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kma Entscheider BlogWie wirkte sich die Corona-Pandemie auf deutsche Kliniken aus?

Der Rückgang der stationären Fallzahlen in der ersten Corona-Welle ist deutlich größer als im restlichen Jahr 2020 ausgefallen. Wie wirkte sich die Pandemie auf die Notfall- und Elektivversorgung aus, welche Kliniken stemmten den Großteil der Behandlung und was lernen wir daraus?

Philipp Köbe

Philipp Köbe ist freiberuflicher Dozent und Unternehmensberater im Gesundheitswesen.

Am vorvergangenen Montag stellte der Krankenhausexperte Reinhard Busse von der TU Berlin beim Spreestadt-Forum eine erste Bilanz zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die deutschen Krankenhäuser vor. Verglichen wurden die Jahre 2019 und 2020. In diesem Zeitraum sind die Fallzahlen insgesamt um 13 Prozent zurückgegangen, während die durchschnittliche Bettenauslastung bei rund 67 Prozent lag. Die kleineren Kliniken waren bei Auslastung und Fallzahlrückgang stärker betroffen als größere Kliniken. Insgesamt verursachten Covid-19 Patienten 2 Prozent aller Bettentage sowie 5 Prozent der in Anspruch genommenen Intensivtage. Dabei sind regionale und zeitliche Unterschiede deutlich erkennbar, unter anderem durch die beiden „Corona-Wellen“ oder die besondere Pandemielage einiger Landkreise. 

Klares Bild der Inanspruchnahme in der Covid-19-Versorgung

In der ersten Corona-Welle (KW 11-21) zeigte sich ein deutlicher Fallzahlrückgang von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Danach betrug der durchschnittliche Fallzahlrückgang rund 10 Prozent. Die Auslastung der Kliniken ist stark von der Größe der Kliniken abhängig. Krankenhäuser mit bis zu 149 Betten waren 2020 lediglich zu 61,9 Prozent ausgelastet. Kliniken ab 800 Betten weisen hingegen eine Auslastung von 73,1 Prozent aus. 

Krankenhausexperte Busse schließt daraus, dass „der Belegungsrückgang in den DRG-Häusern der kompletten Kapazität der kleinsten 538 Krankenhäuser (bis 149 Betten) entspricht. Oder anders ausgedrückt: Selbst wenn diese geschlossen worden wären, wäre die Bettenbelegung in den anderen 900 noch auf 74 Prozent gesunken. Erst bei Wegfall der kleinsten 705 Krankenhäuser (bis 199 Betten) hätte die Bettenbelegung in den anderen 714 bei 80 Prozent gelegen.“ 

Damit unterstreicht Busse seine bereits im Rahmen eines Leopoldina-Papiers 2016 veröffentlichte These, dass Deutschland mit deutlich weniger Kliniken auskommen könnte, ohne dadurch Versorgungseinschränkungen hinnehmen zu müssen. Zwar wurden in der Corona-Pandemie die üppigen, flächendeckenden Krankenhauskapazitäten gelobt, tatsächlich waren diese nach den vorliegenden Zahlen in diesem Umfang jedoch nicht notwendig. Zumal jedes (zusätzliche) Krankenhausbett nur so viel Wert ist wie das Personal, das zum Betrieb dessen bereitsteht. 

Alte Muster zeigen sich in der Pandemie deutlich

Damit wären wir beim generellen Problem der Überversorgung in Deutschland. Busse betrachtete die Klinikbelegung mit ambulant-sensitiven Fällen. Dabei handelt es sich kurz gesagt um Fälle, die anstelle eines stationären Aufenthalts tendenziell auch im ambulanten Setting behandelt werden könnten. Dazugehörige Krankheitsbilder sind unter anderem Diabetes, Bluthochdruck oder Herzinsuffizienz. 

Im EU-Vergleich rangierte Deutschland 2019 mit einem Anteil von 6,1 Prozent ambulant-sensitiver Fälle im hinteren Bereich mit Ländern wie Bulgarien und Rumänien. Dieser Anteil konnte in 2020 deutlich auf 5,8 Prozent reduziert werden. Ein besonders starker Rückgang zeigte sich bei Asthma und COPD, was sicherlich auch durch die eingeführten „AHA-Regeln“ erklärt werden kann. 

