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kma Entscheider BlogKlinikschließungen – Eine Modellrechnung

Mit dem Auslaufen der Corona-Hilfen, der neuen Krankenhausplanung und der Ambulantisierung rücken Klinikschließungen wieder stärker in den Fokus. Welche positiven Effekte mit Klinikschließungen einhergehen können, kann anhand einer Modellrechnung eindrucksvoll demonstriert werden.

BinDoc

Manuel Heurich, Gründer und Geschäftsführer der BinDoc GmbH und Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

Verteilung der EBITDA-Margen 2020
BinDoc GmbH

Abbildung 1: Verteilung der EBITDA-Margen 2020 in deutschen Kliniken.

Klinikschließung Modellrechnung Personal
BinDoc GmbH

Abbildung 2: Klinikschließung Modellrechnung Personal.

Es ist die Fülle an neuen Themen, die den Kliniken aktuell zu schaffen macht. Treffen diese politisch strategischen Einflüsse auf eine bereits angeschlagene Klinik wird es für das Management enorm schwer das Krankenhaus wieder in ein ruhiges Fahrwasser zu führen. Die politisch strategischen Themen sind die neuen Parameter der Krankenhausplanung, die speziell Kliniken in NRW treffen, die in andere Bundesländer aber ebenfalls überschwappen könnten. Parallel bindet das IGES-Gutachten zur Reform des AOP-Katalogs, das ebenfalls weitreichende Konsequenzen haben kann, viele strategische Ressourcen in den Kliniken. Der Ärzte- und Pflegemangel strapaziert zugleich das operative Tagesgeschäft vieler Krankenhäuser und hinzukommen die seit der Corona-Pandemie gesunkenen Fallzahlen, die in manchen Häusern die Umsatzerlöse einbrechen lassen.

Es ist ein gefährliches Gemisch, das viele Kliniken an den Rand ihrer Existenz bringen kann. Gleichzeitig ist es für viele Kliniken aber auch eine große Chance, als Gewinner aus diesen Herausforderungen hervorzugehen, wenn jetzt die richtigen Entscheidungen getroffen werden.

Für diese Kliniken wird es eng!

Das Jahr 2020 war aus finanzieller Sicht für die meisten Kliniken aufgrund der hohen Corona-Ausgleichszahlungen eine Erholung. Schwer wird es für diejenigen Krankenhäuser, die im Jahr 2020 trotz Ausgleichszahlungen ein negatives EBITDA erwirtschaftet haben. Ich habe diese Kliniken in der Jahresabschlussdatenbank einmal ausgewertet (Abbildung 1).

Wie aus Abbildung 1 ersichtlich, gelang es im Jahr 2020 75 Prozent der Kliniken eine positive EBITDA-Marge zu erwirtschaften. 25 Prozent der Kliniken konnten dies nicht erreichen (11 Prozent negative EBITDA-Marge und 14 Prozent ausgeglichene EBITDA-Marge). Diese 25 Prozent werden es mit den zusätzlichen Anforderungen, die jetzt auf die Kliniken zukommen, schwer haben. Für sie bleibt nur die Flucht nach vorne, aggressiv die strategische Ausrichtung zu hinterfragen. An vorderster Stelle müssen hierbei die  Ressourcen (Kapazitäten) und die Medizinstrategie inklusive des ambulanten Risikopotenzial hinterfragt werden.

Positive Effekte von Klinikschließungen auf den Fachkräftemangel

Volkswirtschaftlich betrachtet können Klinikschließungen in der aktuellen Lage insbesondere in Bezug auf den ärztlichen und pflegerischen Fachkräftemangel auch sehr positive Auswirkungen entfalten. Wir haben für die 11 Prozent der wirtschaftlich besonders bedrohten Kliniken einmal simuliert, wie viele Fachkräfte durch Klinikschließungen frei werden würden. Hierzu wurden aus den 11 Prozent diejenigen Kliniken ausgewählt, die weniger als 300 Betten haben (67 Kliniken). Abbildung 2 zeigt den Effekt dieser Klinikschließungen auf die Personalkapazitäten im ärztlichen Dienst und Pflegedienst. Insgesamt würden knapp 3000 Ärzte und knapp 7500 Pflegekräfte frei, die den Personalmangel in anderen Klinken abfedern könnten.

Konkrete Zahlen zur Anzahl an offenen Arzt- und Pflegestellen zu bekommen ist nicht ganz einfach. Vielfach wurde für das Jahr 2021 kommuniziert, dass bundesweit ca. 14 000 Stellen für examinierte Pflegekräfte nicht besetzt werden konnten. Unter diesem Aspekt wäre die freiwerdende Anzahl durch Klinikschließungen durchaus beachtlich und deutlich mehr als nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Parallel zum positiven Effekt auf den Fachkräftemangel könnten die öffentlichen Haushalte um ca. 170 Millionen Euro entlastet werden. Das ist der kumulierte Verlust, den die 33 untersuchten Kliniken in öffentlicher Trägerschaft mit negativer EBITDA-Marge im Jahr 2020 angehäuft haben.

Wie wirken sich Klinikschließungen auf die Versorgungssituation aus?

Die wohl wichtigste Frage, wie sich Klinikschließungen auf die Versorgung der Patienten auswirkt, hat jüngst das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in einer Studie untersucht. Hierzu wurden 18 Krankenhausschließungen zwischen 2015 und 2018 untersucht. Die Ergebnisse waren unter anderem eine durchschnittlich verlängerte Fahrtzeit von sieben Minuten mit dem Auto sowie eine Reduktion der Krankenhausaufenthalte um knapp 15 Prozent im ersten Jahr und um knapp 3 Prozent im zweiten Jahr nach der Schließung. Qualitative Outcomes wurden nicht untersucht.

Fazit: In Anbetracht der wirtschaftlich schwierigen Lage, des Fachkräftemangels und der Versorgungssituation nach Klinikschließungen sollten diese für Politiker kein Tabu-Thema sein. Für viele Kliniken wird die Lage in den nächsten Jahren schwierig, für andere wiederum ist die Marktbereinigung eine große Chance, die aktiv gesteuert werden kann.

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