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kma Entscheider BlogGemeinsam stark – von altersgemischten Teams profitieren alle

In der aktuellen Diskussion um Vielfalt in der Unternehmenskultur fällt die Generationengerechtigkeit zu häufig unter den Tisch. Und das, obwohl die Silver Ager das Rückgrat des Gesundheitswesens bilden. Deutschlands Kliniken haben bei der Schaffung von passenden Rahmenbedingungen für alters- und alternsgerechtes Arbeiten großen Nachholbedarf.

ID-Native GmbH

Tanja Heiß ist Geschäftsführerin der ID-NATIVE GmbH in Goldbach und Co-Gründerin von Hashtag Gesundheit e.V.

New Work vs. Old School

In der Diskussion um die Gewinnung von Fachkräften wird immer wieder betont, wie wenig attraktiv ein Arbeitsplatz im Gesundheitswesen für junge Menschen im Vergleich zu anderen Branchen ist. Das führt zu kurz, da zu wenig berücksichtigt wird, was die Generation 50+ leistet. Die Pflegeberufekammer in Schleswig-Holstein hat bereits 2019 darauf hingewiesen, dass 40 Prozent ihrer Mitglieder älter als 50 Jahre alt sind. Auch aus Rheinland-Pfalz und Niedersachsen gab es ähnliche Meldungen. In Rheinland-Pfalz beträgt der Anteil der über 60-Jährigen hingegen nur knapp 5 Prozent, in Niedersachsen ist er ähnlich gering. 

Was hat sich getan? Einige Pflege-Einrichtungen in Deutschland bieten zwar hin und wieder explizite Benefits für Familien an, diese erstrecken sich aber leider nicht auf die Mitarbeitenden, die bereits über 30 Jahre harte Arbeit im Schichtsystem geleistet haben. Dabei bringt genau diese Generation das umfangreiche Wissen aus vielen Jahrzehnten und tausenden Patienten- und Bewohnerfällen. Erfahrungen und Geschichten mit, die Berufseinsteiger und auch ein Computer gar nicht haben können. Eigentlich ist das doch mehr als ein guter Grund, um sich Konzepte und Maßnahmen zu überlegen, um diese Mitarbeitenden zu schützen, damit sie auch in den letzten 10 bis 15 Jahren ihres Berufslebens leistungsfähig bleiben.

Eine inklusive Teamkultur, in der alle Mitarbeiter ihren Platz haben, findet sich jedoch nur selten. Es fehlt an passenden Arbeitszeitmodellen und präventiven Maßnahmen für den Erhalt der Leistungsfähigkeit – auch und gerade im Alter. Gleichzeitig muss es Plattformen geben, in denen der generationsübergreifende Austausch gefördert werden kann, um den Know-how-Transfer auf die jüngeren Mitarbeitenden sicherzustellen. Eigentlich ein klassisches New Work-Thema. Trotzdem behandeln wir es mehr als stiefmütterlich. Warum eigentlich?

Altersgerecht Arbeiten vs. alternsgerecht Arbeiten

Der Buchstabe „n“ gibt dem Wort oder Thema eine völlig neue Bedeutung. Denn er macht den Unterschied zwischen Prävention und Kompensation. Alternsgerechte Maßnahmen haben das Ziel, die Leistungsfähigkeit zu erhalten. Allerdings betrachtet sie die gesamte Spanne der Erwerbstätigkeit. Es geht um Produktivität und Innovation. Voraussetzungen dafür sind eine Vermeidung von Über- oder Unterforderung, aber auch abwechslungsreiche Tätigkeiten und regelmäßige Wissensvermittlung. Im Gegensatz dazu sind altersgerechte Maßnahmen, diejenigen, die vor allem älteren Mitarbeitenden dabei helfen, in ihrem Rahmen noch leistungsfähig zu sein. Die Arbeitsanforderungen werden angepasst und gleichzeitig Hilfsmittel und Unterstützungen zur Seite gestellt. Ein gutes Konzept berücksichtigt beides.

