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Der kma Entscheider-Blog

kma Entscheider BlogDas Problem mit den Einsparpotenzialen der Digitalisierung

Regelmäßig erscheinen Prognosen zu Einsparpotenzialen infolge der digitalen Transformation der Gesundheitsversorgung. Politik und Selbstverwaltung müssen die guten Gründe für den geringen Realisierungsgrad endlich ernstnehmen. Sonst bleiben wir lange hinter den Zielen zurück.

Philipp Köbe

Philipp Köbe ist freiberuflicher Dozent und Unternehmensberater im Gesundheitswesen.

Ende Mai veröffentlichte die Beratungsfirma McKinsey eine neue Studie zu den Einsparpotenzialen der Digitalisierung für das deutsche Gesundheitswesen. Das Potenzial wird darin als „42 Milliarden-Euro-Chance“ bezeichnet. In der Vorgängerstudie aus dem Jahr 2018 bezifferten die Autoren die Einsparmöglichkeiten noch mit „nur“ 34 Milliarden Euro pro Jahr. Nun ist es also nochmals deutlich angewachsen, um acht Milliarden pro Jahr. Aber was bedeutet das konkret und warum wurden laut Studie seit 2018 lediglich 1,4 Milliarden Euro pro Jahr erschlossen?

Das Gesundheitswesen ist ein besonderer Markt

Die Gesamtausgaben für Gesundheit lagen 2020 bei rund 440 Milliarden Euro. Ein Einsparpotenzial von 42 Milliarden würde somit etwa zehn Prozent umfassen. Wir müssen uns dieses Gesamtbudget wie einen Kuchen vorstellen, von dem verschiedene Interessengruppen ein Stück abbekommen. Die Kliniken, die niedergelassenen Ärzte, die Arzneimittelhersteller, Apotheken usw. Schneiden wir von diesem Kuchen zehn Prozent heraus, gibt es zunächst einmal weniger zu verteilen.

Einerseits wächst der Kuchen zwar ständig, wodurch sich die Stücke aller Ausgabenprofiteure vergrößern; andererseits kann der Kampf um größere Stücke des Kuchens auch auf Ebene der einzelnen Marktteilnehmer betrachtet werden, die insbesondere in den Gremien der Selbstverwaltung für ihre Interessengruppen kämpfen. Ein gutes Beispiel ist die Öffnung der ambulanten Versorgung für die Kliniken, die von der niedergelassenen Ärztelobby (aus verständlichen Gründen) bis aufs Blut bekämpft wird. Dabei wäre es gerade in unterversorgten Regionen sinnvoll, dass auch Kliniken diese Leistungen abdecken können. Es zeigt sich, dass nicht die Versorgung der Patienten an erster Stelle steht, sondern vielmehr Marktanteile im Versorgungsgeschehen gesichert werden sollen.

Patientenselbstbehandlung kostet Umsätze

Wer kann also wollen, dass durch Patientenselbstbehandlung in Höhe von 4,6 Milliarden Euro oder Online-Interaktionen von 12 Milliarden Euro Geld eingespart wird? Damit gehen den Arztpraxen und Kliniken effektiv Umsätze verloren und die Unternehmen müssen in die digitale Interaktion investieren. Will dann ein Patient seinen Termin online buchen, muss die Arztpraxis an das System des jeweiligen Anbieters angeschlossen sein und zusätzliche Gebühren zahlen. Diese Patienten-Self-Services bieten 2,5 Milliarden Einsparpotenzial. Die Logik ist also als Leistungserbringer in Digitalisierung zu investieren und dann geringe Umsätze zu erwirtschaften, weil die Menschen weniger physische Leistungen in Anspruch nehmen müssen. Man müsste also von staatlicher Seite Investitionsanreize schaffen, wie durch das KHZG bei Kliniken oder Sanktionsmechanismen, wie bei der Telematik-Infrastruktur im niedergelassenen Bereich.

Produktivitätsgewinne zugunsten der Krankenkassen

Es wird natürlich auch aus der inneren Unternehmenslogik argumentiert. Kostensenkungspotenziale, mehr Effizienz, geringerer Personaleinsatz durch digitale Prozesse. Insofern sich diese Potenziale tatsächlich realisieren lassen, wäre es ein Anreiz zu investieren, um dann höhere Gewinne zu erwirtschaften. In der Praxis oder im Klinikum. Allerdings ist die Systematik der Fallpauschalen-Vergütung in den Kliniken so konstruiert, dass Kostensenkungen also Produktivitätsfortschritte, mittelfristig über die DRG-Kalkulation der Vergütung wieder entzogen werden. Wenn unter den sogenannten Kalkulationshäusern also viele Kliniken sind, die Kosteneinsparungen realisiert haben, sinken auch die Vergütungen. Die letztendlichen Profiteure sind dann einerseits die Krankenkassen als Kostenträger der Versorgung und andererseits die Versicherungsgemeinschaft durch günstigere Finanzierungskonditionen beziehungsweise effizienten Ressourceneinsatz. Aus Sicht der Bevölkerungsgesundheit sind die Einsparpotenziale wünschenswert, aus Sicht der einzelnen Akteure liegen aber in vielen Fällen gegenläufige Interessen vor.

Neu Patienten-zentriert denken

Wie können wir es schaffen, dass die digitale Transformation dennoch erfolgreich umgesetzt werden kann? Prinzipiell führen viele digitale Innovationen, wie auch in der McKinsey-Studie beschrieben, zu einem höheren Nutzen für zu Versorgende und einer Qualitätssteigerung. Wir könnten also mithilfe der digitalen Technologien versuchen Leistungen nach ihrem Outcome zu vergüten, sodass Leistungserbringer einen höheren Anreiz haben sie einzusetzen. Mit einer anstehenden Reform der Krankenhausvergütung oder einem generellen Wechsel des Vergütungsparadigmas in der gesamten Versorgung, könnte hier ein Schritt in die richtige Richtung gegangen werden. Für eine bessere Schlagkraft und mehr Geschwindigkeit sollten der Selbstverwaltung hier Kompetenzen entzogen und an das Bundesgesundheitsministerium verlagert werden. Die Selbstverwaltung hat in zwanzig leidigen Jahren verschlafener Strukturveränderungen (integrierte Versorgung) und unzureichendem Digitalisierungswillen bewiesen, dass sie nicht in der Lage ist, diese Aufgabe zu stemmen.

Hier wären wir dann abschließend noch beim Thema Deregulierung. Hier gilt das Motto, weniger ist mehr, wie schon an anderer Stelle ausführlich analysiert. Ein Abbau an Bürokratie, Kontroll,- Regulierungs- und Überwachungswahnsinn würde auch weniger Ressourcen binden und Geld einsparen. Da wären wir dann wieder bei den Einsparpotenzialen von McKinsey. Etwa zehn Milliarden für papierloses Arbeiten. Hier könnten die staatlichen Institutionen mit gutem Beispiel vorangehen und mehr Digitalisierung wagen. Es soll ja aktuell sowieso eine Papierknappheit geben und für die Umwelt wäre es in jedem Fall auch wünschenswert.

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