
„Der Start war sehr intensiv“, lacht Judith Gerlach, Jahrgang 1985, mit Blick auf die ersten Monate ihrer Amtszeit. Sie ist seit November Bayerns Gesundheitsministerin und muss in dieser Rolle eine große Bandbreite an Themen bespielen: „Daher fokussiere ich mich zuerst einmal und stelle wichtige Weichen für die Bereiche Gesundheit, Pflege und Prävention.“
Ohne Frage, die Krankenhausreform steht dabei ganz im Zentrum. „Bereits kurz nach meiner Vereidigung gab es auf der Gesundheitsministerkonferenz Gespräche zur Reform. Um mitdiskutieren zu können, habe ich mich gleich zu Beginn inhaltlich stark eingearbeitet“, erzählt Gerlach. Ihr geht es vor allem darum, in Bayern stabile Verhältnisse zu schaffen.
Im Fokus: Stabilisierung der bayerischen Krankenhauslandschaft
Mit Blick auf die Investitionskostenfinanzierung scheint dies zu gelingen: „Wir haben im Dezember 2023 mit den kommunalen Finanzierungspartnern für 2024 eine Erhöhung des Krankenhausförderetats um 25 Prozent, von bislang 643 Millionen Euro auf 800 Millionen Euro, beschließen können“, berichtet sie. Der Landtag muss der Aufstockung zwar noch zustimmen, die Ministerin ist jedoch optimistisch, dass man sich der Krankenhausmilliarde annähert, die nach dem Koalitionsvertrag bis zum Jahr 2028 erreicht werden soll.
Mit Blick auf eine auskömmliche Finanzierung der Betriebskosten der Krankenhäuser sei jedoch noch einiges zu tun. So geht die Ministerin aktuell davon aus, dass die Auswirkungen der vom Bund geplanten Krankenhausreform erst 2027 für alle richtig spürbar werden. „Bis dahin werden wir nicht nachlassen und uns beim Bund bemühen, die Krankenhäuser zu stabilisieren, damit sie die Reformvorhaben überhaupt noch erleben“, sagt Gerlach. Ebenfalls erforderliche Umstrukturierungen werde das Ministerium mitbegleiten – ein Prozess, der nicht in diesem Jahr abgeschlossen sein wird, sondern auch die nächsten Jahre noch beschäftigt.
Weitere Ziele der Legislaturperiode: Digitalisierung vorantreiben
Die Digitalisierung ist das zweite große Thema, dem sich Judith Gerlach widmen will: Das verwundert nicht, schließlich war die 38-Jährige über fünf Jahre lang Bayerns Ministerin für Digitales. Das Landeskompetenzzentrum Pflege Digital Bayern am Landesamt für Pflege, das am 01. Oktober 2023 die Arbeit aufgenommen hat, unterstützt und berät die bayerischen Pflegeeinrichtungen bei der Anbindung an die Telematikinfrastruktur.
„Bei der Digitalisierung geht es nicht nur darum, neue Technologien und technische Innovationen zu implementieren“, stellt Gerlach gegenüber kma Online klar, „wir wollen die vorhandenen Angebote stärker mit den eigentlichen Nutzern verknüpfen.“ So begleitet das Ministerium zum Beispiel das neue Projekt Health Care BY Your Side, ein digitales Ökosystem, das Patienten, Pflegebedürftige, aber auch Ärzte und Pflegekräfte bestmöglich bei den Veränderungen durch Digitalisierung und Innovation unterstützt: „Wir klären auf, schulen, binden die Digitalwirtschaft ein und helfen bei der Nachoptimierung, damit der Fortschritt spürbar wird.“
Außerdem arbeitet das Team um Judith Gerlach gerade eine HighCare Agenda aus. „Diese treibt gezielt Digitalisierung, KI und Zukunftstechnologien in der Pflege voran, beispielsweise bei der Ausstattung und Infrastruktur“, erklärt die Ministerin. Bisweilen gehe es dabei um Rudimentäres wie WLAN in Pflegeeinrichtungen, größtenteils aber darum, digitale Technologien nachhaltig in der pflegerischen Versorgung zu etablieren, um die Arbeit für Pflegende effizienter zu gestalten und die Versorgung der Pflegebedürftigen zu erleichtern.
