
Die bildgebende Diagnostik spielt in der Notaufnahme des Agaplesion Elisabethenstifts Darmstadt eine zentrale Rolle. Rund um die Uhr müssen medizinische Entscheidungen unter hohem Zeitdruck und oft auf Grundlage unvollständiger Informationen getroffen werden. Röntgenaufnahmen sind schnell verfügbar, breit einsetzbar und entscheidend für unmittelbare Therapieentscheidungen. Allerdings sind im Elisabethenstift nach 17 Uhr keine Radiologen mehr vor Ort. Für CT-Untersuchungen besteht zwar eine teleradiologische Anbindung, konventionelle Röntgenaufnahmen müssen jedoch von den diensthabenden Ärzten selbst beurteilt werden. Seit März 2025 wird deshalb künstliche Intelligenz (KI) eingesetzt. Durch das KI-Programm AZmed werden Prozesse beschleunigt, die diagnostische Sicherheit wird erhöht und ärztliches Personal gezielt entlastet. Das Fazit fällt nach einem Jahr Praxistest durchweg positiv aus.
„In unserer gemischten Notaufnahme arbeiten sowohl Unfallchirurgen als auch Viszeral- und Allgemeinchirurgen. Die Kompetenz zur Interpretation von Röntgenbildern wird jedoch nur begrenzt im Medizinstudium vermittelt“, erklärt die Funktionsoberärztin Dr. Sabine Geck. „Wir kommen nach sechs Jahren Studium ohne echte radiologische Ausbildung in den klinischen Alltag“, beschreibt sie die Ausgangslage. Entsprechend groß sei die Unsicherheit, vor allem bei subtilen Befunden.
Besonders hilfreich bei Grenzfällen
Insbesondere bei Grenzfällen wäre die Expertise eines Radiologen sinnvoll. „Haarrisse, nicht verschobene Frakturen oder sehr diskrete Veränderungen werden im hektischen Alltag leicht übersehen“, betont Geck. Besonders anspruchsvoll seien Röntgenaufnahmen bei Kindern. „Offene Wachstumsfugen sind altersabhängig unterschiedlich ausgeprägt und für unerfahrene Ärzte schwer von Frakturen zu unterscheiden. Ob ein Abstand zwischen Knochenanteilen noch physiologisch ist oder bereits pathologisch, lässt sich ohne umfangreiche Erfahrung kaum sicher beurteilen“, macht sie das Problem deutlich.
AZmed kann hier auf eine sehr große Zahl bereits trainierter Referenzbilder zurückgreifen und durch eine automatisierte Bildanalyse unterstützen. „Die KI kann einschätzen, was für ein bestimmtes Alter normal ist und wo ein Verletzungsverdacht besteht“, zeigt sich die Funktionsoberärztin der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Sportmedizin begeistert. Bei klinisch unklaren Konstellationen – etwa bei fehlender Schwellung, fehlendem Hämatom und nur geringen Schmerzen – hilft die KI zudem, die eigene Entscheidung zu vertreten. „Wenn man selbst unsicher ist, der klinische Befund eigentlich unauffällig ist und die KI ebenfalls keinen Hinweis auf eine Fraktur gibt, hilft das bei der begründeten Entscheidung gegen weitere diagnostische oder therapeutische Maßnahmen“, erklärt Geck.
Visuelles Ampelsystem
AZmed analysiert die Röntgenbilder im Hintergrund und markiert potenziell relevante Befunde direkt im Bild. Ein visuelles Ampelsystem zeigt an, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Fraktur oder einer anderen Pathologie eingeschätzt wird. Diese Darstellung hilft den behandelnden Ärzten, ihre eigene Beobachtung zu reflektieren und mit dem klinischen Befund abzugleichen. Gerade in Nachtdiensten lassen Konzentration und Aufmerksamkeit oft nach. KI funktioniert hier wie eine zusätzliche Kontrollinstanz und weist gezielt auf Stellen hin, die sonst möglicherweise übersehen würden. „Die endgültige Entscheidung bleibt jedoch stets beim Menschen“, betont Geck. „Die KI ersetzt keine ärztliche Expertise, sondern ergänzt sie.“ Die diagnostische Sicherheit werde dadurch deutlich erhöht.

Geck und ihre Kollegen konnten feststellen, dass ein hoher KI-Verdacht in der Regel tatsächlich mit einer Fraktur oder einer relevanten Pathologie einhergeht. Bei niedrigem Verdacht dient die KI als zusätzliche Absicherung, insbesondere wenn auch der klinische Befund unauffällig ist. Umgekehrt fordert ein KI-Hinweis dazu auf, noch einmal genauer hinzuschauen, wenn Unsicherheit besteht. Dieses Zusammenspiel verbessert nicht nur die Qualität der Befundung, sondern auch das Vertrauen der Ärzte in ihre Entscheidung. Zudem reduziert sich der Bedarf, externe Kollegen oder Hintergrunddienste zur Zweitmeinung hinzuzuziehen.
