
Laut AOK lagen bereits 2012 die durchschnittlichen Krankheitstage bei Pflegekräften um 1,5% höher als in anderen Branchen. Damit die Dimension klar wird: Im Mittel waren Pflegekräfte 23,3 Tage krankgeschrieben, was fünf Tage mehr ergab als der Bundesdurchschnitt. Und die Kurzkrankmeldungen ohne Krankschreibungen waren in diesem Zahlen noch gar nicht enthalten.
Neben Rücken- und Hauterkrankungen sind belastungs- und stressbedingte Erkrankungen weit vorne in der Hitliste der Umstände, die es professionell Pflegenden unmöglich macht, ihren Beruf auszuüben. Während es für erstere vielerorts Angebote wie Rückenschule, Fitnessprogramme oder Sportmannschaften sowie Hautschutzstandards samt den dazugehörigen Pflegemitteln gibt, sucht man ein flächendeckendes präventives Angebot für die psychisch belastenden Faktoren meist vergeblich. Oft werden Supervisionen, psychologische Coachings erst angeboten, wenn die psychischen Probleme bereits eingesetzt haben – zu spät für alle Beteiligten.
Folgen sind oft Schlafstörungen, Bournout und Depressionen
Besonders in den Bereichen der Intensiv- und Palliativpflege ist die psychische Belastung durch häufige Stresssituationen und vergleichbar hohe Sterblichkeitsrate der Patienten sehr stark. Durch fehlende professionelle Betreuungsangebote ist das betroffene Personal mit seinen Problemen alleine gelassen. Die eigentlichen Erholungsphasen müssen zur Bewältigung der Stressfaktoren verwendet werden. Die Folgen sind oft Schlafstörungen und eine geringe Frustrationstoleranz im Privatleben, weil ein „Ventil“ in einem geschützten Umfeld fehlt und die psychische Belastung mit nach Hause. Die Prävalenz für Bournout und Depressionen steigt dadurch exorbitant.
Ein ganzheitliches Betriebliches Gesundheitsmanagement wird in Zukunft im Sinne des Employer Brandings noch essenzieller werden und sich im Wettbewerb um den knappen Rohstoff „Fachkräfte“ zu einem absoluten Big Point entwickeln. Eine anspruchsvolle Aufgabe an das BGM wird sein, flächendeckende aber dennoch individualisierbare Angebote aufzubauen und mit Nachdruck zu bewerben.
Digitalisierung als große Chance
Auch hier bietet die Digitalisierung eine große Chance, indem man beispielsweise Fitnesstracker oder Smartwatches in ein betriebsinternes System einbindet, welches die Mitarbeiter für die Teilnahme und Durchführung an gesundheitsfördernden Maßnahmen belohnt. Auch die psychische Komponente lässt sich mittlerweile über verschiedene digitale Instrumente abbilden, mit denen der Nutzer seinen psychischen Zustand regelmäßig selbst reflektieren und bewerten kann.
Nur mit einem wirkungsvollen, auf die Pflegeberufe zugeschnittenen BGM wird es gelingen, auch in Zukunft den Personalbedarf zu decken. Gelingt es nicht, die vorhandenen Pflegekräfte länger im Beruf zu halten, könnten sich alle politischen Bemühungen zur Personalbeschaffung in der Pflege als Kampf gegen Windmühlen entpuppen.

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