfall. Wie lange können Ihre Systeme bei einem Blackout oder Cyberangriff autark arbeiten?

Grundsätzlich können die meisten Dräger-Geräte mit wiederaufladbaren Akkumulatoren (UPS) ausgestattet werden oder sind per se mit Batterien ausgestattet. Entscheidend ist, welche Variante vor Ort installiert ist. Sind die Geräte mit UPS ausgestattet, dann können sie einen längeren Zeitraum arbeiten. Sie brauchen als Operateur also keine Angst haben, dass Sie eine OP abbrechen müssen.

Auch die Beatmungsgeräte können Kliniken einige Stunden laufen lassen, so dass es möglich ist, den Zeitraum bis zur Reaktion des Krankenhauses, zum Beispiel durch Inbetriebnahme der Notstromaggregate, zu überbrücken.

Viele unserer Geräte funktionieren unabhängig von Gaszufuhr, etwa mit Umgebungsluft. Das ist zwar nicht der reguläre Gebrauch, aber in einer Notsituation die beste Option. So bleibt die Versorgung kontrolliert, ohne, dass Patienten hektisch manuell beatmet werden müssen. Sauerstoffflaschen können hinzugefügt und manuell geregelt werden. Unsere Produkte sind hier sehr weit entwickelt. 

Auf der Kritis-Fachtagung in Berlin sprachen Sie von der „Umwandlung“ von Räumen. Wie flexibel ist Ihr System? Sind feste Leitungen nötig oder handelt es sich um mobile Einheiten?

Der Bereich OP ist sicherlich nicht einfach zu verlegen, da Klimaanlagen, Versorgung mit Sterilgütern und Logistik sehr komplex sind. Intensiveinheiten oder Intermediate Care Bereiche lassen sich relativ einfach erweitern, wenn Strom- und Gasversorgung beim (Aus-)Bau entsprechend berücksichtigt wurden. Man kann es mit einer Wasserversorgung vergleichen: Ein installierter kleiner Hahn kann nicht plötzlich große Mengen Wasser liefern. 

Kliniken können jedoch Vorsorgemaßnahmen treffen, etwa Vorinstallationen, die im Ernstfall schnell genutzt werden können. So entsteht Flexibilität in bestehenden Gebäuden. 

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Resilienz kostet Geld, das Kliniken oft fehlt. Wie überzeugen Sie einen kaufmännischen Direktor, in Technik für den Ernstfall zu investieren?

Eine klinikgeschäftsführende Person muss sich zuerst fragen, welchen Versorgungsauftrag ihr Haus hat – und wie sie diesen in jeder Situation sicherstellen kann. Die persönliche Haftung macht diese Frage zunächst unabhängig vom Budget beantwortbar. Dennoch muss die Finanzierung mit den Trägern geklärt werden. Diese wissen, dass gesetzliche Vorgaben nicht kostenlos umzusetzen sind.

Einen Deich baut man vor der Flut, nicht danach. Und zwar so hoch, wie die höchste bekannte Flut war.

Ich bin ein norddeutsches Kind: Einen Deich baut man vor der Flut, nicht danach. Und zwar so hoch, wie die höchste bekannte Flut war – nicht fünf Meter höher. Das schafft Sicherheit und bleibt gleichzeitig wirtschaftlich.

Sie haben auf der Kritis-Fachtagung über schnelle Maßnahmen zur Krisenfestigkeit gesprochen. Was bedeutet das für Sie konkret?

Krisenresilienz ist in Deutschland ein relativ neues Thema. Ein Ansatz sind sogenannte „Pop-up-Intensivstationen“. Dabei werden normale Stationen im Ernstfall zu Intensivstationen umfunktioniert. Technisch ist das machbar: Dräger kann Intensivarbeitsplätze mit Monitoring, Therapie und Beatmung ausstatten. Zubehör wie Absauggeräte liefern wir ebenfalls. Bei Medikationspumpen arbeiten wir mit anderen Herstellern zusammen. Ein solcher Arbeitsplatz lässt sich auf einem Fahrwagen zusammenstellen, der im Notfall einfach in ein Zimmer gerollt wird – Plug-and-Play.

