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kma Entscheider BlogFakten statt Mythen im Gesundheitswesen

Nicht erst seit der Corona Krise gehört das Gesundheitswesen und insbesondere der Krankenhausmarkt in Deutschland zu den meist diskutiertesten Themen. Häufig jedoch werden wichtige Themen auf der Grundlage unzulänglicher Daten diskutiert, wodurch Mythen entstehen, welche mitunter zu falschen Entscheidungen führen.

Manuel Heurich
BinDoc

Manuel Heurich, Gründer und Geschäftsführer der BinDoc GmbH und Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

Mythos unwirtschaftliche medizinische Fachgebiete

Ein Mythos, der sich vehement in den Köpfen vieler Stakeholder des Krankenhausmarktes hält, ist die Vorstellung, dass bestimmte Fachabteilungen nicht wirtschaftlich geführt werden können und per se zu Verlusten im Krankenhaus führen müssen. Wer sich fundiert mit dem Vergütungssystem deutscher Krankenhäuser beschäftigt, der weiß, dass das operative Krankenhausgeschäft auf einer IST-Kostenbasis kalkuliert wird. Dies bedeutet, dass die sogenannten Kalkulationskrankenhäuser ihre tatsächlichen Kosten an das Institut für Entgeltsysteme im Krankenhaus (InEK) übermitteln. Dieses bildet dann für möglichst homogene Fallgruppen einheitliche Fallpauschalen, die Diagnosis Related Groups (DRGs). Die DRGs wiederum bilden die Grundlage der Krankenhauserlöse. Unabhängig vom medizinischen Fachgebiet werden also die tatsächlich in den Kliniken angefallenen Kosten für die Kalkulation der Erlöse herangezogen.

Aus dieser Logik heraus gibt es Krankenhäuser, die medizinische Leistungen zu höheren und Krankenhäuser, welche dieselben Leistungen zu niedrigeren Kosten zu erbringen in der Lage sind. Verantwortlich hierfür sind unterschiedliche Kostenstrukturen im Bereich der Personalkosten, der Materialkosten oder der Infrastrukturkosten der Kliniken. Sodann kann eine einzelne Leistung oder ein medizinischer Fachbereich nicht per se unwirtschaftlich sein, sondern vielmehr der Dienstleistungsprozess in einer einzelnen Klinik. Prozessoptimierungen im Rahmen der Leistungserbringung können die Wirtschaftlichkeit und auch die Qualität demzufolge stark beeinflussen. Dem Mythos, dass die Pädiatrie grundsätzlich ein unwirtschaftlicher Fachbereich wäre, kann demzufolge nicht stattgegeben werden. Das bestätigt auch die bilanzielle Prüfung von Kliniken, die auf diesen Fachbereich fokussiert sind.

In unserem BinDoc Bilanz-Rating Tool führen wir eine der größten Bilanzdatenbanken von Kliniken in Deutschland. Hier taucht unter anderem auch die AKK Altonaer Kinderkrankenhaus gGmbH auf, eine Klinik mit 237 Betten und einem Schwerpunkt im Bereich Pädiatrie. Die Klinik ist in der Lage dieses Leistungsspektrum wirtschaftlich im Sinne eines positiven Betriebsergebnisses zu erbringen. In den Jahren 2012-2018 konnte in jedem Jahr ein positives Jahresergebnis und positives operative Ergebnis (EBITDA) erwirtschaftet werden. Es sind also weniger die Fachbereiche als vielmehr die Strukturen und Prozesse in der Klinik für die Wirtschaftlichkeit und Qualität der Leistungserbringung verantwortlich.

Mythos massive Zunahme der Arbeitsverdichtung in Kliniken

Ein weiterer Mythos, der sich in vielen Köpfen des Gesundheitswesens festgesetzt hat, ist eine zunehmende Arbeitsverdichtung vieler Berufsgruppen in den Krankenhäusern. Auch hier hilft ein Blick auf eine fundierte Datenbasis, um mit Fakten anstelle individuell gefühlter Wahrnehmungen argumentieren zu können.

Zunächst einmal ist es wichtig die Entwicklung der stationären Fallzahlen zu kennen. Seit dem Jahr 2018 sind die stationäre Krankenhausfallzahlen rückläufig. 2018 wurden weniger Patienten stationär behandelt als 2017 und 2019 sowie 2020 waren die Entwicklungen ebenfalls rückläufig. Im nächsten Schritt müssen die Berufsgruppen differenziert betrachtet werden. Im ärztlichen Dienst ist die Arbeitsverdichtung seit dem Jahr 2012 rückläufig. Während 2012 im Median aller deutschen Kliniken 148,39 stationäre Patienten pro ärztliche Vollkraft behandelt wurden, waren dies in 2016 noch 142,4 und im Jahr 2019 noch 135. Dies einspricht einem Rückgang von 9,02 Prozent.

