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kma Entscheider BlogValue-Based Healthcare wird das Gesundheitswesen revolutionieren

Im Gesundheitswesen wird seit geraumer Zeit der Begriff des Value-Based Healthcare diskutiert. Im Mittelpunkt steht die Optimierung des Patientennutzens unter ökonomischen Rahmenbedingungen. Warum dieser Ansatz zu einem zusätzlichen Schub im Gesundheitswesen führen wird, diskutiere ich in diesem Artikel.

BinDoc

Manuel Heurich, Gründer und Geschäftsführer der BinDoc GmbH und Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

Das Bestreben den Nutzen des Patienten durch geeignete Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten zu verbessern ist nichts generell Neues im Gesundheitswesen. Trotzdem könnte der Value-Based Healthcare-Ansatzes jetzt so richtig durchstarten. Die Digitalisierung und die zunehmende Vernetzung aller Stakeholder im Gesundheitswesen stellen den optimalen Nährboden für diesen Ansatz dar. An drei Beispielen soll der Nutzen exemplarisch veranschaulicht werden.

Digitale Patientenakte und Patientenportale

Digitale Patientenakten und Patientenportale vereinen gleich zwei Grundvoraussetzungen für Value-Based Healthcare. Der erste wichtige Baustein ist die Patientensouveränität. Eine digitale Patientenakte gepaart mit einem intelligenten Patientenportal rückt den Patienten mit seinen Bedürfnissen in den Vordergrund. Dies geschieht durch eine durchdachte Steuerung des Patienten entlang seines geplanten und tatsächlich durchgeführten Patientenpfades. Der Patient wird bei elektiven Eingriffen bereits vor seiner Aufnahme ins Krankenhaus mit seiner Diagnose und den Therapiemöglichkeiten vertraut gemacht.

Hierdurch wird der Patient in die Lage versetzt, sich bereits vor der Behandlung seiner Erkrankung über die Leistungserbringer, deren Angebote und Qualitätsergebnisse zu informieren. Dies ermöglicht dem Patienten, sich einen Leistungserbringer auszuwählen, der voll und ganz seinen Vorstellungen einer bestmöglichen Therapie entspricht.

Der zweite wichtige Baustein ist die Generierung zusätzlicher Informationen für die Therapieplanung auf Seiten der Leistungserbringer. Nachdem sich der Patient seinen „perfekten“ Leistungserbringer ausgesucht hat, kann er diesen mit zusätzlichen Informationen ausstatten. Dies geschieht bereits vor einem stationären Aufenthalt und kann auch für die poststationäre Behandlung von Bedeutung sein. Der souveräne Patient liefert dem Leistungserbringer durch zusätzliche Informationen die perfekte Anamnese, die maßgeblichen Einfluss auf den Therapieerfolg haben kann. Diese zwei simplen Grundvoraussetzungen liefern demnach die perfekte Basis den Patientennutzen zu erhöhen und sind gleichzeitig für den Leistungserbringer kosteneffizient.

Am Beispiel einer Knietotalendoprothese (Knie-TEP) kann der Prozess wie folgt gestaltet werden:

  • Dem Patienten werden die unterschiedlichen Leistungserbringer dieser Therapie verständlich in seinem ausgewählten Patientenprotal erläutert. Er kann die aus seiner Sicht perfekte Klinik für den bevorstehenden Eingriff auswählen. Eine Klinik die seinen Präferenzen aus Ergebnisqualität, Fürsorge, Klinikinfrastruktur, Nachsorge etc. bestmöglich erfüllt.

  • Eine Schnittstelle aus dem Patientenportal zur Klinik ermöglicht die direkte Kommunikation des Patienten mit der Klinik. Dies beinhaltet eine Eigenanamnese, die in aller Ruhe und deshalb vollständig erfolgen kann. Eine Übersicht über die Therapieplanung und den konkreten stationären Ablauf sowie die Möglichkeiten der Nachsorge inklusive der Planung des poststationären Aufenthaltes.

  • Es werden somit nicht nur der Patientennutzen in den Vordergrund gerückt, sondern auch Ressourcen auf Klinikseite optimiert, da der vollständige stationäre Ablauf inkl. Anamnese sowie die Nachsorgen bereits vor Aufnahme des Patienten feststehen.

Datenverarbeitung

Die Verarbeitung großer Datenmengen (Big-Data-Analysen) ist seit ca. zwei Jahren dabei das Gesundheitswesen zu revolutionieren. Das Potenzial der Verarbeitung großer Datenmengen zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung ist grenzenlos. Sie bietet die einzigartige Chance, die klinischen Daten zu verstehen und eine vollständig integrierte Gesundheitsversorgung zu implementieren, prädiktiv und präzise.

