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Alexianer AachenKlinikfusion als zentrale und agile Managementaufgabe

Die Fusion zweier Fachkliniken der Alexianer Aachen zeigt, wie Agilität und eine starke Marke die Versorgung in ländlichen Regionen sichern können. Von der Idee zur Umsetzung – der Ärztliche Direktor Dr. Michael Paulzen gibt einen Einblick.

Alexianer „Zentrum für psychische Gesundheit Aachen/Gangelt“
Alexianer GmbH
Das Alexianer „Zentrum für psychische Gesundheit Aachen/Gangelt“ wurde 2024 gegründet. Es entstand aus der Fachklinik ViaNobis in Gangelt und dem Haus der Alexianer in Aachen.

Psychiatrische Fachkrankenhäuser erfüllen nahezu durchgehend einen regionalen Pflichtversorgungsauftrag und nehmen in der wohnortnahen Versorgung eine zentrale Rolle ein. Während epidemiologische Daten zeigen, dass psychische Belastungen steigen und Behandlungen stärker nachgefragt werden, bestehen für die Einrichtungen vielfach Probleme, qualifiziertes Personal zu finden. Zudem hat die im Jahr 2019 entwickelte Richtlinie zur Personalausstattung Psychiatrie und Psychosomatik (PPP-RL) erhebliche Auswirkungen auf das Angebot stationärer und teilstationärer Versorgung.

Mögliche Sanktionsandrohungen, ein starrer Stations- und Bettenbezug sowie der enorme Dokumentationsaufwand stehen einer agilen Organisationsgestaltung im Weg. Daher bedarf es einer zunehmenden Flexibilisierung der Behandlungssettings und einer sektorübergreifende Versorgung, um zukunftsfähig die notwendige Versorgung auch in einem großen Flächenkreis sicherstellen zu können. Der mit der Fusion einhergehende Betriebsübergang der kapazitätsmäßig kleineren ViaNobis – die Fachklinik in die Alexianer Aachen GmbH und die Gründung des „Zentrum für seelische Gesundheit in Aachen/Gangelt“ zum Jahreswechsel 2024 zeigt, wie durch strategische Weitsicht und Agilität in der Umsetzung die wohnortnahe psychiatrische Versorgung zukunftsfähig gestaltet werden kann.

Aus zwei Fachkrankenhäusern wird ein Zentrum

Das Alexianer Krankenhaus Aachen, quasi das Mutterhaus der Alexianer, war eine Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Als Vorreiter in der Entinstitutionalisierung psychiatrischer Patienten in den 1980er und 1990er Jahren verfügte das Haus zuletzt über 200 vollstationäre akutpsychiatrische Betten, zwei Tageskliniken und eine Institutsambulanz. Zudem bestanden im Einzugsraum des Kommunalverbandes „StädteRegion Aachen“ zwei weitere Tageskliniken und Institutsambulanzen, sodass insgesamt 72 tagesklinische Plätze angeboten werden konnten. Eine psychiatrische Pflichtversorgung für Stadt und den StädteRegion Aachen umfasst mehr als 260 000 Menschen.

Rückwirkend zum Jahresbeginn 2020 übernahmen die Alexianer die Dernbacher Gruppe Katharina Kasper (DGKK), zu der die Katharina Kasper ViaNobis GmbH gehörte. Diese betrieb in Gangelt im Kreis Heinsberg das psychiatrische Fachkrankenhaus ViaNobis. Durch die Fusion beider Fachkliniken entstand zum 1. Januar 2024 in der Alexianer Aachen GmbH das neu gegründete Alexianer Zentrum für psychische Gesundheit Aachen/Gangelt.

Die größte psychiatrische Fachklinik innerhalb der Alexianer verfügt über insgesamt 333 voll- und 129 teilstationäre Behandlungsplätze an zwei Krankenhausstandorten und sieben Tagesklinikstandorten in einem Flächengebiet von mehr als 1 130 Quadratkilometern. Ergänzt wird das Angebot um insgesamt sechs psychiatrische Institutsambulanzen (PIAs), ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) sowie eine Substitutionsambulanz, um auch der ambulanten Nachfrage in der Fläche (gesamter Kreis Heinsberg, Stadt Stolberg, die Gemeinden Simmerath, Roetgen, Monschau) nachkommen zu können.

