
Ob der Anstieg von Cyberangriffen oder gesetzlichen Anforderungen durch das Krankenhauszukunftsgesetz (KZHG) – die enormen Herausforderungen im Bereich der IT lassen sich für viele Krankenhäuser kaum noch bewältigen. Allein durch das KHZG sind sie hierzulande verpflichtet, zukünftig Patientenportale zu betreiben. Behandlungsinformationen und -unterlagen sollen so einfacher zwischen Häusern und weiteren Leistungserbringern im Gesundheitswesen geteilt werden. Die Digitalisierung wird somit zu einem Wettbewerbsfaktor für den Gewinn von Fachkräften und Patienten.
Grund genug für kma nachzuforschen, welche Vorreiter es unter den deutschen Krankenhausträgern gibt, die bereits aktiv ihre IT-Ebene vernetzen: Was wird im Einzelnen genau miteinander vernetzt? Wo liegen die Vorteile, wo die Herausforderungen? Sind klinische IT-Verbünde heute das Mittel der Wahl, um zukunftsfähig zu bleiben?
Großflächige IT-Vernetzung in Bayern
In Bayern vertritt man diese Meinung mehrheitlich. „Kaum ein Klinikum wird die enormen Herausforderungen im Bereich der IT künftig allein bewältigen können", prognostiziert Manfred Wendl, Vorstandsmitglied der Klinik-Kompetenz-Bayern (KKB), mit Blick auf IT-Sicherheitsanforderungen und die KHZG-Vorgaben. Auch der hohe wirtschaftliche Druck und die begrenzten personellen Ressourcen hätten vielen Kliniken zu schaffen gemacht. Entsprechend fand der gemeinsame Aufbau von IT-Strukturen in Bayern zunehmend Zuspruch.
Erste Vernetzungen einzelner fränkischer Krankenhäuser gibt es übrigens schon seit 2011, erklärt Wendl. Nach dem Erfolg erster Arbeitskreise für Einkauf, Personal und Qualitätsmanagement etablierte sich schließlich auch ein Arbeitskreis für die IT, bestehend aus den IT-Leitern aller Kliniken. Hier arbeitet man bis heute an gemeinsamen Standards und einer einheitlichen IT-Strategie: Diese betrifft die Krankenhausinformationssysteme (KIS), Archivierungslösungen sowie weitere klinische Anwendungen. Auch wichtige Sicherheitsthemen werden über diese Gruppe zentral bearbeitet.
Gemeinsames Patientenportal ab Ende 2024
Wie kma berichtete, gründeten 16 Bayerische Krankenhausträger deshalb Mitte Mai 2023 eine eigene Klinik IT Genossenschaft, die Klinik IT eG (KIG). Die KIG übernimmt zukünftig die Koordination rund um Implementierung und Betrieb eines einheitlichen Patientenportals für über 100 Kliniken. Das Projekt zur Ausschreibung und zum Aufbau des Portals wurde Anfang 2022 durch die KKB in enger Zusammenarbeit mit der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG) initiiert. Das komplette Ausschreibungsverfahren wird federführend von der KKB für alle teilnehmenden Kliniken durchgeführt. Im Oktober dieses Jahres soll mit dem Aufbau des Portals durch den Auftragnehmer gestartet werden; Ende 2024 soll es dann für alle Kliniken zur Verfügung stehen. Neben diesem konkreten Projekt stehen weitere Themen wie die Cybersicherheit im Vordergrund, so die Vorstände der KIG.

Wir wollen gemeinsam eine Taskforce aufbauen, die im Fall eines Cyberangriffs unseren Mitgliedskliniken schnell und kompetent zur Seite steht.
Andreas Lange, KIG-Projektleiter, sieht den Vorteil der Zusammenarbeit vor allem darin, Kräfte für mehr IT-Sicherheit bündeln zu können. Vor allem hinsichtlich möglicher Hackerangriffe, wie einige Kliniken sie in den letzten Jahren erleben mussten. „Wir wollen gemeinsam eine Taskforce aufbauen, die im Fall eines Angriffs unseren Mitgliedskliniken schnell und kompetent zur Seite steht und bereits im Vorfeld Strategien zur Vermeidung entwickelt“, erklärt Lange.
