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Der kma Entscheider-Blog

kma Entscheider BlogWann übernehmen Apple, Google & Co. das deutsche Gesundheitswesen?

Die Führerschaft der Digitalisierung ist aktuell eindeutig in den USA und China vorzufinden. Während in Deutschland endlose Diskussionen über Datenschutz, Datensicherheit und Datensouveränität geführt werden, bereitet sich Big Tech auf eine Expansion in der Gesundheitsbranche vor.

Philipp Köbe
Philipp Köbe ist freiberuflicher Dozent und Unternehmensberater im Gesundheitswesen.

Als Big Tech werden die großen amerikanischen Digitalkonzerne bezeichnet. In Börsenkreisen ist auch von FAANG die Rede. Gemeint sind die Konzerne Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google. Sie notieren derzeit mit den höchsten Börsenbewertungen in den US-amerikanischen Indizes. Zeitgleich haben sich in China ebenfalls große Digitalkonzerne formiert, die sich an den Geschäftsmodellen der US-Amerikaner orientiert haben. So beispielsweise die Firmen Tencent (u.a. Messenger), Alibaba (u.a. e-Commerce) und Baidu (Suchmaschine). Während in der Volksrepublik mehr oder weniger eine digital-Diktatur herrscht und alle Unternehmen mit der kommunistischen Partei zusammenarbeiten müssen, ist die Regulierung in den USA weitestgehend unternehmensfreundlich und innovationsfördernd. Allerdings stößt man in Amerika zwischenzeitlich an die Grenzen der unternehmerischen Möglichkeiten, da aufgrund der Marktmacht von Digitalkonzernen eine Monopolbildung statt-gefunden hat, die für Unmut bei Wettbewerbshütern und zunehmend auch in der Bevölkerung sorgt.

Die Expansion in die Gesundheitswirtschaft

Wenig überraschend haben die Big Techs inzwischen den Gesundheitssektor als wichtiges zukünftiges Geschäftsfeld entdeckt. Mit ihren Monopolen bei Suchmaschine, e-Commerce, Social Media usw. haben die Konzerne dafür eine ideale Voraussetzung geschaffen, die westlichen Märkte des Gesundheitswesens zu erobern. Das RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung errechnete, dass ein maßgeblicher Anteil des Wirtschaftswachstums in Deutschland auf das Wachstum in der Gesundheitsbranche zurückzuführen ist. In anderen westlichen hochentwickelten Ländern dürfte der Trend zu einer wachsenden Gesundheitswirtschaft ähnlich relevant ausfallen.

So forcierte Apples CEO Tim Cook diesen Sektor als einen der Wichtigsten für die Zukunft des Konzerns. Kürzlich erklärte er, dass Augmented Reality (AR) „the next big thing“ sein wird. Wie immer hält sich das Unternehmen mit konkreten Produkten bis zum Release jedoch bedeckt. Mit seinem Engagement bei Deepmind Health in 2014 legte Google einen wichtigen Grundstein bei der Expansion in das Geschäftsfeld Gesundheit. Im gleichen Jahr gab das Unternehmen bereits 1,6 Milliarden Dollar für rund 280 Startups im Bereich Gesundheit, BioTech und Naturwissenschaften aus. Die entsprechenden Investments dürften inzwischen deutlich angestiegen sein. Auch Amazon engagiert sich seit einigen Jahren stark in der Branche. Einerseits expandiert das Unternehmen in das naheliegende Geschäft der Versandapotheken. Andererseits wurde 2018 ein Joint Venture mit dem Star-Investor Warren Buffet (Berkshire Hathaway) und der Investmentbank JP Morgan bekanntgegeben, um eine Krankenversicherung zu gründen. Das Ziel: Gesundheitsausgaben zu senken, eine bessere Steuerung ermöglichen und Daten zu sammeln.

Was haben wir in Deutschland zu erwarten?