Alexianer

Die Alexianer GmbH ist die Dachgesellschaft der katholischen Unternehmensgruppe Alexianer mit Sitz in Münster. Mit mehr als 30 000 Mitarbeitenden sind die Alexianer eines der größten konfessionellen Gesundheitsunternehmen in Deutschland. Neben somatischen und psychiatrischen Krankenhäusern betreiben sie medizinische Versorgungszentren sowie Einrichtungen der Seniorenhilfe, Eingliederungs- und Jugendhilfe. 2023 stieg der Konzernumsatz auf rund zwei Milliarden Euro.

Klinikfusion als zentrale und agile Managementaufgabe

Die Idee einer gesellschaftsrechtlichen Zusammenführung der beiden Fachkliniken entstand aufgrund einer sich weiter vertiefenden Zusammenarbeit und des Bedürfnisses, rasch auf politische Rahmenbedingungen reagieren zu können. Mitarbeiter konnten durch die Übernahme von verantwortungsvollen Aufgaben im Rahmen von Personalrotationen zwischen den Standorten zusätzlich motiviert werden. Dadurch gelang es schnell, ein einheitliches Krankenhausinformationssystem (KIS) umzusetzen und die Datenmigration sicherzustellen. Eine optimale Dokumentation im KIS, die vollständige Digitalisierung der Patientenakte – inklusive juristisch relevanter Behandlungsunterlagen wie zum Beispiel ärztliche Zeugnisse oder Anordnung und Dokumentation von Zwangs- und freiheitsentziehenden Maßnahmen – waren Faktoren, um alle Berufsgruppen und Hierarchieebenen zu erreichen.

Durch eine frühzeitige und sehr offene Kommunikation war es möglich, klare Rollenbenennungen beim Fusionsprozess vorzunehmen. Alles wurde begleitet von einer gleichzeitigen Vorbereitung einer Managementzertifizierung, die sämtliche Prozesse an beiden Standorten konvergierte und in einem Qualitätsmanagementsystem zusammenfasst. Die Schaffung einer hohen Struktur- und Prozessqualität erwies sich dabei als wichtige Voraussetzung für eine hervorragende Leistungserbringung, deren Ergebnisse sich beispielsweise durch hohe Positivquoten bei Prüfungen des Medizinischen Dienstes oder bei den bisherigen Begehungen durch die staatlichen Besuchskommissionen zeigte.

Die vorbestehende Dopplung der Position eines Ärztlichen Direktors und Chefarztes (kurz: ÄD) an jedem Standort wurde verschlankt, die Aufgabe medizinstrategischer Planungen liegt nun zusammengefasst in einer Hand. Mit der Neuschaffung eines jeweiligen Standortleiters erfolgte die Delegation operativer Aufgaben an den jeweiligen Kernstandorten, wobei die in die Fläche verteilten Einheiten unter der integrativen Verantwortung des ÄD stehen.

Ausweitung des Leistungsportfolios

Unter Beibehaltung medizinischer Schwerpunktsetzungen führte die Fusion zu einer Ausweitung des Leistungsportfolios. Nunmehr sind unter einem Dach verschiedene therapeutische Schwerpunkte, so z.B. verschiedene psychotherapeutische Therapieverfahren, beheimatet.

Dies ermöglicht den Patientinnen und Patienten, dass individuelle Behandlungsangebote an zwei Standorten unter einer Kernmarke angeboten werden können. Die nunmehr bestehende Gesamtgröße führt dazu, dass neue Leistungsangebote wie die bislang mangels Masse nicht vorgehaltene Elektrokonvulsionstherapie (EKT) zukünftig angeboten werden können. Ein Ausweichen auf andere Leistungsanbieter und unnötige Wartezeiten entfallen dadurch, wodurch das Leitungsportfolio auch im Sinne einer schnellen Reaktionsfähigkeit und der optimalen individuellen Behandlung ausgeweitet wurde.

Schwergewicht – größere Sichtbarkeit – einfachere Personalgewinnung?