Ein Baustein dafür ist der neue Pflegefinder – eine Pflegebörse für Bayern, die seit Jahresbeginn verschiedene Pflegeangebote bereitstellt: Nicht zuletzt informiert er über die freien Pflegeplätze und Unterstützungsmöglichkeiten. Auch ein virtuelles Kinderkrankenhaus konnte gestartet werden, das schon jetzt fast alle bayerischen Kinderkrankenhäuser digital miteinander vernetzt. „Wir weiten dies noch aus, indem wir telemedizinische Angebote einbinden“, kündigt Gerlach an.
Für die nächsten Monate visiert die Ministerin außerdem den Masterplan für Prävention an: Er wird die häufigsten körperlichen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes, Sucht, Infektionsschutz sowie psychische und klimaassoziierte Erkrankungen adressieren. Ab Mitte 2025 soll er fertig sein und in die Umsetzung gehen. „All diese Themen sowie unser diesjähriger Jahresschwerpunkt – die Frauengesundheit – werden uns in den nächsten Monaten intensiv beschäftigen“, skizziert Gerlach die Vorhaben: „Je schneller uns die Umsetzung gelingt, desto besser.“
Herausforderungen aktuell: Krankenhausreform & Co.
Neben der Cannabis-Legalisierung und dem Pflege-Notstand sei die Krankenhausform aktuell jedoch die größte Herausforderung, meint die Ministerin: „Viele Krankenhäuser stehen mit dem Rücken zur Wand. Wir können sie in dieser prekären Situation nicht allein lassen.“
Viele Krankenhäuser stehen mit dem Rücken zur Wand. Wir können sie in dieser prekären Situation nicht allein lassen.
Um zügig Lösungen zu finden und für Planbarkeit zu sorgen, habe sich Bayern zusammen mit den anderen Ländern bei Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach für gute Lösungen eingesetzt. „Leider ignoriert Lauterbach bislang unsere konstruktiven Vorschläge komplett“, kritisiert Gerlach. Und sie stellt klar: „Natürlich brauchen wir eine Reform und Strukturänderungen. Kein Bundesland möchte sich hier rausziehen.“ Trotz unterschiedlicher Aufstellungen gebe es Einstimmigkeit in vielen Punkten, die zeigten, dass parteipolitische Erwägungen für die Länder völlig irrelevant seien, zieht Gerlach Bilanz. „Wir wollen die Reform im Schulterschluss gemeinsam mit dem Bund auf den Weg bringen, damit sie in der Zukunft nachhaltig Bestand haben kann“, sagt sie.
Hauptkritikpunkt der aus bayerischer Sicht „handwerklich schlecht gemachten Reform“ ist die Tatsache, dass diese nach den bisherigen Plänen „massiv in die Krankenhausplanung eingreift. Die Krankenhausplanung ist jedoch Ländersache“, kritisiert Gerlach stellvertretend auch für andere Länder und fordert vehement, dass das Gesetz Ausnahmemöglichkeiten zulässt.
Krankenhausplanung ist Ländersache.
„Das ist wichtig, damit wir bei der Krankenhausplanung den unterschiedlichen Bedürfnissen der Regionen in den Ländern Rechnung tragen können, so wie es in jedem Land angemessen ist“, erklärt sie. Für einen Stadtstaat wie Hamburg könne nicht derselbe Maßstab angelegt werden wie für ein Flächenland wie Bayern. „Es muss den Ländern überlassen bleiben, welche Krankenhäuser weiterhin als Fachkrankenhäuser ihre hochspezialisierten Leistungen erbringen dürfen“, fordert sie. „Fachkrankenhäuser sind gerade in Bayern von sehr hoher Bedeutung für die medizinische Versorgung.“
Außerdem bräuchten die Krankenhäuser dringend finanzielle Hilfen, erklärt die Ministerin im Interview. „Nicht nur Bayern, sondern auch die anderen Länder fordern, dass der Bund seiner Verantwortung für die Betriebskostenfinanzierung der Kliniken gerecht wird und eine auskömmliche Finanzierung sicherstellt. Ansonsten kommen wir in einen kalten Strukturwandel, ein unkontrolliertes Krankenhaussterben“, prognostiziert Gerlach, die das völlig inakzeptabel findet und sich für einen durchdachten Strukturwandel einsetzt.
Zielstrebig in der Sache, zielstrebig in die Politik?
