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IT-StrategieBrauchen Kliniken noch ein klassisches KIS, Herr Kanbari?

Das klassische KIS hat im Zuge der Digitalisierung ausgedient. Im Interview mit kma erklärt Farid Kanbari, Geschäftsführer von Polavis, wie Kliniken ihre KIS-Strategie neu ausrichten sollten, um für eine datengetriebene Medizin gewappnet zu sein.  

 

Farid Kanbari leitet die Geschäfte von Polavis.
Polavis
Farid Kanbari ist Geschäftsführer von Polavis.

Viele Krankenhäuser sind derzeit auf der Suche nach einem neuen KIS, um bei Themen wie Künstlicher Intelligenz oder Interoperabilität zukunftssicher aufgestellt zu sein. Im Interview mit kma schildert  Farid Kanbari, Geschäftsführer von Polavis, wie Kliniken ihre KIS-Strategie neu ausrichten sollten und mit einer zentralen Steuerungsplattform Prozesse optimieren, um das Personal zu entlasten.  

Herr Kanbari, viele Häuser beschäftigen sich aktuell intensiv mit der IS-H-Nachfolge. Wird dabei aus Ihrer Sicht zu stark in bestehenden Systemkategorien gedacht – statt die Zielarchitektur grundsätzlich neu zu definieren?

In der Einstiegsfrage zeigt sich direkt die eigentliche Herausforderung: Die Verantwortung für eine zukunftsfähige Architektur sehe ich auf Anbieterseite. Heutige Krankenhausinformationssysteme sind darauf ausgelegt, Informationen verschiedener Art zu verwalten und bieten unterschiedliche modulare Funktionalitäten, beispielsweise im Sinne einer Patienten- oder Terminverwaltung. Notwendig ist jedoch ein System, das angesichts der zunehmenden Personalbelastung und Ressourcenknappheit eine managementfähige Verarbeitung übernimmt und Entscheidungsgrundlagen als Handlungsempfehlungen bereitstellt. 

Wenn Sie auf die aktuellen Entscheidungsprozesse in Kliniken blicken: Wo sehen Sie die größten strategischen Denkfehler bei der Ausrichtung der IT-Landschaft?

Viele Versorger sind strategisch hervorragend aufgestellt, müssen sich beim Ausbau ihrer IT-Landschaft jedoch innerhalb der bestehenden, im Markt verfügbaren Angebote bewegen. Im Hinblick auf die KIS-Nachfolge bedeutet das, einerseits weiterhin auf ein System mit bekanntem Leistungsumfang zu setzen, andererseits für ausreichend Offenheit zu sorgen, um notwendige und absehbare Entwicklungen einbinden zu können.

Für mich ist das angesprochene System mit Managementfähigkeit – also eine Orchestrierungsplattform, die auf alle Systeme zugreifen und Informationen im Sinne konkreter Handlungen verknüpfen kann – der entscheidende Ansatz, um mit geringem Ressourceneinsatz die richtigen Entscheidungen treffen zu können.

Welche Prinzipien sollte eine zukunftsfähige Krankenhaus-IT-Architektur heute zwingend erfüllen?

Zwingend erfüllt werden muss das Prinzip offener Schnittstellen sein. Bieten Systeme konsequent offene Schnittstellen an, spielen die Anzahl einzelner Systeme oder der Grad ihrer Spezialisierung kaum noch eine Rolle, da sich Informationen nahtlos austauschen lassen. Bildlich gesprochen entsteht so ein Werkzeugkasten, in dem für jede Anforderung jederzeit das passende Werkzeug enthalten ist.

Wer sollte diese Architektur eigentlich treiben – IT, Medizin, Geschäftsführung? Und wo sehen Sie in der Praxis die größten Steuerungsdefizite?

Ich sehe den Aufbau leistungsfähiger und managementfähiger Systeme als gemeinsame Verantwortung von Anbietern und Kliniken. Beide Seiten müssen offen dafür sein, neue Wege beim Aufbau und in der Nutzung von Software zu gehen.

Eine medizinische Fachabteilung wird einen sehr granularen Blick auf ihre eigenen Herausforderungen haben und entsprechend spezialisierte Lösungen präferieren – die IT-Abteilung nimmt dabei gleichermaßen eine beratende wie steuernde Rolle ein. Anforderungen werden dort konsolidiert, übergreifende Lösungen vorgeschlagen und eine überschaubare IT-Landschaft angestrebt. Offene Schnittstellen helfen wiederum, den notwendigen Grad an Spezialisierung auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu erreichen und zu betreiben.

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Sie stellen die zentrale Rolle des KIS infrage. Ist das Problem das System selbst – oder die Art, wie es historisch eingesetzt wurde?

Ich möchte das differenziert beantworten: In unserer Zukunftsvision tritt das KIS einen Schritt zurück und ermöglicht einem neuen, orchestrierenden System, die Führung zu übernehmen. Der Bedarf wandelt sich derzeit spürbar, und Leistungsschwerpunkte müssen neu gesetzt werden. Wer heute über die Beschaffung eines KIS nachdenken muss, sollte diese Veränderungen berücksichtigen und sich ein klares Bild von der zukünftigen Rolle des KIS machen.

Welche Funktionen müssen zwingend zentral bleiben – und welche könnten aus einem klassischen KIS herausgelöst werden?

Die KIS-Anbieter haben in ihren Lösungen unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt, die jeweils spezifische Stärken aufweisen. Da eine Klinik in der Regel nur ein KIS einsetzen kann, möchte ich die Frage nach Verbleib oder

Aus meiner Sicht fehlen heute jedoch fundamentale Grundlagen im Funktionszuschnitt und in der Bereitstellung von Schnittstellen.

