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GastbeitragWer nur Betten zählt, denkt zu kurz

Sparen, das teuer wird: Am Klinikum Mittelbaden zeigt sich, wie der Bettenabbau Versorgung und Ausbildung schwächt – und Folgekosten von bis zu 84 Millionen Euro drohen. Pflegebündnis-Vorsitzender Peter Koch erklärt, warum gerade gut aufgestellte Häuser momentan unter Druck geraten.

Peter Koch
Stephan Kaminski
Peter Koch ist Vorsitzender des Pflegebündnis Mittelbaden und im Bundesvorstand des Bundesverbands Pflegemanagement.

Wenn über die Zukunft eines Krankenhauses entschieden wird, dominieren zwei Größen die Debatte: Bettenzahlen und Defizite. Das ist nachvollziehbar – und greift dennoch zu kurz. An jedem Krankenhausbett hängt ein ganzes Versorgungssystem. Was derzeit am Klinikum Mittelbaden geschieht, ist deshalb mehr als ein lokales Problem. Es zeigt, was passiert, wenn Strukturreformen nur als Sparmaßnahmen verstanden werden.

Die Region hat geliefert – und steht dennoch unter Druck

Der Landkreis Rastatt, die Stadt Baden-Baden und das Klinikum Mittelbaden bekennen sich zum Neubau des Zentralklinikums am Münchfeldsee. Die Zahl der Klinik-Standorte wurde bereits von sechs auf zwei reduziert. Trotzdem geraten die Planungen durch verschärfte bundespolitische Vorgaben massiv unter Druck – allen voran das GKV-Sparpaket, das am Freitag im Bundesrat beraten wird. Diskutiert wird ein weiterer Bettenabbau – von rund 890 auf 660, 500 oder gar 450 Betten. Das wären Kürzungen von 26, 44 oder fast 50 Prozent.

Der Bedarf bleibt – er verlagert sich

In der herkömmlichen Herangehensweise liegt der zentrale Denkfehler: Weniger Betten bedeuten nicht weniger kranke, alte oder pflegebedürftige Menschen. Der Versorgungsbedarf bleibt bestehen und verschiebt sich in ohnehin überlastete Bereiche: Pflegeheime, ambulante Dienste, Kurzzeitpflege, Notaufnahmen, Kommunen und Familien.

Schon heute wird ein Großteil der Pflege in Mittelbaden außerhalb der Kliniken geleistet. Rund 60 Prozent der Pflegebedürftigen erhalten Pflegegeld und werden vor allem von Angehörigen versorgt. Bis 2040 steigt der Pflegebedarf in der Region voraussichtlich um 18 Prozent. Das System braucht also nicht weniger, sondern mehr Kapazitäten – ambulant, stationär und sektorenübergreifend. Angehörige können die Lücken professioneller Versorgung nicht unbegrenzt schließen.

Die entscheidende Frage lautet: Welche Versorgungskapazität braucht eine Region, um ihre Bevölkerung sicher zu versorgen?

Die teuerste Lücke: die Ausbildung

Gerade vor diesem Hintergrund ist der der Mangel an Ausbildungsplätzen besonders gravierend. Am Klinikum Mittelbaden gibt es derzeit 31 Ausbildungsplätze in der Akutpflege, davon 15 für externe Träger wie Pflegeheime und ambulante Dienste, die auf diese Praxiseinsätze angewiesen sind. Je nach Planvariante könnten jährlich sechs bis zwölf Plätze wegfallen.

Die Hochrechnung des Pflegebündnis zeigt: Über zehn Jahre würden der Region damit bis zu 630 Pflegefachkraft-Jahre fehlen. Allein die Personalkosten dieser Lücke belaufen sich auf bis zu 49 Millionen Euro. Rechnet man Folgekosten durch Wiedereinweisungen, längere Verweildauern, Entlassprobleme, Rekrutierungsaufwand und die Mehrbelastung der Angehörigen hinzu, droht der Region über zehn Jahre ein volkswirtschaftlicher Schaden von bis zu 84 Millionen Euro.

Das Botschaft an jede Klinikleitung ist klar: Strukturentscheidungen, die nur Betten und Bilanzen berücksichtigen, erzeugen Kosten, die in keiner Sanierungsrechnung auftauchen – aber später umso härter zuschlagen.

Mittelbaden ist kein Einzelfall

Was Mittelbaden gerade erlebt, steht vielen Regionen bevor. Der Druck zum Bettenabbau kommt nicht aus den Kliniken, sondern aus bundespolitischen Vorgaben. Betroffen sind vor allem Häuser, die bereits Standorte zusammengelegt und ihre Strukturen gestrafft haben. Wer seine Hausaufgaben gemacht hat, gerät paradoxerweise als Nächstes unter Kürzungsdruck – weil das verbleibende, ohnehin verdichtete System als weiteres Sparpotenzial gilt.

Die Rechnung, die in Mittelbaden auf bis zu 84 Millionen Euro Folgeschaden hinausläuft, lässt sich auf jede Region übertragen, in der Akutbetten abgebaut werden, ohne ambulante, pflegerische und ausbildungsbezogene Kapazitäten mitzudenken. Andere Träger und Planungsregionen sollten den Fall deshalb nicht als fremdes Problem betrachten, sondern als Vorschau auf die eigene Lage – und die Folgenabschätzung einfordern, bevor entschieden wird, nicht danach.

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Die richtige Frage stellen

Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Wie viele Betten können wir noch abbauen? Sondern: Welche Versorgungskapazität braucht eine Region, um ihre Bevölkerung sicher zu versorgen?

Daraus ergeben sich klare Anforderungen an jede Planung:

  • Keine Strukturentscheidung ohne Folgenabschätzung für Pflege und Ausbildung.
  • Sicherung der akutstationären Praxiseinsatzplätze für die generalistische Pflegeausbildung und Schutz der externen Ausbildungsträger.
  • Verbindliche Konzepte für Kurzzeitpflege, Übergangspflege und ambulante Entlassversorgung.
  • Jährliches Monitoring zu Ausbildungsplätzen, Pflegeheimkapazitäten, abgelehnten ambulanten Versorgungen, Entlassverzögerungen und Wiedereinweisungen.
  • Einbindung der Pflegeprofession in alle weiteren Planungen.

Krankenhausplanung ist heute immer auch Pflege-, Ausbildungs- und kommunale Versorgungsplanung. Mittelbaden hat seine Strukturen mutig gestrafft. Die Region darf nun nicht zum Opfer einer bundespolitisch ausgelösten kalten Strukturreform werden – einer Reform, deren wahre Kosten erst sichtbar werden, wenn die Betten längst abgebaut sind.

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