Digitalisierung

Der Rückstand des Gesundheitswesens wächst täglich

Als der Industrieverband bvitg vor zehn Jahren die conhIT einführte, war Jens Naumann der Verbandschef und Mitinitiator. Der Geschäftsführer des Praxissoftwareherstellers Medatixx blickt zurück und erklärt, welche Schritte aus seiner Sicht nötig sind, um die sektorenübergreifende Versorgung anzuschieben.

Jens Naumann

Foto: Messe Berlin

Jens Naumann hat an der TU Dresden Informationstechnik studiert. Nach einigen beruflichen Stationen im Praxis-EDV-Umfeld ist er seit 2007 für das Unternehmen Medatixx tätig, das heute neben der Compugroup zu den Marktführern unter den Praxissoftwareherstellern gehört. Er war von 2005 bis 2009 Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands für Gesundheits-IT (bvitg); seit 2014 sitzt er erneut im Vorstand des Industrieverbandes.

Als der bvitg die erste conhIT vor zehn Jahren aus der Taufe hob, waren Sie Vorstandschef des Verbandes. Erinnern Sie sich an einen außergewöhnlichen conhIT-Moment, eine Anekdote aus jenem Jahr?

Ich erinnere mich an die erste Eröffnungs-Pressekonferenz mit Raimund Hosch von der Messe Berlin. Wir hatten bei der ersten conhIT 2008 aus meiner Sicht unglaubliche 6.000 Quadratmeter an 144 Aussteller vermietet. Auf die Frage, wo wir die conhIT in einigen Jahren sähen, antwortete Herr Hosch: In zehn Jahren bei 15.000 Quadratmetern und 400 Ausstellern. Ich sprach von „großer Freude, wenn es uns gelingen würde, den Anfangserfolg der Start-conhIT“ zu stabilisieren – und war befremdet von Hoschs Vision. Heute sind es 18.000 Quadratmeter in vier Hallen. Hosch war also deutlich zukunftssicherer als ich seinerzeit – was mich ausnahmsweise freut.

 

Seit ein oder zwei Jahren spricht die ganze Klinikbranche intensiv über Digitalisierung – was ist der Auslöser für diese Entwicklung?

Die digitale Lücke zwischen dem Gesundheitswesen und nahezu allen anderen Lebensbereichen ist einfach zu groß geworden: Die Leute machen Überweisungen online und kaufen im Internet ein – aber das Gesundheitswesen befindet sich noch im Zeitalter des Faxgerätes. Jetzt steigt der Druck auf alle Beteiligten.

 

Ist diese digitale Aufbruchsstimmung auch bei den niedergelassenen Ärzten zu spüren?

Die Ärzte merken, dass Patienten immer „digitaler“ werden. Hinzu kommt: Im niedergelassenen Bereich findet derzeit ein Generationswechsel statt. Das Durchschnittsalter der Niedergelassenen liegt mittlerweile über 55 Jahren – jetzt rückt eine jüngere Generation nach, für die „digital“ während ihres gesamten Erwachsenenlebens zum ganz normalen Lebensalltag gehörte. Nicht selten erleben wir große Verwunderung und Befremden, wenn Ärzte sich niederlassen und die „analoge IT-Realität“ der übernommenen Praxis erkennen. Dann wird nachgerüstet.

 

Wie drückt sich die derzeitige Technik-Skepsis der niedergelassenen Ärzte in Zahlen aus?

Praxen verschicken den Arztbrief noch zu 90 Prozent per Fax. Die Hürden sind zum Teil rein emotional, aber auch Fragen zum Datenschutz spielen eine Rolle. Außerdem haben die Ärzte keinen echten Anreiz, da sie keinen Nutzen in der E-Arztbrief-Kommunikation sehen und deshalb den Aufwand scheuen.

 

Wann wird sich der E-Arztbrief flächendeckend durchsetzen?

Ich habe 2007 einmal vorausgesagt, in fünf Jahren sei das ganze Gesundheitswesen durchgehend digitalisiert. Mittlerweile gebe ich zu diesem Thema keine Prognose für die nähere Zukunft mehr ab. Nur so viel: Der elektronische Arztbrief wird sich wohl erst dann flächendeckend durchsetzen, wenn der Gesetzgeber den Versand via Fax explizit verbietet –oder wenn der Faxversand nicht länger mit 55 Cent, der E-Arztbrief aber nur mit 28 Cent vergütet wird.

 

Wie sich der Markt der Praxissoftwarehersteller entwickelt und was in einem zweiten e-Health-Gesetz stehen sollte, lesen Sie im vollständigen Interview im kma guide conhIT, der am 12. April in Ausgabe 4/17 erscheint oder digital auf der Thieme Zeitschriftenplattform Thieme Connect.

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