Nicht zuletzt möchte sich Judith Gerlach dafür stark machen, dass die Reform als ein zustimmungspflichtiges Gesetz im Bundesrat im Schulterschluss mit den Ländern gestaltet wird. Sie begründet: „Eine Reform, die so grundlegende Änderungen in der Krankenhauslandschaft herbeiführt, muss von der Zustimmung der Länder abhängen und sollte darüber hinaus von den verschiedenen Beteiligten, insbesondere also auch den Krankenhausträgern, getragen sein.“
Bei diesem Grad an benötigter Durchsetzungskraft und Verantwortung, wollen wir von Judith Gerlach wissen: Ist sie mit derselben Klarheit in die Politik gestartet? „Ganz so zielstrebig war es nicht“, verrät die Ministerin, iIch habe meine politische Karriere nicht bewusst angesteuert. Politik wurde mir aber in die Wiege gelegt, mein Großvater saß für die CSU im Bundestag, mein Vater ist im Stadtrat.“
Mit Politik groß geworden, war Gerlach also schon als Jugendliche früh politisch interessiert und engagiert. Trotzdem wählte sie ein Jurastudium und arbeitete nach ihrem Referendariat zunächst als freiberufliche, selbstständige Rechtsanwältin. „2013 wurde ich über die CSU-Listenplätze überraschend in den Bayerischen Landtag gewählt und saß plötzlich parallel zu meiner Arbeit auch im Parlament“, blickt sie zurück. Zusätzlich zu ihren Mandaten vertrat sie nun auch die Bürgerinnen und Bürger. Fünf Jahre später wurde Judith Gerlach erste Bayerische Digitalministerin – die Zulassung ruht seitdem.
Für meine Arbeit brauche ich Fingerspitzengefühl.
Dass sie jetzt als Ministerin den Gesundheitsbereich verantwortet, findet sie naheliegend: „Gesundheit ist der Bereich, der dem Menschen am nächsten ist. Sie ist unser höchstes Gut. Das wissen wir spätestens dann, wenn jemand in unserem Umfeld erkrankt.“
Jeden Tag hat sie mit verschiedenen Menschen und unterschiedlich gelagerten Lebenssituationen zu tun. Diese richtig einschätzen, bewerten und Lösungen finden zu können, die Menschen wirklich helfen, empfindet sie als eine der lohnenswertesten und spannendsten Aufgaben überhaupt. In der täglichen Auseinandersetzung mit Organisationen und Menschen kann Judith Gerlach zudem ihre persönlichen Stärken – Feinfühligkeit, Beharrlichkeit und Stärke – gut zum Einsatz bringen.
„Für meine Arbeit brauche ich Fingerspitzengefühl“, erklärt sie: „Häufig geht es um Emotion, also darum, Menschen in ihrer Situation abzuholen und ihnen nicht etwas von oben zu diktieren.“ Bei den Strukturänderungen wiederum benötigt die Ministerin Beharrlichkeit für „das Bohren dicker Bretter“, wie sie sagt. Auch Rückgrat sei in der Gesundheitspolitik der nächsten Jahre gefordert, um „mutige und mit Sicherheit auch mal unbequeme Entscheidungen treffen und durchhalten zu können“, ist sich Judith Gerlach sicher.
Ich verlange nur, was ich auch selbst vorleben kann.
Das deckt sich mit ihrer persönlichen Einstellung: „Ich beginne immer bei mir selbst gemäß dem Spruch: Die Treppe muss von oben gekehrt werden.“ Für Judith Gerlach bedeutet das, dass sie nur das von Anderen verlangt, was sie auch selbst vorlebt. „Wer Mitstreiter will, muss selbst einer sein. Wer Digitalisierung möchte und digitales Arbeiten von Anderen einfordert, muss auch selbst digital arbeiten“, definiert sie und räumt ein: „Als Ministerin arbeite ich deshalb ausschließlich mit Handy oder Tablet und stelle sicher, dass ich keinen Medienbruch habe.“
Außerdem ist es der 38-Jährigen wichtig, am eigenen Führungsstil zu arbeiten „und damit auch nicht aufzuhören“. In einem Seminar hat sie sich vor kurzem mit „gesundem Führen“ beschäftigt. „Es ist Teil meiner Selbstreflektion, dass ich meiner eigenen Erwartungshaltung immer wieder gerecht werde“, formuliert sie über ihre Werte, die sich dann auch in ihren Arbeitsergebnissen widerspiegeln.