Gut vernetzt: Die Klinik-IT in Berlin
Auch in Berlin ist die IT-Vernetzung längst Realität. Nachdem die Zukunftskommission „Gesundheitsstadt Berlin 2030“ bereits im Jahr 2019 eine Empfehlung für die Zusammenarbeit von Vivantes und Charité ausgesprochen hatte, machten sich beide zunächst daran, eine Interoperabilitätsplattform für den digitalen Austausch strukturierter Daten aufzubauen. „Trotz der Herausforderungen während der Corona-Pandemie ist es uns gelungen, in einem ersten Schritt den Austausch von Behandlungsdokumenten im PDF-Format umzusetzen, so z.B. Arztbriefe, Rettungsstellenscheine und Befunddokumente“, berichtet der Vorsitzende der Vivantes-Geschäftsführung Dr. Johannes Danckert rückblickend.
Vivantes-Charité-Netzwerk: „Wir teilen strukturierte Daten“
Später folgten weitere strukturierte, maschinenlesbare Patientendaten wie ausgewählte Laborparameter, Vitaldaten sowie die Codes für OPS-Prozeduren und ICD-Diagnosen. Seit April 2022 gibt es zudem zwei neue Use Cases: die Vernetzung der Hygieneportale im Infektionsmanagement und den Datenaustausch rund um die Intensivpatienten.
Obwohl das Charité-Vivantes-IT-Netzwerk bereits die Hälfte der stationären Gesundheitsversorgung in Berlin abdeckte, schlossen sich im Mai dieses Jahres noch zehn weitere Krankenhausträger aus Berlin an, wie kma berichtete. Inzwischen liegt der Zuwachs sogar bei 13 neuen Kooperationspartnern. Damit entspricht die Bettenzahl laut Krankenhausplan nun rund 90 Prozent der Berliner Klinikkapazitäten – eine große Verantwortung, wie alle Beteiligten finden. Nicht zuletzt deshalb wird das Netzwerk bundesweit als einzigartige IT-Zusammenarbeit gefeiert.
90 Prozent der Berliner Klinikkapazitäten sollen verbunden werden
Angesichts dieser Expansion in der Hauptstadtregion war es den Initialträgern „von Anfang an wichtig, dass eine gemeinsame Datenplattform unabhängig von besonderen Herstellern von klinischen Informationssystemen ist, und damit für den Austausch über die initialen Partner hinaus offenbleibt“, betont Danckert.
Wir stimmen unsere Digitalstrategien aufeinander ab, folgen aber auch unseren eigenen Notwendigkeiten und Aufgaben.
So kommt es, dass die Klinikträger nach Zustimmung der Patienten zwar ihre Daten miteinander teilen – jedoch nicht ihre Software. „Wir stimmen unsere Digitalstrategien aufeinander ab, folgen aber auch unseren eigenen Notwendigkeiten und Aufgaben“, stellt der Vivantes-Chef klar. Gerade bei der trägerübergreifenden Verlegung von Patienten, etwa in die geriatrische Versorgung, werde sich der Datenaustausch über das IT-Netzwerk als überaus hilfreich erweisen. Weitere Anwendungsfälle sind z.B. fallspezifische Patientenkonferenzen und trägerübergreifende Konsile.
Vorteile und Herausforderungen der Berliner Vernetzung
Die Vorteile liegen für Danckert auf der Hand: „Wir sparen Zeit und erhöhen die Patientensicherheit, weil wir doppelte Diagnosen, Datenerfassung und Dokumentation vermeiden und Behandlungsfehler reduzieren.“ Therapien und weiterführende Diagnostik könnten schneller und zielgerichteter begonnen werden: „Das entlastet natürlich gleichzeitig das klinische Personal.“

Es macht keinen Sinn einen suboptimalen oder heterogenen Prozess zu digitalisieren.
