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kma Entscheider BlogKündigungswelle wegen Impfpflicht – reale Gefahr für Kliniken?

Die berufsbezogene Covid-Impfpflicht entfacht hitzige Debatten. Erst kürzlich scheiterte ein Eilantrag zum Stopp am Bundesverfassungsgericht. Dazwischen stehen Klinikbetreiber, die an der schnellen Umsetzbarkeit zweifeln. Meinungen aus dem Klinik-Management.

ID-Native GmbH

Tanja Heiß ist Geschäftsführerin der ID-NATIVE GmbH in Goldbach und Co-Gründerin von Hashtag Gesundheit e.V.

Bundesweite oder berufsbezogene Impfpflicht?

Bisher sind 74,8 Prozent der Bevölkerung grundimmunisiert. Das entspricht 62,2 Millionen Menschen, von denen etwa 46,1 Millionen eine zusätzliche Auffrischungsimpfung erhalten. Und auch wenn in den meisten Krankenhäusern die Zahlen der geimpften Mitarbeitenden deutlich höher liegen, ist die Impfquote (noch) nicht ausreichend. Seit Wochen wird nun über die Einführung einer Impfpflicht diskutiert. Eingeführt werden soll die berufsbezogene Variante ab 16. März 2022. Aber: Bayern, Sachsen, Hessen und das Saarland äußern schon vorher laut Kritik an der Umsetzung. Vor allem der bayerische Ministerpräsident Markus Söder bevorzugt eine allgemeine Impfpflicht.

Im Gespräch mit Deutschlands Klinikverantwortlichen wird schnell deutlich, dass es in Anbetracht der aktuellen Lage, kaum denkbar ist, die berufsbezogene Impfpflicht innerhalb der kommenden Wochen umzusetzen.

Dr. Marc Nickel, Geschäftsführer Rems-Murr-Kliniken gGmbH hat dazu eine klare Meinung: „Die berufsbezogene Impfpflicht stellt ein Kündigungsrisiko dar. Die Eintrittswahrscheinlichkeit ist niedrig, da zum einen sich die Bundespolitik diesbezüglich selbst zerlegt, und zum anderen die Konsequenzen für Impfverweigerer unklar sind. Eine klare und gerechte Linie für alle Bundesbürger wäre zielführend. Eine Impfpflicht mit begründeten Ausnahmen wäre eine Lösung. Sich jedoch im Klein-Klein zu verfangen, löst Unverständnis und Frust aus. Wir und das SARS-CoV-2-Virus brauchen klare Ansagen.“ So sehen es viele weitere Klinikmanager. Die Teams, bereits geschwächt durch Isolation und Quarantäne und den bereits seit Jahren anhaltenden Fachkräftemangel, stehen vor einer Krise.

Überzeugen statt Verpflichten

Natürlich ist in vielen Häusern ein Ungleichgewicht entstanden. Während einige langjährige Mitarbeitende nicht geimpft sind, wird bei Neueinstellungen darauf geachtet, dass mindestens die Grundimmunisierung gegeben ist. Auch solche Situationen führen zu Frust und Unverständnis im Klinikalltag. Um möglichst viele Mitarbeitenden für eine Impfung zu gewinnen, wird in vielen Einrichtungen durch Informations- und Einzelgespräche aufgeklärt. Ein bisschen Hoffnung liegt auch in den neuen Impfstoffen Novavax und Valneva, die für viele Impfskeptiker eine denkbare Lösung sind. 

Nicht nur die Akutversorgung, sondern auch die Manager von Alten- und Behindertenpflegeeinrichtungen stehen der berufsbezogenen Impfpflicht entgegen. Zu unklar ist die Umsetzbarkeit und zu groß die Sorge vor Kündigungswelllen. „Seit Monaten werben wir bei unseren Mitarbeiter*innen für das Impfen. Im Rahmen von Kampagnen, aber auch im persönlichen Gespräch vor Ort klären wir auf, sensibilisieren für das Thema. Dennoch verzeichnen wir in unseren Häusern mehr als zehn Prozent ungeimpfte Mitarbeiter, die auf Grundlage der aktuellen Gesetzgebung zum 16. März 2022 freizustellen wären.“, betont Peter Zur, Geschäftsführer der Caritas-Trägergesellschaft St. Mauritius gGmbH. „Es liegen erste Kündigungsbegehren von Pflegekräften vor, die ihren bisherigen Wirkungskreis verlassen und sich alternativen bzw. gänzlich anderen Berufszweigen zuwenden. Der bereits vorhandene Fachkräftemangel wird also zusätzlich verstärkt. Mit dem Ausfall durch freigestelltes ungeimpftes Personal droht der Versorgungsnotstand. Dieser potenziert sich zusätzlich durch deutlich mehr krankheitsbedingte Personalausfälle der verbliebenen Pflegekräfte infolge von Isolations- und Quarantänebestimmungen.“

Die Frage, die wir uns stellen müssen: Zu welchem Preis sind wir bereit die berufsbezogene Impfpflicht einzuführen und ist der Preis nicht vielleicht zu hoch?

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