Im Pflegedienst ist die Arbeitsbelastung gemessen an den Fallzahlen nahezu konstant geblieben. Wurden im Jahr 2012 noch 65,72 stationäre Patienten von einer pflegerischen Vollkraft pro Jahr versorgt, waren dies im Jahr 2019 mit 65,55 nahezu gleich viele. In der Krankenhausverwaltung ist die Arbeitsverdichtung zurückgegangen. Gemessen an den stationären Patientenzahlen, die eine Vollkraft in der Verwaltung administrieren muss, war dies in 2019 mit 322,09 ca. 2,5 Prozent weniger als noch im Jahr 2012.

Dies soll nicht bedeuten, dass die einzelnen Berufsgruppen keiner hohen Arbeitsbelastung ausgesetzt sind. Zweifelsohne sind insbesondere Pflege und Ärzte häufig sehr hohen Arbeitsbelastungen ausgesetzt. Auch die Betrachtung von individuellen Kliniken und einzelnen Fachabteilungen wie z.B. die Intensivstationen im letzten Jahr, können in der Praxis anders aussehen. Nichtsdestotrotz ist in der deutschlandweiten Entwicklung der letzten 8 Jahre berufsgruppenübergreifend ein rückläufiger Trend der Arbeitsverdichtung zu erkennen. 

Mythos Privatisierung schadet dem Gesundheitswesen

Die Corona-Krise hat auch das Thema der Privatisierung im Gesundheitswesen einmal mehr in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt. Generell wird das Thema in Deutschland mit gewisser Skepsis betrachtet. Wiederum erleichtert ein Blick in die Datenwelt eine objektive Beurteilung. Ziel aller Stakeholder des Gesundheitswesens vom Patienten, über den niedergelassenen Arzt und das Krankenhaus bis hin zu den Medizintechnik, Software- und Pharmaunternehmen sollte es sein, den Patientennutzen zu optimieren. Zur Zielerreichung braucht es unter anderem technischen Fortschritt, um auf der einen Seite den Medizinern und Pflegenden den Arbeitsalltag bestmöglich zu erleichtern, und die Ausbildung der im Gesundheitswesen tätigen so produktiv wie möglich zu gestalten. Auf der anderen Seite werden neue Instrumente, Medikamente und Geräte benötigt, um Diagnostik und Therapie weiter voranzubringen.

Der mRNA-Impfstoff, die Instrumente für die minimalinvasive Chirurgie oder neuartige softwaregestützte Entscheidungssysteme bei der radiologischen Diagnostik sind nur einige Beispiele für die durch Entrepreneure (private Initiativen) getriebene medizinischen Weiterentwicklung. Teile dieser Entwicklung konnten die durchschnittliche Verweildauer von Patienten in deutschen Kliniken vom Jahr 2002 bis zum Jahr 2018 um 21 Prozent reduzieren. Eine ähnliche Entwicklung könnte sich bei anderen klinischen Parametern wie z.B. Komplikationsraten oder Wundinfektionen durch innovative Versorgungsverbesserungen ergeben.

Allein im Jahr 2019 kamen nach Angaben des Patentamtes in München 14 000 Patentanmeldungen aus der Medizintechnik. Es sind die privaten Unternehmungen, die derartige Fortschritte in der Medizin forcieren. Der Anreiz der Individuen liegt in der Entscheidungsfreiheit die Ressourcen und Erträge nach eigenem Ermessen einzusetzen. Das gleiche gilt für private Kliniken, deren Investitionsfähigkeit deutlich über der Investitionsfähigkeit öffentlicher Kliniken liegt. Somit können sie flexibler und schneller in neue Technologien unter anderem auch die Digitalisierung investieren.

Die zentrale Frage liegt nicht darin, ob die Privatisierung sinnvoll ist, sondern darin, ob das Regulierungssystem, insbesondere das Vergütungssystem, von Seiten des Gesetzgebers richtig ausgestaltet ist. Anreize müssen im Bereich der Qualität gesetzt werden, wie es zunehmend auch von Seiten der Leistungserbringer gefordert wird.  

Fazit

Daten helfen dabei fundierte Informationen bereitzustellen. Oftmals hilft ein tiefer Blick in die Datenwelt, um Entscheidungen richtig vorbereiten und treffen zu können.

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