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kma Entscheider BlogWo bleibt das Out of the Box-Denken in der Pandemie?

Die Bundesregierung hat mit der Notbremse ihre Lockdown-Politik fortgesetzt und damit auch das Tübinger Modellprojekt beendet. Das Signal ist verheerend, braucht doch gerade das Gesundheitswesen kreative und innovative Lösungen.

Manuel Heurich
BinDoc

Manuel Heurich, Gründer und Geschäftsführer der BinDoc GmbH und Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.

Am Wochenende erfuhr die Lockdown-Politik der Bundesregierung ihren bisherigen Höhepunkt. Durch das Infektionsschutzgesetz reißt die Regierung mehr Macht an sich, um die aus ihrer Sicht passenden Instrumente zur bundesweiten Pandemiebekämpfung durchsetzen zu können. Mit dieser Maßnahme wird auch das objektiv betrachtet sehr erfolgreiche Tübinger Modell beendet, in welchem durch eine hoch frequentierte Teststrategie versucht wurde, mehr Freiheit bei gleichzeitig überschaubaren Infektionszahlen zu erzielen. Wenngleich das Modell von vielen Seiten kritisiert wurde, hat es doch eindrucksvoll bewiesen, dass es Alternativen zu den massiven Freiheitseinschränkungen der Lockdown-Politik gibt!

Die nackten Zahlen bestätigen das Tübinger Modell!

Die zwei Protagonisten des Tübinger Modells, die Notfallmedizinerin Lisa Federle und Oberbürgermeister Boris Palmer, hatten den andauernden Lockdown satt. Sie entwickelten das Modell nicht nur, sondern packten es auch unternehmerisch an und setzten es anschließend um. Die nackten Zahlen besagen, dass die 7-Tage-Inzidenz zuletzt in Tübingen bei 91,5 lag und damit deutlich unter den hohen Werten der meisten Landkreise in Baden-Württemberg.

Und das obwohl in Tübingen wieder viel Freiheit gewährt wurde: Cafés waren geöffnet, Shoppen wieder möglich und auch kulturelle Veranstaltungen und Kinobesuche konnten stattfinden. Objektiv gesehen war das Modell damit ein sehr großer Erfolg. Trotzdem konnte es dem Druck der Regierung und vieler Menschen, schnell wieder alles dicht machen zu wollen, nicht standhalten. Doch genau das ist es, was auch das Gesundheitswesen benötigt: Mutige Reformen von Seiten der Politik mit genauso mutigen Unternehmern, die anpacken und mit kreativen Lösungen die rückständige Digitalisierung im Gesundheitswesen vorantreiben. Erst dann kann das engagierte medizinische Fachpersonal besser arbeiten. Am Ende des Tages profitiert dann der Patient von einer optimierten Versorgung.

Die Notbremse und der Stopp der Tübinger Modells ist genau das falsche Zeichen von Seiten der Politik, die ohne neue Ideen an der Lockdown-Politik festhält. Wir hinken hinterher und wollen eigentlich mit dem Krankenhauszukunftsgesetz endlich etwas Boden gut machen. Der Wille von Seiten der Politik fehlt ein „Out of the Box-Denken“ zu honorieren und nicht zu boykottieren. Neue kreative Ideen werden einmal mehr im Keim erstickt.

Schlimmer noch als der Stopp des Tübinger Modellprojektes ist in der Zwischenzeit die Spaltung der Gesellschaft. Gewiss ist eine Pandemie eine Ausnahmesituation, aber viele Errungenschaften und Stützpfeiler unserer Demokratie wie der Föderalismus, die freie Meinungsäußerung und die Gewaltenteilung deshalb über Bord zu werfen, geht deutlich zu weit. Politische Akteure brechen aktuell jegliche Kritik an den Freiheitseinschränkungen auf eine Geringschätzung von Menschenleben herunter. Das ist töricht, ja sogar gefährlich für die Fundamente unserer Gesellschaft!

Wenn ein deutscher Politiker und Mitglied des Rundfunkrates öffentlich einen Rauswurf der am Hashtag „Alles dicht machen“ beteiligten Schauspieler fordert, dann grenzt das an das Vorgehen autoritärer Regime und steht in diametralen Kontrast zu unserer Meinungsfreiheit und unseren Werten.

Licht am Ende des Tunnels

Und trotzdem gibt es Licht am Ende des Tunnels. Die Impfungen laufen endlich auf Hochtouren. Bald wird jeder Deutsche ein Impfangebot erhalten, was dann endlich und hoffentlich zu einer strukturierten Rückkehr in unser normales Leben führen wird. Ein Großteil der Start-ups, die sich mit intelligenten Lösungen zur Transformation des Gesundheitswesens befassen, werden ihren Mut bis dahin nicht verloren haben. Dann wird der Markt mit neuen Ideen und großartigen Lösungen für den Patienten geflutet werden und wir werden unseren Rückstand in der Digitalisierung aufholen können. Vielleicht wird im Herbst auch noch ein Regierungswechsel dazu beitragen, diesen Unternehmen die perfekte Plattform im Gesundheitswesen zu ebnen.

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