Georg Thieme Verlag KG
Der kma Entscheider-Blog

kma Entscheider BlogPrivilegien vs. Vertrauenskultur im Klinik-Alltag

Im Zuge der Pandemie hat sich Leadership im Gesundheitswesen verändert. Der Graben zwischen Führungskräften und Beschäftigten ist größer denn je. Dabei sind Diskussionen über bevorzugtes Impfen, Homeoffice-Angebote in Corona-Zeiten und ungleich verteilte Kita-Plätze nur die Spitze des Eisberges.

ID-Native GmbH

Tanja Heiß ist Geschäftsführerin der ID-NATIVE GmbH in Goldbach und Co-Gründerin von Hashtag Gesundheit e.V.

Blind vertrauen und nicht blind folgen

Neue Arbeitsstrukturen haben Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäuser in den vergangenen Monaten vor enorme Herausforderungen gestellt. Dort wo ganze Verwaltungsteams über Wochen getrennt von Pflege und Medizin von zu Hause gearbeitet haben, musste parallel die Digitalisierung in kürzester Zeit vorangetrieben werden, um den Anforderungen an die dezentrale Kommunikation gerecht zu werden. Anstatt hier die Chance zu sehen, erste New Work-Ansätze ähnlich einem Pilotprojekt zu testen, überwiegen in den Leitungsetagen häufig Vorurteile hinsichtlich Produktivität und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten. 

Dabei beweisen Studien das Gegenteil: unter anderem die DAK und Forsa konnten zeigen: branchenübergreifend sind 73 Prozent der Beschäftigten von zu Hause produktiver! 

Die Frage, die sich also stellt ist: Warum ist es für Führungskräfte so schwierig, diesen Vertrauensvorschuss zu geben? Weil jeder von sich ausgeht und ihn ausnutzen würde? Oder herrscht ein krankhafter Kontrollzwang, was die Führung der Mitarbeiter betrifft? Jeder Teamleiter erwartet, dass die Kollegen nahezu blind folgen, wenn es um Veränderungen geht und Entscheidungen akzeptieren, ohne sie zu diskutieren oder in Frage zu stellen. 

Ich wünsche mir, dass wir das Hinterfragen öfter mal zulassen und umgekehrt mehr auf die Kompetenzen und Erfahrungen unserer Mitarbeitenden vertrauen. Das gilt auch „blind“, wenn unsere Teams im Homeoffice sitzen. Durch diese Freiheiten wird die Loyalität im Team gestärkt.

Führen heißt als Vorbild agieren

Betrachtet man den Alltag in deutschen Krankenhäusern, begegnen einem schnell die folgenden Situationen:

  • Während stationsweise digitalisiert wird, werden dem Chefarzt jeden Morgen E-Mails von seiner Sekretärin ausgedruckt, kommentiert und eingescannt bzw. zurückgefaxt.
  • Wo Mitarbeitende teilweise auf ungenießbare Kantinenkost zurückgreifen müssen, speisen Führungskräfte außerhalb ihrer Einrichtung in leckeren Restaurants – teilweise auf Einladung von Geschäftspartnern.
  • In Corona-Zeiten durften Führungskräfte Homeoffice grundsätzlich nutzen – auch weil sie dafür die optimale technische Ausstattung haben. Bei den weiteren Teammitgliedern finden Homeoffice-Regelungen nur statt, wenn sie müssen und auch dann nur unter erschwerten (IT-)Bedingungen.
  • Geschäftsführung und Direktion tummeln sich fast wöchentlich auf Kongressen oder in Weiterbildungen, während den einfachen Beschäftigten jede Chance auf einrichtungsübergreifendem und interdisziplinärem Austausch genommen wird. Von Persönlichkeitsentwicklung ganz zu schweigen.
  • Führungskräfte erhalten ausgewiesene Parkplätze in der Nähe des Gebäudeeingangs während Mitarbeitende, weit entfernte Parkmöglichkeiten nutzen müssen.
  • Während auf Führungsebene jährliche Mitarbeitergespräche und Leistungsbeurteilungen Pflicht sind, müssen einige Teammitglieder manchmal fünf Jahre oder länger warten, bis ihre Führungskraft Zeit für ein solches Gespräch hat.
  • Für Entscheidungsträger gibt es bei Bedarf immer Kita-Plätze, während vor allem die Pflege aufgrund der Schichtzeiten diese häufig gar nicht in Anspruch nehmen kann.
  • In Zeiten der Pandemie nehmen einige kaufmännische Führungskräfte eine Impfung für sich in Anspruch, obwohl das Team, das an den Patienten arbeitet, noch nicht geimpft ist.

Die Liste kann vermutlich endlos fortgesetzt werden. Natürlich ist es nur fair, wenn mehr Verantwortung auch mit mehr Privilegien einher geht. Aber im Sinne der Vorbildfunktion müssen wir uns folgende Fragen stellen: Wie können wir etwas von Mitarbeitenden erwarten, von dem wir selbst nicht bereit sind, es zu leisten und gleichzeitig Privilegien genießen, die wir ihnen nicht zugestehen? Denn wenn die Diskussion um Wertschätzung geführt wird, geht es eben nicht immer nur um monetäre Anreize, sondern häufig stecken die oben genannten Beispiele dahinter, die für Frust in der Belegschaft sorgen.

Fazit

Von Autor Paul Coelho stammt das Zitat: „Die Welt verändert sich durch dein Vorbild, nicht durch deine Meinung.“ Nur weil wir denken, es ist wichtig, dass unsere Teams sich an gewisse Spielregeln halten und es ihnen sagen, passiert gar nichts. 

Erfolgreiche Führungskräfte beginnen bei sich selbst mit der Veränderung und sind Vorreiter für andere! Sie haben keine Scheu sich die Hände schmutzig zu machen, Schwäche zu zeigen oder auf Privilegien zu verzichten. Das macht sie nahbar und stärkt ihre Rolle als Vorbild. Das fängt im Kleinen an, wenn wir uns den Kaffee selbst holen oder unseren Schreibtisch einmal in der Woche selbst putzen. 

Nutzungs­bedingungen

Bitte loggen Sie sich ein, um einen neuen Kommentar zu verfassen oder einen bestehenden Kommentar zu melden.

Jetzt einloggen

  • Derzeit sind noch keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie den ersten Kommentar!