Kliniken sollten bei der Erweiterung der Intensivkapazitäten daran denken, dass diese nicht am Ende des Gebäudetraktes sind, sondern möglichst neben der Intensivstation. Ich erinnere mich an ein Beispiel, bei dem durch das Öffnen einer Brandschutztür aus einer 12-Betten-Intensivstation eine 20-Betten-Intensivtation wurde. Personell und logistisch waren diese zusätzlichen Betten voll integriert.

Wenn wir über „schnell fit machen“ sprechen: Wie trainiert man Personal auf Geräte, die vielleicht nur alle paar Jahre im Katastrophenschutz-Modus hervorgeholt werden?

Die Pandemie war ein Stresstest. Damals haben wir mit Kliniken schnell Multiplikatoren geschult, die ihr Wissen weitergaben. Das ist entscheidend, da in Krisen oft Personal fehlt. E-Learnings können die Schulung ergänzen. Auch Mitarbeitende auf Normalstationen sollten Basiskenntnisse haben, da sie in Krisen in die Pflege eingebunden werden. 

Ich appelliere an die Kliniken, den Kontakt zur Industrie zu suchen, denn es gibt viele Bereiche, in denen man schon spezielle und individuelle Lösungen gemeinsam erarbeiten kann. So haben wir die Chance, auch unser Wissen – eventuell auch aus anderen Fällen – zu transferieren.

Wichtige Resilienz-Maßnahmen für Krankenhausbetreiber im Überblick

  • Übung macht den Meister: Regelmäßige praktische Krisenübungen durchführen, idealerweise in Kooperation mit lokalen Akteuren wie der Feuerwehr oder dem Technischen Hilfswerk.
  • Versorgungsauftrag definieren: Die Patientensicherheit für Szenarien wie Stromausfall, Flut, MANV etc. im Vorfeld planen und von rein kurzfristigen Budgetfragen entkoppeln.
  • Investitionsstau abbauen: Überalterte Technik identifizieren und auf den neuesten Stand bringen, da diese oft keine modernen Schutzmechanismen besitzt.
  • Cybersecurity by Design: Bei Neuanschaffungen auf standardisierte und verschlüsselte Schnittstellenprotokolle und die Funktionsfähigkeit im Offline-Modus achten.
  • Energie-Autarkie prüfen: Sicherstellen, dass lebenswichtige Geräte wie Beatmung oder Monitoring auf Intensivstationen über leistungsfähige Akkus für mehrere Stunden verfügen. 
  • Pop-up-Konzepte erstellen: Pläne für die schnelle Umwandlung von Normalstationen in Intensivbereiche mittels mobiler „Plug-and-Play“-Lösungen (Fahrwagen) bereithalten. 
  • Gas- und Stromversorgung vorrüsten: In potenziellen Erweiterungszonen prüfen, ob die Leitungen für eine erhöhte Entnahme von medizinischen Gasen und den Betrieb mit Notstrom ausgelegt sind.
  • Logistische Flexibilität: Bauliche Maßnahmen (z.B. Brandschutztüren, die Stationen verbinden) nutzen, um Wege für das Fachpersonal im Krisenfall kurz zu halten.
  • Multiplikatoren-Schulung: Personal ausbilden, so dass Wissen intern schnell weitergegeben werden kann – unterstützt durch digitale Tools und E-Learnings.
  • Resiliente Lieferketten: Lokale Lagerbestände auf mögliche Krisen anpassen und Absprachen mit Partnern treffen, um gegen Engpässe bei Zubehör und Verbrauchsmaterial abgesichert zu sein. Gegebenenfalls sektorübergreifende Kooperationen bilden.
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