Zunächst die gute Nachricht: mehr Wettbewerb und mehr Kundenorientierung. Bekanntlich belebt Wettbewerb das Geschäft und wird die hiesigen Unternehmen der Branche erheblich unter Druck setzen. Das starre und kaum innovationsfreudig wirkende Gesundheitswesen, in dem Fax und Papierwirtschaft nach wie vor eine maßgebliche Rolle spielen, ist auf die Welle neuer Angebote kaum vorbereitet. Zudem führen die starren Hierarchien und langwierigen Entscheidungsprozesse zu einer maximalen Trägheit. Die Digitalkompetenz bei Mitarbeitern, in Behörden und beim Gesetzgeber beginnt gerade erst sich auf ein angemessenes Maß auszuweiten. Genau diese digitalen Wissensvorsprünge kann Big Tech auch im Gesundheitswesen nun einsetzen. Denn sie wissen ganz genau, wie man Anwendungen, Apps, Plattformen etc. baut, welche die Kunden lieben. Und sie haben bereits einen Zugang zu potenziellen Gesundheitskunden, denn die Durchdringung der Big Techs ist bereits da, mittels ihrer etablierten Produkte. Gut für die Patienten bzw. Versicherten. Denn sie können mit einer Vielzahl neuer Anwendungen rechnen. Und diese Anwendungen werden einen großen Mehrwert bieten. Sie werden verknüpft sein mit allerlei anderen Funktionen, die man bereits nutzt. Der Komfort des Kunden wird zunehmend in den Mittelpunkt rücken.

Goodbye Daten

Jetzt stellt sich die Frage, wer sich im Markt durchsetzen wird. Meine ganz klare Prognose: die Unternehmen mit der meisten Erfahrung und den besten Produkten. Das werden die Big Techs sein. Zwar investiert der PKV-Verband mit seinem Fonds heal capital gerade 100 Millionen Euro in Startups, doch diese Größenordnung ist vergleichsweise gering, wenn man die Investitionsvolumen der amerikanischen Technologieriesen entgegenstellt. Zudem muss Deutschland sich eingestehen, dass wir in den wesentlichen Zukunftsfeldern der Digitalwirtschaft ein relativ schlechtes Bild abgeben. Bei Künstlicher Intelligenz (KI), Cloud Services, Plattform-Modellen oder Hardware sind wir maßgeblich von Unternehmen aus anderen Ländern abhängig oder liegen bei der Entwicklung zurück. Dies zeigt allein die aktuelle Diskussion um den Ausbau des 5G-Netzes, bei dem wir in Abhängigkeit zu einem US-amerikanischen oder einem chinesischen Anbieter stehen.

Mit dem DVG wurde bereits ein wichtiger Schritt gegangen, um die Digitalisierung allgemein und die Etablierung digitaler Geschäftsmodelle im Speziellen voranzutreiben. Ein Ansatzpunkt des Gesetzes besteht darin die akkumulierten Daten der Versicherten an Dritte weiterzugeben. Zunächst zu Forschungszwecken, indirekt auch zu kommerziellen Zwecken. Denn aus Forschung entstehen letztendlich neue Produkte und Dienstleistungen. Also Win-Win für alle? Die Antwort ist ja. Der Patient bzw. Versicherte erhält neue innovative Produkte. Die Unternehmen erhalten Zugang zu wichtigen Daten, um Produkte zu entwickeln, die dann zu Umsätzen und Gewinnen führen. Viele dieser Daten werden über den Teich nach Amerika fließen. Dort unterliegen sie quasi keiner Regulierung. Der Mehrwert zukünftiger Produkte sollte diesem Faktor jedoch entgegenstehen. Auch deutsche Startups, die ihre Daten in den Clouds amerikanischer Dienstleister speichern, können diesen Fakt nicht umgehen.

Der Patient wird zum Produkt?

Warum investieren Unternehmen im Gesundheitswesen? Die Antwort ist Geld. Es liegt auf der Hand, dass Apple & Co. ebenso wie die Unternehmen hiesiger Venture Capital-Geber, wie Flying Health oder Heartbeat Labs, Gewinne einfahren sollen. Profit ist der einzige Grund für ein Investment. Von den rund 370 Milliarden Euro, die jährlich im deutschen Gesund-heitswesen umgesetzt werden, wollen viele etwas abbekommen. Der Wert der Daten ist in dieser Zahl noch nicht eingepreist. Was steht also dem Profit gegenüber? Der Mehrwert für den Patienten, Versicherten, Arbeitnehmer oder gesund alternden Bürger. Gibt es keinen Mehrwert, werden die Unternehmen nichts verdienen. Die Menschen dürfen also mit vollkommen neuen Services rechnen, mit nutzerfreundlichen Angeboten, die ihre Gesundheit verbessern oder ihr Leben erleichtern.