Nie zuvor konnten so viele klinische Ergebnisse derart individuell ausgewertet werden wie heute. Mit KI-Algorithmen sind wir in der Lage, Informationen aus Daten zu ziehen, die ein Mensch niemals erfassen könnte, etwa weil sie zu zahlreich sind (Stichwort Big Data) oder die unterliegenden Muster zu komplex. Für das menschliche Auge ist es unmöglich aus Millionen von Dateneinträgen konkrete Analysen und Zusammenhänge zu erkennen, um daraus Entscheidungsgrundlagen abzuleiten.

Die Datenverfügbarkeit und die Analysewerkzeuge, die uns heute vorliegen, bieten deshalb ungeahnte Potenziale den Patientennutzen zu verbessern. Am Beispiel der zuvor genannten Knie-TEP können wir deshalb bereits vor dem stationären bestimmte Risikoneigungen zu Komplikationen feststellen, um diese während der Operation und dem gesamten stationären Aufenthalt stärker in den Fokus zu rücken. Neigt der Patient aufgrund seiner Lebensgewohnheiten verstärkt zu gewissen Komplikationen? Traten bei dieser Art von Operation in den vergangenen Monaten häufiger Infektionen auf? Begünstigen die Ernährungsgewohnheiten des Patienten, die er zuvor über das Patientenportal erfassen konnte, einen schnellen Heilungserfolg? Diese oder ähnliche Daten, die erst durch die Digitalisierung verfügbar sind, können im stationären und ambulanten Prozessablauf des Patienten Berücksichtigung finden.

Prozessstandardisierung

Value-Based Healthcare bedeutet auch den Therapieerfolg unabhängiger von einem Behandler zu machen, denn die Heilung eines Patienten sollte nicht von einzelnen Akteuren abhängig sein. Auch hier tragen zwei wesentliche Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit zu höheren Erfolgsquoten bei.

Der erste wichtige Faktor sind Prozessstandards in der Klinik zur Behandlung eines Patienten. Diese Prozessstandards mussten früher von jeder Klinik individuell erarbeitet und implementiert werden. Heute sind wir in der Lage durch die Methoden des Process Minings und Benchmarkings Krankenhäusern diejenigen Prozesse automatisiert zu vorzuschlagen, welche den höchsten klinischen Erfolg versprechen. Hierzu werden große Datenmengen derselben Behandlung verglichen und die Prozesse detailliert aus dem Datensatz extrahiert. Neben der Optimierung einer individuellen Behandlung eines Patienten können hierdurch die Patientenpfade ganzer Fachabteilungen standardisiert werden, was zum einen bessere Therapieerfolge und zum anderen optimalere Ressourcenallokationen gewährleistet.

Der zweite wichtige Faktor ist die Vernetzung und Zusammenarbeit der unterschiedlichen Stakeholder im Gesundheitswesen. Medizinproduktehersteller können mit Leistungserbringern zusammengebracht werden, um den Prozess der Behandlung zu verbessern. Dieser Know-how-Transfer ist wichtig und neu und garantiert eine ganzheitlichere Betrachtung des Therapieprozesses am Patienten.

Greifen wir wiederum das Beispiel der Knie-TEP auf, so kann die Erfahrung der Prothesenhersteller mit dem Know-how der Anwender zusammengebracht werden, um eine bestmögliche Anwendung des Medizinproduktes zu gewährleisten. Konkret können durch digitale Analyseplattformen laufende Reportings zu klinischen, ökonomischen und prozessualen Outcomes zwischen Medizinprodukteherstellern und Anwendern ausgetauscht und diskutiert werden. In diesen laufenden Abstimmungsprozess fließen das jahrelange Entwicklungs-Know-How des Herstellers und die Erfahrungen der Anwender ein. Hierdurch entstehen Lernkurveneffekte, die zu interaktiven Anpassungen von Prozessen aber auch Produktmodifikationen führen, um das Ergebnis Stück für Stück zu optimieren.

Fazit

Value-Based Healthcare steht noch am Anfang einer potenziell großartigen Erfolgsgeschichte im Gesundheitswesen. Die Kombination aus Patientensouveränität, Datenverfügbarkeit und Datenanalyse haben den Grundstein für eine radikale Verbesserung der Therapieerfolge gelegt, die in den nächsten Monaten und Jahren den Patientennutzen in den Vordergrund rücken werden.

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