Mehrwert bei internistischen Aufnahmen
Neben Frakturen identifiziert die KI auch Luxationen, Fehlstellungen und Gelenkergüsse. Im Thoraxbereich erkennt das System Pneumothoraxe, Pleuraergüsse, Infiltrate, Fremdkörper, Hinweise auf eine Kardiomegalie oder Stauungszeichen. Gerade für chirurgisch tätige Ärzte, die internistische Thoraxaufnahmen beurteilen müssen, ist dies relevant. Das kommt oft bei älteren Patienten vor operativen Eingriffen vor. Eine Pneumonie oder ein Pneumothorax können so frühzeitig erkannt und therapeutische Konsequenzen eingeleitet werden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Unterscheidung zwischen frischen und alten Frakturen, insbesondere an der Wirbelsäule. „Viele ältere Patienten weisen bereits multiple Höhenminderungen oder degenerative Veränderungen auf. Ob es sich um eine akute Verletzung oder einen alten Befund handelt, ist auf dem Röntgenbild oft schwer zu beurteilen“, berichtet Geck. AZmed erkennt anhand typischer Umbauprozesse, ob eine Fraktur älter ist, und kennzeichnet diese entsprechend. „Diese Einschätzung deckt sich in der Regel mit der weiterführenden CT-Diagnostik.“ Auch aus didaktischer Sicht hat der KI-Einsatz einen positiven Nebeneffekt: Durch den regelmäßigen Abgleich zwischen eigener Einschätzung, KI-Befund und radiologischer Nachbefundung entwickeln insbesondere junge Ärzte schneller ein besseres Gespür für typische radiologische Muster. Die KI fungiert damit indirekt auch als Lerninstrument im klinischen Alltag.
Die Zuverlässigkeit der KI wird im Elisabethenstift kontinuierlich überprüft. Alle nachts angefertigten Röntgenaufnahmen werden am Folgetag regulär durch die Radiologie nachbefundet. Die Radiologen sehen dabei sowohl die Originalbilder als auch die KI-Markierungen. Abweichungen werden direkt rückgemeldet. Gerade in der Einführungsphase war dieses Feedback entscheidend. „Anfangs kam es im Thoraxbereich zu einer erhöhten Zahl falsch-positiver Befunde, zum Beispiel an Knorpel-Knochen-Grenzen. Durch systematische Rückmeldungen aus der klinischen Praxis konnten diese reduziert werden. Umgekehrt wurde die Sensitivität bei Gelenkergüssen gezielt erhöht. Inzwischen gilt die Übereinstimmung zwischen KI-Befund und radiologischer Bewertung als sehr hoch“, so Geck.
Einfache technische Anbindung
Die technische Integration von AZmed verlief laut der Funktionsoberärztin problemlos. Es war keine zusätzliche Hardware erforderlich und die Röntgenbilder werden wie gewohnt im PACS erzeugt und von dort aus in die AZmed-Cloud exportiert. Die Übertragung erfolgt anonymisiert und verschlüsselt. Personenbezogene Daten werden nicht verarbeitet. Nach der Analyse werden die KI-Befunde automatisch in das klinikeigene System zurückgespielt und erscheinen ohne zusätzlichen manuellen Arbeitsschritt im PACS. Der Mehraufwand für die Anwender beschränkt sich demnach lediglich auf wenige Klicks.
Aktuell wird AZmed im Elisabethenstift ausschließlich für konventionelles Röntgen eingesetzt, insbesondere für Extremitäten und Thorax. Die Software ist jedoch grundsätzlich auch für CT-Anwendungen ausgelegt. Diese werden im Haus bisher jedoch nicht genutzt. „Der Fokus liegt bewusst auf der Notaufnahme, da hier der größte Nutzen besteht. Die Befundung erfolgt schneller, Wartezeiten verkürzen sich und Patienten können zügiger weiterbehandelt oder entlassen werden. Gleichzeitig sinkt der Bedarf an telefonischen Rückfragen oder Zweitmeinungen im Hintergrunddienst“, fasst Geck den Mehrwert zusammen. Wichtig ist ihr jedoch zu betonen, dass die KI keine ärztlichen Stellen ersetzt. „Sie dient viel mehr als Unterstützung in einem ohnehin angespannten System.“
Die Akzeptanz im ärztlichen Team entwickelte sich unterschiedlich: Während ältere Kollegen anfangs skeptisch waren, wurde das System von jüngeren Ärzten schnell als große Hilfe angenommen. „Die einfache Bedienung, die transparente Darstellung der Ergebnisse und die Wahrung der ärztlichen Entscheidungshoheit trugen maßgeblich zur Akzeptanz in allen Altersklassen bei“, erinnert sich Geck. Heute ist AZmed fester Bestandteil des Alltags.
Strategisch fügt sich der KI-Einsatz in eine umfassende Digitalisierungsstrategie des Elisabethenstifts und des Agaplesion-Konzerns ein. In anderen Häusern kommen bereits KI-Anwendungen zur sprachbasierten Pflegedokumentation oder zur automatisierten Anamneseerhebung zum Einsatz. Ziel ist es, administrative Aufgaben zu reduzieren, dem Fachkräftemangel zu begegnen und medizinisches Personal zu entlasten. Vor diesem Hintergrund ist AZmed im Elisabethenstift nicht als isolierte Einzellösung zu verstehen, sondern als Baustein einer langfristig angelegten Digitalstrategie, die den klinischen Alltag nachhaltig unterstützen soll.









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