Q&A: Judith Gerlach über die Krankenhausreform
kma: Hat die Reform auch positive Aspekte?
Gerlach: Durchaus. Einige Ansätze sind gut. Es hapert allerdings an der Umsetzung. Die Strukturbereinigung in der Fläche führt zur Konzentrierung komplexer stationärer Behandlungen auf Zentren und Schwerpunkthäuser. Das ist zwar gut, weil man so dem Personalmangel bei Ärzten und Pflege entgegensteuert. Allerdings muss auch die Grundversorgung in der Fläche erhalten bleiben. Ich habe Sorge, dass die Reform mit ihren starren Regeln den Ländern dafür nicht genügend Spielraum lässt. Das gilt übrigens auch für den Erhalt der spezialisierten Fachkrankenhäuser.
kma: Was denken Sie über die Vorhaltefinanzierung?
Gerlach: Der Bund möchte Krankenhäuser als Teil der Daseinsvorsorge zukünftig stärker für ihre Vorhaltung finanzieren. Das ist an sich absolut richtig. Auch hier ist die Umsetzung problematisch: Die konkreten, tatsächlichen Vorhaltekosten der Krankenhäuser bleiben bei der Bemessung der geplanten Vorhaltefinanzierung unberücksichtigt. Das ist wenig zielführend. Natürlich ist es positiv, dass der Bund zusätzliche Mittel für einzelne Bereiche wie Notfallversorgung oder Pädiatrie bereitstellt. Klar ist aber auch, dass die systematisch unzureichende Finanzierung weit über diese Bereiche hinausgeht. Wir müssen das Finanzierungssystem insgesamt viel übergreifender denken. Aktuell bin ich nicht sehr zuversichtlich, dass dieser Baustein der Krankenhausreform ein durchschlagender Erfolg wird.
Offenheit für das, was die Zukunft noch bringt
Hat Judith Gerlach eine Vision für ihre Karriere? „Ich fühle mich wirklich wohl, dort wo ich gerade bin. Grundsätzlich nehme ich Herausforderungen gerne an“, erklärt sie mit Überzeugung. „Das habe ich schon gezeigt, als ich das erste Mal ins Ministeramt berufen wurde und das erste Digitalministerium in Deutschland aufgebaut habe.“
Gerlach freut sich, wenn sie im Laufe der Zeit noch weitere Mitstreiter für ihre jeweiligen Projekte gewinnen und Veränderungen anstoßen kann, „denn ich schätze den Schulterschluss – und den braucht man, wenn man Dinge bewegen will.“
Ich sehe noch viel Potenzial für Digitalisierung im Gesundheitswesen.
Und das will Judith Gerlach. Nicht zuletzt nimmt sie aus ihrem früheren Amt als Staatsministerin für Digitales viel Leidenschaft und nützliches Wissen mit in ihre jetzigen Aufgaben im Gesundheitsministerium: „Da gibt es einen hohen Grad an Synergie. Überhaupt glaube ich, dass es noch viel Potenzial für Digitalisierung im Gesundheitswesen gibt.“
Damit diese jedoch als Game Changer wahrgenommen werden kann, muss sie sinnvoll in Gesundheit, Pflege und Prävention etabliert werden. „Indem wir beispielsweise Gesundheitsdaten besser nutzen, personalisierte Medizin anbieten und die Pflege entlasten“, führt die Ministerin aus. Sie erlebe oft, dass Ärzte und Pflegende das Gefühl hätten, in ihrem ohnehin stressigen Job „jetzt auch noch digitalisieren“ zu müssen. Die Ursache für dieses Problem ist ihr bekannt: „Technologie wird immer dann als Belastung empfunden, wenn sie ein Parallelsystem darstellt, analoge Prozesse also fortgeführt werden.“ Dann gebe es keinen Effizienzgewinn.
Ähnlich problematisch sei es, wenn digitale Technologie schlichtweg nicht funktioniere – bei Schnittstellen beispielsweise. „Wir müssen also sicherstellen, dass Digitalisierung einen echten Mehrwert für die Menschen im Gesundheitssektor stiftet“, kommentiert die Gesundheitsministerin abschließend. Und das, so ist sie sicher, erfordert nicht nur Technologie, sondern auch einen kulturellen Wandel.









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