Eine große Herausforderung für die Umsetzung eines solchen IT-Netzwerks sei vor allem die Etablierung gemeinsamer Standards bei der Datenerhebung, betont Danckert. Das könne durchaus zeitintensiv werden, sei jedoch elementar: „Es macht keinen Sinn einen suboptimalen oder heterogenen Prozess zu digitalisieren.“ Zudem müssten Lösungen nachhaltig, also mit der künftigen elektronischen Patientenakte (ePA) und weiteren Funktionalitäten der Telematik-Infrastruktur (TI) kompatibel sein. Ein gemeinsames, trägerübergreifendes Projektmanagement wird in Berlin derzeit vorbereitet. Auch eine Ausweitung auf Brandenburg ist perspektivisch angedacht.
TI-Modellregion Hamburg: Datenaustausch über Schnittstelle
In Hamburg haben sich im Rahmen der Hamburg Health Harbour Initiative, kurz H³, seit Frühjahr 2019 bereits 23 Krankenhäuser mit weiteren Akteuren des Gesundheitssektors vernetzt. Mit an Bord einige Krankenkassen, die Ärztekammer Hamburg, die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg, die Hamburger Krankenhausgesellschaft, die Gesundheitswirtschaft Hamburg sowie die Sozialbehörde im Amt für Gesundheit, wobei letztere die gesamte Vernetzung koordiniert.
Auch hier geht es, wie in Berlin, um den gezielten Datenaustausch. Klinische Use Cases sind u.a. der Austausch von radiologischen Bilddaten in Befundungsqualität, Online-Terminbuchungen, digital transparente Versorgungsübergänge und der Austausch von Arztbriefen und Befunden. Genutzt werden dafür standardisierte Schnittstellen gemäß FHIR/IHE innerhalb eines dezentralen Netzwerks der Krankenhäuser. Der Vorteil hierbei: Die Hamburger Kliniken bleiben systemunabhängig. Die Strukturen für die Realisierung der Use Cases sollen im Einklang mit der TI aufgebaut werden. Die TI gilt als sicheres Kommunikationsnetz im Gesundheitswesen, die viele Anwendungen (VSDM, ePA, KIM, eRezept, TIM) realisiert. Ein weiterer Vorteil ist, dass Hamburg von der Gematik zur ersten Modellregion für digitale Gesundheit ernannt wurde.
Baden-Württemberg und weitere IT-Netzwerke in Deutschland
Und der Rest von Deutschland? Tatsächlich gibt es neben den großen Gesundheitsakteuren noch weitere Krankenhäuser und Träger, die sich vernetzen – so zum Beispiel in Baden-Württemberg. Im März 2023 berichtete kma über den Kompetenzverbund Qualitätsmedizin und Digitalisierung in Baden-Württemberg, ausgehend von den vier dortigen Unikliniken, der sich um die digitale Vernetzung von 14 Krankenhäusern des Landes kümmert, darunter Kliniken in Karlsruhe, Tübingen, Stuttgart, Freiburg, Heidelberg und Ulm.
Die vier Unikliniken haben außerdem über den Kompetenzverbund „4U“ eine standortübergreifende Digitalisierungsstrategie erarbeitet und feilen an einem Security Operations Center. Auch hier stehen die Themen Informations- und IT-Sicherheit im Fokus der Zusammenarbeit – ebenso wie Telemedizin, KI, der Austausch von pathologischen Befunddaten sowie standardisierte, digitale Betten- und Belegungsübersichten.
IT-Netzwerk für psychosoziale Einrichtungen und Neurologie
Eine bundesweite Initiative, deren Vernetzung vor allem fachlich und nicht regional aufgestellt ist, stellt das Patientenportal „Curamenta“ dar. Die Gesellschaft für digitale Gesundheit (GDG) entwickelte das Portal speziell für psychosoziale Einrichtungen, Psychiatrie und Neurologie – mangels vorhandener Alternativen. Bereits im Sommer 2022 wurden erste wichtige Curamenta-Bereiche live geschaltet.