 Herauslösung umdrehen und vielmehr fragen, welche Funktionen darüber hinaus denkbar sind, um eine Innovation in der Mensch-Maschine-Interaktion ermöglichen. Vorstellbar ist vieles: Aus meiner Sicht fehlen heute jedoch fundamentale Grundlagen im Funktionszuschnitt und in der Bereitstellung von Schnittstellen, damit eine Klinik bedarfsorientiert und unter Berücksichtigung ihrer strukturellen Gegebenheiten definierte Funktionen auch außerhalb des KIS nutzen kann.

Viele Diskussionen drehen sich um Systeme, weniger um Versorgungslogiken. Welche Anforderungen entstehen aus Ambulantisierung und sektorübergreifender Versorgung, die heute noch unterschätzt werden?

In meiner Vorstellung einer leistungsfähigen, sektorübergreifenden Versorgung können Krankenhäuser administrative und Gesundheitsdaten strukturiert übergeben. Heute werden Informationen hingegen in Form von Arztbriefen als Dokumente persistiert übermittelt.

Diese Gegebenheiten ergeben sich derzeit weniger aus der Struktur der Versorgung oder der Systemfunktionalität als vielmehr aus Anforderungen des Datenschutzes, der Datensicherheit, der Regulatorik und den rechtlichen Rahmenbedingungen.

„Strukturiert“ bedeutet dabei mehr, als lediglich einen Arztbrief in die ePA einzustellen – dazu gehören deutlich mehr Informationen, auch Parameter, die während einer Behandlung entstehen und im Sinne einer sektorübergreifenden Versorgung für alle beteiligten Einrichtungen verfügbar sein sollten.

Mit Blick auf Datenräume und KI: Welche architektonischen Voraussetzungen fehlen heute in den meisten Kliniken, um diese Potenziale tatsächlich zu nutzen?

Eine Voraussetzung zieht sich wie ein roter Faden durch alle Antworten: performante, offene Schnittstellen. Der Einsatz von KI hat im Gesundheitswesen großes Potenzial, um administrative Vorgänge zu vereinfachen und beispielsweise Ereignisse zu bündeln.

Heute wird häufig ausschließlich nach einem KIS gesucht – benötigt wird jedoch vielmehr ein KOP, eine Krankenhaus-Orchestrierungsplattform.

Bieten die verwendeten Systembausteine entsprechende Schnittstellen an, lässt sich dies auch realisieren: Die jeweiligen Daten werden im entsprechenden System verwaltet, dieses öffnet sich jedoch und ermöglicht einer KI, auf diese Daten zuzugreifen, sie zu verarbeiten und gegebenenfalls zurückzuspielen. Es bietet sich daher an, eine orchestrierende Plattform mit entsprechender KI-Logik und Datenräumen zu implementieren. Heute wird häufig ausschließlich nach einem KIS gesucht – benötigt wird jedoch vielmehr ein KOP, eine Krankenhaus-Orchestrierungsplattform.

Ist die aktuelle Systemlandschaft eher ein Innovationsbeschleuniger oder ein strukturelles Hindernis für datengetriebene Medizin?

Blicke ich auf die Zeit vor dem KHZG und den damit verbundenen Investitionen in die Digitalisierung, war die Systemlandschaft eindeutig ein strukturelles Hindernis. In Zukunft wird sie hoffentlich ebenso eindeutig zu einem Innovationsbeschleuniger. 

Für mich ist jedoch noch offen, an welchem Punkt dieser Entwicklung wir aktuell stehen: Ist bereits eine moderne Systemlandschaft mit einer entsprechenden Infrastruktur entstanden? Letztere hat bislang ebenfalls gefehlt. Ermöglichen die inzwischen beschafften Systeme bereits eine datengetriebene Medizin? Und inwieweit unterstützen die Anbieter eine solche datengetriebene Medizin in ihren Systemen?

Viele Häuser stehen unter Zeit- und Kostendruck. Was ist aus Ihrer Sicht aktuell das größte Risiko: zu zögerlich zu entscheiden – oder sich vorschnell auf eine vermeintlich sichere Lösung festzulegen?

Investitionsentscheidungen unterliegen einer Risikoabschätzung und -bewertung. In den Häusern wird folglich geprüft, welche Lösung unter den gegebenen oder angenommenen Rahmenbedingungen das geringste Risiko birgt, und diese Lösung wird entsprechend beschafft. Es bleibt oftmals kein Spielraum, sich mit innovativen, neuen Ansätzen auseinanderzusetzen, solange diese nicht im Markt etabliert sind und ihr Risiko entsprechend abgeschätzt werden kann. Für mich ist nachvollziehbar, dass im Zuge der KIS-Nachfolge über neue Ansätze mangels Referenzen und nachweislicher Anwendungsfälle noch wenig nachgedacht wird.

Wie würde eine Klinik in fünf Jahren aussehen, die heute die richtigen Entscheidungen trifft?

Um die Entwicklung der nächsten Jahre nachzuzeichnen, müssen wir zunächst skizzieren, welche Entscheidungen tatsächlich weitreichend sein werden – und was eine gute Entscheidung ausmacht. Im IT-Kontext steht für mich die Souveränität im Zentrum: Kann ein Krankenhaus wirklich selbst über seine IT-Architektur entscheiden? Können Abhängigkeiten vermieden werden? Kommunizieren die Systeme miteinander (und erneut sind Schnittstellen entscheidend)? Wenn diese technischen und vertraglichen Grundlagen geschaffen sind und Souveränität besteht, kann in einer zunehmend digitalisierten Umgebung kosten- und ergebnisorientiert gearbeitet werden.

Das Interview wurde schriftlich geführt. 

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