Ein Auszug aus Chancen und Möglichkeiten

Es gibt so viele Beispiele und Ansätze, wie Generationengerechtigkeit im Gesundheitswesen umgesetzt werden kann. Die folgenden Punkte sind nur ein Einblick:

  • Hinterfragen Sie Ihr Leitbild und Ihre Werte. Taucht bei Wertschätzung, Respekt, Fürsorge und Menschlichkeit überhaupt ein Satz zum Thema Generationengerechtigkeit auf? Sorgen Sie für Bewusstsein und leben Sie es selbst vor. Ein gutes Beispiel ist die „Gesundheitsfamilie“ der Paracelsus-Kliniken.
  • Beteiligen Sie alle Mitarbeitenden. Gezielte Mitarbeiterumfragen, aber auch Feedbacks in 1:1-Gesprächen sind wichtig. Und fragen Sie auch nach individuellen Zielen. Besonders in der zweiten Lebenshälfte verschieben sich persönliche und berufliche Ziele noch einmal. Während die eine Mitarbeiterin eine zweite Karriere starten möchte und Weiterbildungsmaßnahmen sucht, wünscht sich ein anderer Mitarbeiter vielleicht mehr Zeit für ein neues Hobby und freut sich über ein Angebot für Altersteilzeit.
  • Analysieren Sie durch eine Studie die Bedürfnisse und Herausforderungen in Ihrer Einrichtung. Bereits 2010 hat das Diakonissenkrankenhaus Flensburg in Zusammenarbeit mit der Universität Flensburg im Projekt GAbi wertvolle Erkenntnisse erhalten und Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz geschaffen. Berücksichtigen Sie dabei regionale Gegebenheiten.
  • Setzen Sie im Krankenhaus gezielt auf diverse Teams. Bringen Sie junge Menschen an die Seite von erfahrenen Mitarbeitenden. Nicht nur bei der Arbeit, sondern auch im zwischenmenschlichen Austausch. Beispielsweise über ein Paten- oder Mentoringprogramm. Der Hollywood-Film „Man lernt nie aus“ mit Robert De Niro und Anne Hathaway macht es vor.
  • Bilden Sie eine Projektgruppe und schaffen Sie einen festen Budgetrahmen. Ein schlüssiges Konzept darf unter anderem Zuschüsse bei Sehhilfen, Physiotherapieangebote, höhenverstellbare Schreibtische oder Patientenlifter am Bett enthalten. Seien Sie kreativ. Viele ältere Teammitglieder freuen sich auch über einen festen Parkplatz nahe am Klinikeingang. Ein positiver Nebeneffekt: diese Maßnahmen machen Ihre Einrichtung in Stellenausschreibungen sehr attraktiv für Bewerber über 50.
  • Arbeiten Sie eng mit den Krankenkassen zusammen, um Betriebliches Gesundheitsmanagement und vor allem Präventionsangebote für ältere Mitarbeitende zu schaffen. Das können jährliche Check-ups, aber auch gemeinsamer Sport, Bewegung und digitale Angebote für zu Hause sein. Viele Maßnahmen werden auch finanziell von den Krankenkassen mitgetragen.
  • Nutzen Sie externe (Förder-)Möglichkeiten und bringen Sie Coaches und Trainer ins Spiel, die die notwendigen Impulse geben können. Partner wie die Business Academy in Marburg begleiten in ihren Projekten Kliniken in diesen Veränderungsprozessen und unterstützen sogar dabei, die Finanzierung durch den Europäischen Sozialfonds zu beantragen.

Alle Maßnahmen haben immer das Ziel der Mitarbeitermotivation. Deswegen gibt es auch keine pauschalen Empfehlungen. Diese müssen je nach Einrichtung individuell erfragt und entwickelt werden.

Generationen-Vielfalt als Erfolgsfaktor

Als Kind lernt man, im Bus aufzustehen und älteren Menschen den Platz anzubieten. Nicht, weil es bequemer ist; sondern, weil es der Respekt vor Menschen ist, die bereits durch harte Jahre gegangen sind und in ihrem Leben viel geleistet haben. Ja, diese Menschen sind anders groß geworden, als wir, die Generationen Y und Z. Auch wenn in unserem Arbeitsumfeld heute nicht alles passt, so sind wir doch privilegiert. Wir können so vieles aus den Erfahrungen der Generationen vor uns lernen. Mit Respekt und mit Demut. Und gleichzeitig geben wir ihnen Einblicke in die Fähigkeiten und Erfahrungen, die es in der digitalen und schnelllebigen Welt von Morgen braucht. Dieser Austausch und spezielle Rahmenbedingungen schaffen eine Erfolgskultur, von der am Ende die einzelnen Mitarbeitenden und die Einrichtung als Ganzes profitieren.

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