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Der kma Entscheider-Blog

kma Entscheider BlogEine neue Klinikkette ist geboren

In Deutschland blicken wir auf eine vielfältige Trägerstruktur von Kliniken. Innerhalb der unterschiedlichen Träger ist die Organisation der Krankenhäuser vom Einzelkämpfer bis zum großen Konzern ebenfalls heterogen. Am Horizont entsteht nun eine neue Struktur – die virtuelle Klinikkette – die zukünftig eine bedeutsame Rolle einnehmen könnte.

Manuel Heurich
BinDoc
Manuel Heurich, Gründer und Geschäftsführer der BinDoc GmbH und Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.
Patient Journey Hüftendoprothetik (Ausschnitt)
BinDoc Cube
Abbildung 1 Patient Journey Hüftendoprothetik (Ausschnitt)
Ambulantisierungsmodellierung mit Bettenforecast
BinDoc Cube
Abbildung 2 Ambulantisierungsmodellierung mit Bettenforecast

Eine virtuelle Klinikkette ist die Summe digitaler Klinikzwillinge, die in der Cloud nach allen Regeln der Data Science Kunst analysiert werden kann. Was sich zunächst wie Zukunftsmusik anhört und scheinbar wenig mit dem Klinikalltag zu tun hat, ist längst in der Realität angekommen und liefert dem Klinikmanagement wie auch den medizinischen Anwendern immer größere Mehrwerte.

Aus unterschiedlichen Datenquellen können Abbilder sog. genannte digitale Zwillinge von Kliniken erstellt werden. Hierzu zählen öffentliche zugängliche Routinedaten wie Qualitätsberichte genauso wie intern verfügbare Abrechnungs- oder Labordaten, welche die Profession der Datenanalytiker mit wertvollem Futter versorgen. Durch die intelligente Verknüpfung und Modellierung dieser Daten können Patientenpfade, Prognosemodelle, Versorgungsanalysen oder Real World Evidence Studien erstellt werden, die in Zukunft immer stärker in den Klinikalltag Einzug halten werden.

Prozessoptimierung ist King

Im Jahr 2022 wurden die Weichen für eine nachhaltige Veränderung der Klinikstrukturen und -prozesse auf gesetzlicher Ebene gestellt. Zunächst hat das IGES-Gutachten das ambulante Potenzial der Kliniken aufgezeigt, daran anschließend wurde die Krankenhausplanung NRW inhaltlich gestartet und zuletzt wurde mit den Tagesbehandlungen eine weitere Versorgungsform hinzugefügt, welche die aktuellen stationär geprägten Klinikprozesse mitunter auf den Kopf stellen.

Diesen gesetzlichen Veränderungen können Kliniken nur durch eine radikale Überarbeitung der internen Klinikprozesse begegnen. Die digitalen Abbildungen dieser Prozesse in Form von digitalen Zwillingen der Kliniken, können das Krankenhausmanagement und die Prozessverantwortlichen bei der Analyse der bestehenden und der Modellierung der zukünftigen Prozesse unterstützen.

Diejenigen Kliniken, die sich hier eine Vorreiterrolle erarbeiten, werden nicht nur die vorhandenen Ressourcen optimal einsetzen können und damit Kosteneffizienz arbeiten, sondern auch in der Gunst der Patienten ganz oben stehen.

Wie kann die virtuelle Klinikkette die Analyse und Modellierung der Prozessveränderungen unterstützen?

Innovative Tools der Datenanalyse ermöglichen es die digitalen Zwillinge der Krankenhäuser, die virtuellen Kliniken, per Kopfdruck zu analysieren. Millionen von Datenpunkten können in Echtzeit analysiert und modelliert werden. Beispielsweise können auf diese Weise Patientenpfade für unterschiedliche Indikationsgebiete analysiert werden. Ist die Datengrundlage groß genug können wichtige Erkenntnisse zu den Besten Prozessen für die Behandlung bestimmter Krankheiten gewonnen werden, um für die eigene Prozessgestaltung zentrale Fragen zu beantworten:

  • Wann ist der optimale Aufnahmezeitpunkt für einen reibungslosen Prozessablauf?
  • Werden Prinzipien wie Sameday Surgery in meiner Klinik nachhaltig umgesetzt?
  • Welche Diagnostikabfolge führt zu den besten klinischen Ergebnissen bei gleichzeitig geringstem Ressourcenaufwand?
  • Wie hoch sind Komplikationsraten bei den Best-Performern und auf welchen Patientenpfad greifen diese zurück?
  • Was macht die spezialisierte Fachklinik anders als meine Klinik?

Dies sind nur einige wichtige Fragen, auf welche die virtuelle Klinik(kette) objektiv, zu jeder Zeit und per Knopfdruck Antworten liefern kann.

Abbildung 1 zeigt exemplarisch Ausschnitte einer Patient Journey beim Eingriff der elektiven Hüftendoprothese. Gegenübergestellt werden eine Best in Class Klinik im Bereich Prozesse (grün) mit 200 virtuellen Kliniken (virtuelle Klinikkette – blau). Schon bei der Auswahl von lediglich drei Kennzahlen werden die Unterschiede deutlich. Die TOP Klinik hat ihre Prozesse so weit standardisiert, dass keine elektiven Aufnahmen am Wochenende durchgeführt werden. Hierdurch werden deutlich weniger Ressourcen gebunden. Darüber hinaus ist der Aufnahmezeitpunkt der Patienten deutlich stärker auf ein fixes Zeitfenster standardisiert. Diese perfektionierten Prozesse wirken sich in den Outcomes aus. So liegen die Patienten in der Best in Class Klinik mit 4 Tagen deutlich kürzer als das untere Quartil (7,21 Tage) der Vergleichskrankenhäuser. Der Median in den Vergleichskrankenhäusern liegt bei 8,17 Tagen. Auch die Wiederaufnahmerate ist mit 0,06% in der TOP Klinik sehr gering!

Strukturanalysen und Ökonomie

Die virtuelle Klinik kann aber nicht nur bei der Optimierung der Klinikprozesse unterstützen, sondern gibt dem Management auch vollständige Transparenz über Ökonomie und Struktur der Klinik. So kann die Produktivität der eingesetzten Ressourcen im Benchmark betrachtet werden oder Strukturveränderungen einer Klinik modelliert werden.

Bei der Frage des Ambulantisierungspotenzials / -risikos helfen Modellrechnungen anhand einer virtuellen Klinik, um die Medizinstrategie sinnvoll weiterentwickeln zu können. In Dashboards kann direkt analysiert werden, welche Risiken in welchen Bereichen entstehen und wie diese kompensiert werden können.

Abbildung 2 gibt einen exemplarischen Überblick wie eine Klinikleitung die Bettenstruktur anpassen sollte, wenn derartige Strukturveränderungen auf die Kliniken zukommen. Ein interaktiver Bettenkalkulations Forecast hilft, den zukünftigen Bettenbedarf im Rahmen von Ambulantisierungsszenarien auf die Fachabteilungen zu verteilen.

Fazit

Virtuelle Klinikketten ermöglichen neue Analyse- und Modellrechnungen und geben Kliniken hierdurch neue Potenziale zur Optimierung der Klinikprozesse und -strukturen an die Hand. Dieses Potenzial zu nutzen, wird eine zentrale Aufgabe für das Klinikmanagement im Rahmen der gesetzlichen Änderungen, die auf Krankenhäuser in den nächsten Jahren zukommen werden.

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