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kma Entscheider BlogVon Menschen die in Bettpfannen starren

Eine gewichtige Ursache des Fachkräftemangels in der Pflege stellt sicherlich die öffentliche Wahrnehmung dar, die meist nicht von Professionalität geprägt ist. Schuld daran trägt zum einen die Politik, zum anderen einige Pflegende selbst. Aber auch Arbeitgeber, die den Pflegeberuf durch schlechte Marketingkampagnen deprofessionalisieren.

Florian Bechtel
Peter Bechtel

Florian Bechtel, Gesundheits- und Krankenpfleger und Mitglied bei Hashtag Gesundheit e.V.

Einen vielschichtigen Beruf wie die professionelle Pflege in eine möglichst prägnante Marketingkampagne zu fassen ist keine einfache Aufgabe. Die Tätigkeiten möglichst realistisch darstellen, ohne abzuschrecken oder Langeweile zu verursachen ist das anspruchsvolle Spannungsfeld, in dem sich die Marketingbeiträge bewegen. Leider ist es mittlerweile Usus geworden, dieses Spannungsfeld mit Humor zu umgehen, was professionelle Pflege meist ins Lächerliche zieht.

Bestes Beispiel hierfür ist die Marketingserie „Ehrenpflegas“, welche das Bundesfamilienministerium veröffentlichte. Die Serie handelt von drei Auszubildenden zur Pflegefachkraft, die offensichtlich nicht über ein erforderliches Mindestmaß an Intelligenz verfügen. Dies führt zu einigen komödiantischen Dialogen und Situationen. Das mag unterhaltsam sein. Die Botschaft, welche die Serie über die Pflegeausbildung vermittelt, ist allerdings verheerend. Passend zu den Filmen wurden noch Postkarten angefertigt, auf denen unter anderem der Spruch zu lesen war: „Macht sogar deine Mudda stolz“. Den Deutschlehrer auf jeden Fall nicht.

Auch viele Arbeitgeber greifen ins Marketingklo

Man sollte meinen, Arbeitgeber haben ein gesteigertes Interesse daran, junge Menschen für die Ausbildung zur Pflegefachkraft zu gewinnen, um die personelle Zukunft abzusichern. Um diese Menschen zu erreichen, werden auch hier immer wieder kreative Marketingkampagnen aufgefahren, die oft leider eher die Pflege herabwürdigen, als sie für junge Menschen interessant zu machen. Beispielsweise hält sich eine junge Frau eine „Bettpfanne“ auf Kopfhöhe vor das Gesicht: „Aussicht beschissen, Perspektive top“. Klar, nichts spricht so sehr für eine top Zukunft wie menschliche Fäkalien. Für „lustige“ Stellenanzeigen werden „Harte Kerle zur Schwester“ oder man wirbt damit, dass man „Gepflegt einen fahren lassen“ könne. Kaum zu glauben, aber dies sind reale Beispiele für Personalmarketingkampagnen in der Pflege.

Auch einige Influencer tragen zur Deprofessionalisierung der Pflege bei

In den sozialen Netzwerken tummeln sich mittlerweile auch eine Vielzahl an Influencerinnen und Influencern aus den Pflegeberufen. Während viele von Ihnen großartige Arbeit leisten und ihren Followern ein realistisches Bild aus ihrem Arbeitsalltag vermitteln, gibt es auch einige, die Aufmerksamkeit um jeden Preis erreichen möchten. Indem sie kurze Filmsequenzen, sog. Reels aufnehmen, in denen Alltagssituationen überspitzt darstellen und diese so ins Lächerliche ziehen. Gleichzeitig verweisen sie auf Onlineshops in denen unter anderem Shirts mit dem Spruch „Mit Urin und Kot verdien ich mein täglich‘ Brot“ verkauft werden.

Ich halte Humor für zwar für ein unabdingbares Element der professionellen Pflege, jedoch werden hier meist Patienten und Kollegen ins Lächerliche gezogen. Beispiele wie diese sind ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich berufspolitisch oder auf eine andere Weise für die Professionalisierung der Pflegeberufe einsetzen. Ich würde mir wünschen, dass die Verantwortlichen sich zukünftig vor der Veröffentlichung von Inhalten oder Kampagnen fragen: „Würde ich wollen, dass mein Beruf in dieser Weise dargestellt wird?“ Ich bin überzeugt, dass die Antwort in den beschriebenen Fällen ein klares „Nein“ gewesen wäre.

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