Bekanntlich ist in der Digitalwirtschaft der Kunde häufig das Produkt. Google verdient sein Geld nicht mit dem Angebot einer Suchmaschine. Sondern mit dem Verkauf von Anzeigen, weil jemand diese Suchmaschine nutzt. Schließlich ist die Suchmaschine ja kostenlos. So wird es auch mit den digitalen Angeboten in der Gesundheitswirtschaft sein. Durch die Nutzung von Apps oder Plattformen werden unfassbar viele Daten produziert, die von den Unternehmen genutzt werden. Dadurch wird der Patient früher oder später selbst zum Produkt. Was wäre das Gegenmodell dazu? Die Bereitstellung digitaler Dienste wird durch den Staat organisiert oder getätigt. Der Erfolg eines solchen Unterfangens ist mit der Gematik eindrücklich bewiesen worden. Rund 14 Milliarden und keine elektronische Gesundheitskarte später, zeigt sich, dass der Staat nicht in der Lage ist große Digitalprojekte umzusetzen.

Der Erfolg hängt von den richtigen Rahmenbedingungen ab

Die Telemedizin ist ein gutes Beispiel für die Anforderungen an eine gute digitale Infrastruktur. Gerade in ländlichen Regionen, mit weniger guter Abdeckung der Gesundheitsversorgung durch Ärzte und Kliniken, soll zukünftig vermehrt Telemedizin zum Einsatz kommen. Wie sieht es also mit der Netzabdeckung in diesen Regionen aus? Versucht man in der Eifel, in der Lausitz oder im Sauerland über Edge hinaus zu kommen, zeigen sich schnell die Grenzen der Telemedizin. Der Auftrag an die Politik lautet also: kümmert euch um eine angemessene Netzabdeckung! Die Förderung nationaler Innovationszentren zu KI oder anderer Hochtechnologie ist ebenfalls wünschenswert.

Zwar investiert die Bundesregierung bereits an Fraunhofer Instituten und Max Planck Gesellschaften in diese Bereiche, verglichen mit anderen Ländern sind die Investitionen jedoch zu gering. Wirtschaftsminister Peter Altmeier plädiert für neue europäische Konzerne als Gegengewicht zu Big Tech, nach dem Vorbild von Airbus. Wenn diese Strategie aufgehen soll, müsste die Bundesregierung jedoch schnell sein und die notwendige Kompetenz haben. Im europäischen Kontext zwei Bedingungen, die wenig Hoffnung geben. Die Regulierung ist unter zweierlei Gesichtspunkten zu betrachten. Einerseits werden digitale Modelle aufgrund des restriktiven Datenschutzes teilweise behindert oder bleiben zumindest hinter ihren Möglichkeiten zurück. Andererseits werden dadurch die chinesischen und amerikanischen Konzerne daran gehindert, in den europäischen Markt unter den gewohnten Bedingungen aus der Heimat einzusteigen. Diese Restriktion könnte zunächst also gut für europäische Unternehmen sein. Der richtige Zeitpunkt diesen Umstand zu nutzen wäre also genau jetzt. Langfristig wird sich Big Tech jedoch anpassen und Wege finden.

Fazit

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass eine spannende Welle neuer Technologien eine Bereicherung für das deutsche Gesundheitswesen mit sich bringen wird. Für Patienten und Versicherte heißt das in erster Linie mehr Wettbewerb, mehr gute Angebote und ein auf den Kunden zugeschnittenes Produkt, das einen großen Mehrwert für ein gesundes Leben bzw. eine bestmögliche Versorgung bietet. Dafür wird man zwangsläufig Daten preisgeben und einen Teil seiner Datensouveränität verlieren. Allerdings ist diese Entwicklung nicht aufzuhalten. Wir sollten Sie als Chance sehen und als Möglichkeit für ein besseres, gesünderes und ressourcenschondendes Leben.

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