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Coronavirus

Kampf an mehreren FrontenWarum unsere Kliniken jetzt dringend Planungssicherheit brauchen

Die Intensivstationen der Kliniken füllen sich mit COVID-19-Patienten und auch vor dem sowieso schon knappen Pflegepersonal macht das Corona-Virus keinen Halt. Hinzu kommt der Kampf um die wirtschaftliche Stabilität der Häuser.

Dr. Reinhard Wichels
WMC Healthcare GmbH

Dr. Reinhard Wichels ist Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens WMC Healthcare GmbH.

Nach Alarmstufe Rot kam deutliche Entspannung: Suchte man im Frühjahr noch unter Hochdruck nach einem Ausweg aus der Corona-Krise, bekamen die Diskussionen über den Sommer hinweg fast schon theoretischen Charakter. Nur vereinzelt kämpften noch COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen um ihr Leben. Die Krankenhäuser kehrten zum – wenn auch veränderten – Alltag zurück. Und dann ging es es plötzlich wieder los: Die Belegung mit COVID-19-Patienten steigt seit Wochen stetig an. Auf den Normal- und auch den Intensivstationen verdoppeln sich die Fallzahlen im Wochenrhythmus. Zwar sind - Stand heute - nur rund 14 Prozent der knapp 30 000 deutschen Intensivbetten mit COVID-19-Patienten belegt (davon auch nur knapp 60 Prozent invasiv beatmet) und im Notfall könnten kurzfristig weitere 12 000 Intensivbetten aktiviert werden. Trotzdem stehen die Kliniken vor einer enormen Herausforderung, denn insbesondere in der Pflege droht in den kommenden Monaten ein erheblicher Engpass.

Intensivpersonal wird knapp

Schon jetzt liegen deutlich mehr COVID-19-Patienten in den Betten als in der Hochphase im Frühjahr. Gleichzeitig macht das Virus auch vor dem medizinischen Personal nicht halt. Eine Umfrage unter rund 20 Kliniken über unterschiedliche Regionen hinweg zeigt: Der Krankenstand beim klinischen Personal ist mit rund zehn Prozent fast doppelt so hoch wie in „normalen“ Zeiten. Weitere 10 Prozent der Mitarbeiter sind zwar selbst nicht krank, befinden sich aber in Quarantäne. In zahlreichen Kliniken fallen also knapp 20 Prozent des klinischen Personals aus. Diese Häuser haben kaum eine andere Wahl: Sie müssen elektive Fälle reduzieren – auch wenn es für die betroffenen Patienten und auch für das Budget teilweise erhebliche Konsequenzen hat.

Impfung ist keine kurzfristige Lösung

Aber wie können Kliniken diese Herausforderung bewältigen? Wer auf eine zunehmende Immunisierung des Personals setzt, wird vermutlich noch viele Monate warten müssen. Zwar lassen die positiven Meldungen der letzten Tage darauf hoffen, dass eine Impfung in absehbarer Zeit möglich sein wird. Aber: Selbst bei entsprechender Priorisierung wird auch das besonders exponierte medizinische Personal warten müssen, bis wirklich für jeden eine Dosis des Impfstoffes zur Verfügung steht. Bis dahin hilft nur Flexibilität – bei den Kliniken und auch bei den Gesundheitsämtern. Während Führungskräfte, Mitarbeiter und deren Vertretungen bei ihrer Dienst- und  Kapazitätsplanung maximal beweglich sein müssen, um die Versorgung aufrecht zu erhalten, sollten sich auch die Behörden an den Versorgungs-notwendigkeiten orientieren. Die bisher geradezu abenteuerlichen Unterschiede in der Regelung von Quarantänemaßnahmen müssen vereinheitlicht werden. In enger Absprache mit den Kliniken sind Lösungen gefragt, die einerseits den notwendigen Infektionsschutz sicherstellen, anderseits aber auch die Krankenversorgung nicht zusammenbrechen lassen.

Klinken kämpfen an mehreren Fronten

Erschwerend kommt hinzu: Während die COVID-Patienten jetzt die Krankenhäuser fluten, spitzt sich – niemanden wird es wirklich überraschen – auch die finanzielle Situation zahlreicher Häuser wieder zu. Das Bundesministerium für Gesundheit hat bisher weitere finanzielle Hilfen abgelehnt; eine zweite Freihaltepauschale ist aktuell nicht vorgesehen. In Kürze steht die (verdiente) Jahressonderzahlung ins Haus. Und pünktlich zu Beginn des neuen Jahres verlängern die Kostenträger die Zahlungslaufzeiten von aktuell fünf auf dann wieder 14 Tage. Spätestes ab diesem Zeitpunkt kämpfen die Kliniken an zwei Fronten: um die Gesundheit der COVID-Patienten und um die eigene wirtschaftliche Stabilität bzw. Zahlungsfähigkeit.

Unsere Krankenhäuser werden es – wie immer – irgendwie schaffen. Es zerrt aber unnötig an den Nerven aller Beteiligten, wenn Versorgung in der Krise dringend gebraucht, aber nicht ausreichend finanziert wird. Das Argument, dass man jetzt ja von den großzügigen Ausgleichzahlungen der ersten Welle leben könne, trägt nicht. Die deutschen Kliniken brauchen jetzt Planungssicherheit für die nächsten Monate und nicht einen in letzter Sekunde hektisch aufgespannten Rettungsschirm. Und parallel werden langfristig angelegte Versorgungs- und Finanzierungskonzepte benötigt. Konzepte, in denen auch Ausnahmesituationen wie eine Pandemie beherrscht werden können.

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Dr. Reinhard Wichels
Krisenmanagement

Dr. Reinhard Wichels ist Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens WMC Healthcare GmbH. Gemeinsam mit der Hospital Management Group (hmg) betreut WMC derzeit rund 100 Krankenhäuser, davon mehr als zehn auch mit Management-Verantwortung. Beide Unternehmen tauschen sich firmenübergreifend strukturiert und engmaschig aus und lassen Sie im Rahmen des kma Corona-Krisenstab daran teilhaben. Mehr unter www.wmc-healthcare.de und www.hmg-im.de.

Kerstin Endele
Krisenkommunikation

Kerstin Endele ist Expertin für Klinik- und Krisenkommunikation. Nebenbei betreibt sie mit der PR-Ambulanz einen der größten Blogs zur Klinikkommunikation in Deutschland. Sie unterstützt Krankenhäuser in akuten Krisen und trainiert Führungskräfte für den Ernstfall. Mehr unter www.endele-pr.de und www.pr-ambulanz.com.