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kma Entscheider BlogAmazon steigt in den ambulanten Sektor ein!

Mit einem Milliardendeal übernimmt der Plattform-Gigant Amazon das Hausarzt-Netzwerk One Medical in den USA. Damit sollte auch dem letzten Zweckoptimisten klar sein, dass Jeff Bezos den Gesundheitsmarkt erobern wird. Und zwar nicht nur in Übersee.

Philipp Köbe

Philipp Köbe ist freiberuflicher Dozent und Unternehmensberater im Gesundheitswesen.

Am 21. Juli 2022 wurde der Deal über den Kauf von One Medical durch Amazon im Umfang von 3,9 Milliarden US-Dollar bekanntgegeben. Es ist die drittgrößte Akquisition in der Geschichte des Konzerns, der in den 90er Jahren mit einem Onlineshop für Bücher begann. Zwischenzeitlich hat Gründer und Strippenzieher Jeff Bezos das Unternehmen zu einem Digitalkonzern mit einem Jahresumsatz von 470 Milliarden US-Dollar aufgebaut. Der Umsatz in Deutschland betrug 2021 rund 37 Milliarden US-Dollar.

Bereits im Jahr 2018 wurde klar, dass Amazon sich an den Gesundheitssektor herantastet. Zunächst war es die logische Konsequenz für einen online Versandhändler in den Markt der Versandapotheken einzusteigen. Mit dem Kauf von PillPack für 750 Millionen US-Dollar gelang Amazon schließlich der Launch des ePharmacy-Geschäfts auf der eigenen Plattform. Seither können Personen in den USA ihre verschreibungspflichtigen Medikamente bei Amazon einlösen und liefern lassen. Mit Amazon Care verfügt der Konzern über ein weiteres Geschäftsfeld, um im Bereich der Gesundheitsleistungen zu experimentieren.

Ein uneinholbarer Datenvorsprung

Der entscheidende Vorteil gegenüber nahezu allen anderen Unternehmen: Amazon hat schon Daten über eine Mehrheit der Menschen in seinen relevanten Märkten. Das trifft auf die USA gleichermaßen wie auf die Länder der EU zu. Mehr als 300 Millionen aktive Kundenkonten nutzen die Plattform regelmäßig. Über Metadaten, das Einkaufsverhalten oder die Nutzung des hauseigenen Smart Speaker Alexa werden stetig Nutzendendaten generiert, analysiert und die Kundinnen und Kunden segmentiert. Damit können auch Personen, die noch nie bei Amazon eingekauft haben in die Segmentierung eingeordnet werden.

Somit hat das Unternehmen einen nahezu uneinholbaren Datenvorsprung, über den sonst nur andere Tech-Giganten wie Google oder Apple verfügen. Zwar haben auch die deutschen Krankenkassen einen enormen Datenschatz, der als konsolidierter Datensatz aller 75 Millionen Versicherter großes Nutzenpotenzial hätte, aber offenbar kein Interesse an einer sinnstiftenden Verwertung der Daten besteht. Sonst hätten wir ja schon längst personalisierte Präventionsangebote, personenzentrierte Behandlungsprogramme und eine gemeinsame Datenplattform für die Gesundheitsforschung. All das wäre mit diesen Daten seit mindestens einem Jahrzehnt schon möglich.

Auf der Suche nach europäischen Unicorns

Generell kann und muss man sich fragen, warum es in der EU so wenige Unicorns (Einhörner = Bezeichnung für Start-Ups mit Milliardenbewertung) gibt und was die Politik daran ändern kann. Mit Doctolib haben wir immerhin ein deutsch-französisches Unternehmen dieser Kategorie, das dazu noch in der Gesundheitsversorgung aktiv ist. Trotz umfangreicher Finanzierungsrunden bleibt jedoch offen, wie stark der digitale Gesundheitsdienstleister seine Aktivitäten schnell ausbauen kann. Für vielversprechende Unternehmen, wie m.Doc, Recare oder die Zur Rose Group, zählt jetzt vor allem Geschwindigkeit. Amazon ist noch nicht im europäischen Gesundheitsmarkt, der hinreichend komplex und fragmentiert ist. Der aktuelle Wissens- und Zeitvorsprung sollte genutzt werden, um sich am Markt standfest aufzustellen, sodass Amazon diese Unternehmen nur übernehmen oder sich mit ihnen im Wettbewerb messen kann. Die Konzentration von Ada Health auf Märkte außerhalb der EU legt indessen das Dilemma offen. Europäische Regulierungswut und deutsche Datenschutzliebe sind Innovationsbremsen, Digitalblockaden, Effizienztrimmer und vieles mehr. Sie gefährden damit nicht nur eine moderne Gesundheitsversorgung, sondern lassen uns auch technologisch weit zurückfallen.

Eine Meldung, die beunruhigen muss!

Jetzt also der ambulante Sektor. Während der Pandemie haben wir gelernt, wie schnell sich Telemedizin als neue Versorgungsform etablieren kann, wenn sie einen medizinischen (und ökonomischen) Zusatznutzen bietet. Die digitalen Versorgungsmodelle sind nahezu grenzenlos. Ganze Bibliotheken lassen sich schon mit Studien, Trend-Reports und allerlei guten Ideen füllen, die es bisher noch nicht in die Regelversorgung geschafft haben. Das Problem mit der Digitalisierung wurde bereits an anderer Stelle erläutert. Etablierte Leistungserbringer sollten nicht auf die multimorbide Person im hohen Alter setzen, die sowieso keine digitalen Dienste in Anspruch nehmen will. Das nächste disruptive Ereignis kommt garantiert – eher morgen als übermorgen!

Viele Leistungen im ambulanten Sektor ließen sich auch digital abwickeln. Und dann steht auch noch das Metaverse vor der Tür. Vielleicht baut Amazon schon am eigenen Gesundheitsmetaversum. Am Geld wird es jedenfalls nicht scheitern. Die Bedrohung durch Big-Tech ist nicht neu und sollte für eine angemessene Beunruhigung sorgen. Auch die neue EU-Regulierung der Digitalwirtschaft wird die Unternehmen nicht dauerhaft davon abhalten in den attraktiven europäischen Gesundheitsmarkt einzusteigen. Sie könnte im Gegenteil sogar Innovationen hiesiger Anbieter ausbremsen und für neue Unsicherheit sorgen. Es sollte jedenfalls klar sein, dass Big-Tech lediglich eine Bedrohung für bestehende Unternehmen und Geschäftsmodelle darstellt. Die Patientinnen und Patienten hingegen können von einem Markteintritt nur profitieren.

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