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Der kma Entscheider-Blog

kma Entscheider BlogWarum das Gesundheitswesen Vorreiter beim Thema Diversity ist

Schon seit vielen Jahrzehnten ist das deutsche Gesundheitswesen bunt. Vielfältige Jobmöglichkeiten haben für Menschen aus verschiedensten Ländern ein Arbeitsangebot geschaffen. Ebenso divers sind auch die Teams in Kliniken und Pflegeheimen mit einer starken LGBT-Community.

Philipp Köbe

Philipp Köbe ist freiberuflicher Dozent und Unternehmensberater im Gesundheitswesen.

Endlich gibt es mal ein Thema, bei dem das Gesundheitswesen nicht auf den hinteren Plätzen steht. Im Diversity-Monat Mai zeigten sich Unternehmen von ihrer „bunten“ Seite. Die Logos großer Konzerne wie Daimler oder IBM wurden vorübergehend bunt eingefärbt. Damit bekennen sich Unternehmen zu ihrer Verantwortung Diversität zu fördern und für Toleranz in der Gesellschaft und im Geschäftsleben einzustehen. Die bereits vorherrschende Vielfalt in Betrieben des Gesundheitswesens kann dabei als Vorbild dienen, gerade bei der Förderung von Frauen und Menschen aus Minderheiten, die in Unternehmen unter anderem in Führungspositionen noch nicht hinreichend berücksichtigt werden.

Fachkräftemangel befördert Vielfalt der Nationen

Pflegekräfte aus Kuba, von den Philippinen oder vom Balkan sowie Ärztinnen und Ärzte aus der Ukraine, dem Iran oder Griechenland sind in Kliniken keine Seltenheit. Der Fachkräftemangel aus verschiedenen Jahrzehnten bewegte Menschen aus unterschiedlichen Gründen nach Deutschland zu migrieren, um hier einen gefragten Beruf auszuüben. Auch Asylsuchende konnten im vergangenen Jahrzehnt erfolgreich in den Gesundheitsarbeitsmarkt integriert werden.

Woher die Menschen kamen, welche Kultur sie mitbrachten oder welche Sprache sie sprechen, spielte keine wesentliche Rolle. Es zählte allein, dass sie motiviert waren hier zu arbeiten, denn sie wurden dringend gebraucht. Auch heute ist der Bedarf an qualifizierten Fachkräften im Gesundheitswesen hoch. Der Gesundheitsminister reiste in den vergangenen Jahren durch die Welt, um Fachkräfte aus Mexiko oder dem Kosovo nach Deutschland zu holen.

Eine besondere Kultur von Respekt und Toleranz

Die Vielfalt der Menschen in Gesundheitsberufen, insbesondere in großen Einrichtungen mit mehreren hundert Mitarbeitenden, führte automatisch zu einem anerkennenden respektvollen Umgang miteinander und einer großen Toleranz für Andersartigkeit. Berührungsängste oder Sprachbarrieren konnten schnell abgebaut werden, schließlich stand und steht das Ziel einer hervorragenden Patientenversorgung im Mittelpunkt. Für Befindlichkeiten bleibt da wenig Zeit.

Neben der Integration allerlei Menschen aus verschiedenen Nationen gelang auch eine hohe Sensibilität und Toleranz für Menschen, die der LGBTQ-Community (lesbian, gay, bisexual, transgender, queer) angehören. Die große Vielfalt innerhalb der Teams aber auch in Unternehmen des Gesundheitswesens insgesamt wird von vielen Menschen in der Belegschaft als Bereicherung empfunden. Gemeinsam arbeiten, voneinander lernen, miteinander respektvoll umgehen, egal woher man kommt und welcher sexuellen Orientierung man angehört.

Was im 21. Jahrhundert fast selbstverständlich klingt, wird im Gesundheitswesen tatsächlich schon lange praktiziert und sorgt damit auch für ein angenehmes Arbeitsumfeld in dem sich niemand ausgegrenzt fühlt. Studien belegen, dass diverse Teams besonders gut zusammenarbeiten und bessere Ergebnisse erzielen.

Diversität aus Selbstverständnis ohne Genderstern und Quoten

Auch wenn sich die heutige Situation mehr oder weniger zufällig oder aus Mangelsituationen heraus ergeben hat, sind einige Themen besonders hervorzuheben. Erstens das Gendern. Sofern es keine Lese- oder Verständnisschwierigkeiten verursacht, ist Gendern sicherlich unproblematisch und verträglich. Ich gendere manchmal, aber stets in geschlechterneutraler Form oder nach dem Prinzip der Rollenverteilung.

Den Gender-Gap (Pfleger:innen) finde ich extrem unleserlich und inkonsequent, da nur die binäre Geschlechterform zum Ausdruck kommt, wobei das Gendern ja gerade inklusiv alle Menschen einschließen soll. Diese Diskussion muss jedoch an anderer Stelle geführt werden. Jeder sollte schriftlich oder gesprochen Gendern wie man es selbst für angemessen hält ohne Sprachvorschriften.

Beeindruckend für das Diversity-Thema im Gesundheitswesen ist, dass die Sichtbarkeit aller Menschen auch ohne Gendersternchen in welcher Form auch immer schon so lange der Fall ist. Daher sollte das Gender-Thema heute nicht zu einer Polarisierung führen und Menschen spalten.

Und was ist mit Quoten in Führungspositionen? Der Pflegeberuf ist von Frauen dominiert. In Zukunft werden auch mehr Ärztinnen als Ärzte auf Stationen und in niedergelassenen Praxen arbeiten. In der Pflege zeigte sich in den vergangenen Jahrzehnten bereits, dass Leitungspositionen auf Stationen, in Ambulanzen oder in der Pflegedirektion entsprechend von Frauen besetzt wurden. Auch Leitungspositionen in Verwaltungen, die ebenfalls häufig mit überwiegend weiblichem Personal besetzt sind, konnten sich Frauen durchsetzen, wenngleich sie es sicherlich seltener in die Geschäftsführung von Kliniken geschafft haben.

Heute ist dieses Problem auch ohne staatlich verordnete Quoten weitestgehend reduziert. Da viele Kliniken in öffentlicher Trägerschaft geführt werden, ist die Sensibilität zur Förderung weiblicher Führungskräfte in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Zudem werden Jobs in Geschäftsführungen zunehmend auch mit weiblichem Spitzenpersonal besetzt. In der Berufsgruppe der Mediziner wird sich diese Entwicklung in den kommenden Jahren ebenfalls fortsetzen.

Meine Prognose: in 10 Jahren wird die Mehrheit der Führungspositionen in Einrichtungen des Gesundheitswesens mit weiblichem Personal besetzt sein, ohne dass dafür eine gesetzlich vorgegebene Frauenquote notwendig sein wird.

Stolz sein auf die Diversity-Vorzeigebranche

Die Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, können stolz sein auf die Diversity-Errungenschaften der Branche, um die sie sicherlich zahlreiche andere Wirtschaftszweige beneiden. Auch der Zusammenhalt von Belegschaften als Resultat von Diversität, Respekt und Toleranz ist sicherlich ein Grund, warum die besonders stark beanspruchten Berufsgruppen des Gesundheitswesens trotz der teilweise widrigen Umstände, die durch Corona deutlich offengelegt wurden, einen so großartigen Job machen. Deshalb sollten alle Menschen, die einen positiven Beitrag zu dieser Entwicklung geleistet haben und auch heute noch leisten, stolz darauf sein und ein Vorbild für andere Menschen sein. Die Menschen im Gesundheitswesen zeigen, dass die Branche auch Vorreiter sein kann. Weiter so! 

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