Plötzlich mehr Mitarbeiter aller Berufsgruppen – so könnte man das Ergebnis der Fusion zusammenfassen. Trotzdem erlaubt die Organisationsstruktur des Unternehmens es immer noch, die Individualität jedes einzelnen zu berücksichtigen. Durch die enge strategische Verzahnung mit den Leistungsangeboten der ViaNobis GmbH, einem der größten Anbieter u.a. von Leistungen der Eingliederungs- und Behindertenhilfe, ist es zudem möglich, vorhandene Angebote entlang der gesamten Behandlungskette psychiatrisch-psychotherapeutischer Leistungen und komplementärer Behandlungsangebote optimal anzubieten und einzusetzen.

Für die Mitarbeitenden schafft der Zusammenschluss die Möglichkeit, an zwei unterschiedlichen Standorten die jeweiligen Schwerpunktsetzungen bei den Leistungsangebote kennenzulernen und ggfs. die eigene Expertise weiter auszubauen, da nunmehr ein Wechsel des Arbeitsortes problemlos möglich ist, ohne von einer Gesellschaft in eine andere wechseln zu müssen.

Die nunmehr bestehende Gesamtgröße führt dazu, dass neue Leistungsangebote wie die bislang mangels Masse nicht vorgehaltene Elektrokonvulsionstherapie (EKT) zukünftig angeboten werden können. Ein integrativer Prozess gelingt niemals aus einer Büroetage heraus.

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Veränderte Führungsaufgaben

Aus Sicht eines ÄD erfordert die neue Aufgabe drei Grundvoraussetzungen: Agilität, Mobilität und Vision. Zwar fusionierten zwei sich in ihren Grundwerten, Haltungen und der gemeinsamen Sache in sehr ähnlicher Art und Weise verpflichtende Kliniken, dennoch braucht es strategische Weitsicht, persönliches Führungshandeln, individuelle Ansprache, Gespräche und integrierende Maßnahmen zum besseren Verständnis jedes einzelnen, egal wie weit oder fern die eigentliche Fusion vom individuellen Arbeitsalltag entfernt scheint.

Der intensive persönliche Austausch in einer bestehenden Matrixstruktur zeigt sich hierbei als Erfolgsgarant für den sehr wertvollen Prozess der Klinikfusion, um nachhaltig und zukunftsorientiert am Markt präsent zu sein. Mobilität ist in diesem Zusammenhang eine wesentliche Voraussetzung, um vor Ort Präsenz zu zeigen, denn ein integrativer Prozess gelingt niemals aus einer Büroetage heraus. Eine zukunftsbejahende und visionäre Grundhalten ist eine wichtige Voraussetzung, um einen solchen Fusionsprozess mit einem hohen Maß an Resilienz für alle Beteiligten positiv zu gestalten.

Vision für die Zukunft

Die psychiatrische Versorgung in Deutschland befindet sich in einem politisch gewollten, aber dennoch langwierigen Veränderungsprozess. Ein immer sichtbarer werdender Personalmangel in sämtlichen Bereichen der Gesundheitsversorgung, Vorhaben wie eine zunehmende Ambulantisierung, die Implementierung von Regionalbudgets oder die Entwicklung von Angeboten stationsäquivalenter Behandlungsformen (STÄB) erfordern auch zukünftig eine starke Basis im Sinne einer wirtschaftlich stabilen Trägerstruktur und nicht nur einer Kapazitätsreserve, sondern ein psychiatrisches Fachkrankenhaus, das flexibel auf die Anforderungen der Politik und des Marktes reagieren kann.

Entscheidend für das Führen einer großen psychiatrischen Fachklinik mit schlanker Organisationsstruktur sind in Zukunft ein weitergehender, hierarchieübergreifender Ausbau technischer Kompetenz, sozialer Kompetenz und konzeptioneller Kompetenz. Hierzu gehört auch der gezielte Auf- und Ausbau von Managementkompetenz auf verschiedenen Leitungsebenen im Sinne eines nachhaltigen Leaderships, einem Programm, welches die Alexianer als Gruppe schon vor einiger Zeit aufgelegt und mit einer hohen Durchdringungstiefe konzernweit umgesetzt haben.

PD Dr. med. Dipl.-Kfm. Michael Paulzen ist Ärztlicher Direktor und Chefarzt des Alexianer Krankenhauses Aachen sowie Vorstandsmitglied im Landesverband leitender Ärztinnen und Ärzte für Psychiatrie und Psychotherapie in NRW e. V. (LLPP).

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