Bei Diabetes zeigt sich ebenfalls ein überdurchschnittlich starker Rückgang von 17 Prozent, bei dem von einem nachhaltig anhaltenden Effekt ausgegangen werden kann. Es wird nicht damit gerechnet, dass die ins ambulante Leistungsgeschehen verlagerten Fälle nach 2020 wieder im gleichen Umfang ins stationäre Setting zurückkehren werden. Einige Verhaltensänderungen bei der Leistungsinanspruchnahme während Corona werden auch über die Pandemie hinaus fortbestehen.

Typische planbare Operationen, wie Hüft- und Knieprothesen-Implantationen, verzeichneten zwar in der ersten Welle einen starken Rückgang, konnten jedoch anschließend auf dem Vorjahresniveau stabilisiert werden. Einen Nachholeffekt im Sommer gab es nicht. Betrachtet man die Notfälle, so zeigen sich insbesondere in der ersten Welle stärkere Rückgänge. Im Gesamtjahr fallen diese jedoch moderat bei Hirninfarkt und Herzinfarkt jeweils um -4 Prozent, die transitorische ischämische Attacke (TIA) fällt um 11 Prozent. Ein anderes Bild zeigt sich beim Rückgang der stationären Notfälle von Kindern mit durchschnittlich 21 Prozent. Einen großen Effekt gab es hier sowohl in der ersten wie auch in der beginnenden und bis zum Jahreswechsel anhaltenden zweiten Corona-Welle. 

Für eine genauere Erklärung müssen die Daten näher untersucht werden. Möglicherweise gibt es jedoch deutliches Potenzial die Behandlung von Kinder-Notfällen auch außerhalb der Pandemie ins ambulante Notfallsetting zu verlagern.

Pandemie verdeutlicht Potenzial der Strukturoptimierung 

Entgegen der Erwartung aus 2020 mit einer flächendeckend vorhandenen kleingliedrigen Klinikstruktur besonders gut für die Pandemie gerüstet zu sein, zeichnen die Daten ein anderes Bild. Die gesunkene Auslastung besonders in kleineren Krankenhäusern verdeutlicht die Überkapazitäten. Durch die Vergütung von Vorhalteleistungen ist dieser Effekt zwar teilweise beabsichtigt gewesen, es zeigte sich aber auch eine geringere Leistungsinanspruchnahme bei Fällen, die ohnehin nicht stationär behandelt werden müssen. 

Die überwiegende Behandlung von Corona-Patienten in größeren Kliniken, insbesondere mit intensivmedizinischer Betreuung, belegen die effektive Nutzung spezialisierter Zentrumsstrukturen für eine qualitativ hochwertige Versorgung. Daraus folgend können kurz- und mittelfristig zwei Maßnahmen abgeleitet werden:

  1. Die Schaffung von Vergütungsanreizen zur Verlagerung aus dem stationären ins ambulante Behandlungssetting für Kliniken. Zudem müssen Patienten bei der Notfallbehandlung incentiviert werden, ebenfalls vermehrt auf die KV-Notfallpraxisstrukturen zurückzugreifen.
  2. Klinikstrukturen müssen so umgestaltet werden, dass die Vorhaltung von weniger lukrativen Leistungen in kleineren Kliniken möglich ist, während eine Konzentration auf Zentralstrukturen für schwere Fälle stattfindet, ohne dabei Ressourcen zu verschwenden. Daraus folgt eine Reallokation von Investitionsmitteln, Personal und Erlösen, die nach einer intelligenten Systematik neu verteilt werden müssen.

Zur Aufrechterhaltung einer qualitativ hochwertigen Versorgung für alle Menschen müssen die Strukturreformen im Kliniksektor und die Korrektur von Fehlanreizen dringend umgesetzt werden. Zusätzliche Maßnahmen, wie das KHZG, dürfen nicht von den vorhandenen Strukturproblemen ablenken, wenngleich über die Veränderung der Versorgungsstrukturen hinaus weitere Maßnahmen notwendig sind, um ein hohes Leistungsniveau mit digitalen Technologien auszubauen.

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