Auch für kleinere Häuser kann die Vernetzung der IT qualitative Synergieeffekte und Kosteneinsparungen bringen: So verlegte zuletzt im August das InnKlinikum Mühldorf sein Rechenzentrum an das Klinikum Traunstein, das zu den Kliniken Südostbayern (KSOB) zählt. Durch die so ermöglichte klinikübergreifende Nutzung erhofft man sich eine stärkere Zusammenarbeit in den Bereichen IT und Digitalisierung, nachdem die Kliniken bereits gemeinsames Personal in der Pflegeentwicklung sowie in der Kosten- und Prozesssteuerung einsetzen. Auch am bayrischen Patientenportal „mein-krankenhaus.bayern“ beteiligten sich beide Häuser maßgeblich.
Warum gibt es bisher so wenige Klinik IT-Verbünde in Deutschland?
Klar ist: Die IT-Vernetzung bringt Krankenhäusern und Krankenhausträgern zahlreiche Vorteile. Neben Kosteneinsparungen und einer allgemeinen Marktstärkung ist dies natürlich in erster Linie die leichtere Erfüllung der neuen gesetzlichen Vorgaben durch das KHZG.
Doch einige Klinikträgerverbünde gehen bei ihren IT-Netzwerken über die gesetzlichen Vorgaben hinaus: sie wollen nicht nur Daten austauschen wie dies in Berlin und Hamburg bereits erfolgreich praktiziert wird. Sie möchten auch beim KIS, Rechenzentrum, beim IT-Sicherheitspersonal oder der IT-Strategie eine gemeinsame Linie fahren. So stehen in Bayern mit Medizin und Patientenpflege vor allem die Primärprozesse im Fokus des bayerischen IT-Verbunds: „Hierfür soll die Krankenhaus-IT die bestmöglichen Rahmenbedingungen mit den besten Partnern schaffen“, erklärt KKB-Geschäftsführer Benjamin Stollreiter.
Klar ist auch: Die über das KHZG geförderten IT-Lösungen für Kliniken treffen oftmals noch auf eine dafür nicht ausreichend vorbereitete Infrastruktur in vielen Kliniken. Mit wachsender Komplexität werden der professionelle IT-Betrieb und die Informationssicherheit eine der zentralen Herausforderungen in den kommenden Jahren, die von den IT-Abteilungen einzelner Kliniken nur noch schwer zu stemmen sind.

IT-Personal ist knapp und von den Kliniken am Markt kaum noch zu gewinnen.
Eine leistungsfähige und sichere IT-Struktur zu bauen und zu betreiben, wird daher gerade für kleine Kliniken zu einem technologischen und personellen Kraftakt – nicht zuletzt, da hoch qualifiziertes IT-Personal benötigt wird: „Dieses ist knapp und von den Kliniken am Markt kaum noch zu gewinnen“, meint Christina Leinhos, Geschäftsbereichsleiterin Digitalisierung und stellvertretende Geschäftsführerin der BKG.
Daneben spielten bis dato oft auch datenschutzrechtliche Hürden eine Rolle. Nach Einschätzung von Roland Engehausen, Geschäftsführer der BKG und zugleich Vorsitzender im Fachausschuss Dateninformation und Datenkommunikation in der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), kommt die bisherige Zögerlichkeit in erster Linie von der ursprünglichen Überzeugung, dass Behandlungsdaten das Krankenhaus möglichst nicht verlassen sollten. Wie er ausführt, wurde Artikel 27 des Bayerischen Krankenhausgesetzes jedoch unlängst reformiert. Seit Mai 2022 dürfen Krankenhäuser in Bayern sowohl die Cloud nutzen als auch IT-Kooperationen eingehen.
Damit einzelne Krankenhäuser keinen Wettbewerbsnachteil gegenüber Krankenhäusern in Konzern-Strukturen mit Skalierungsmöglichkeit erleiden, braucht es somit in Zukunft auch bei den kleinen Klinikträgern verstärkte Vernetzungsbemühungen auf IT-Ebene.








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