Georg Thieme Verlag KG
Coronavirus

SchutzkleidungDie Bestände reichen noch für zwei Wochen

Die letzte Lieferung enthielt 70 Stück. Bestellt waren 7000. Mit 70 Masken kommen 250 Mitarbeiter noch nicht mal durch eine Schicht. Und die begehrten FFP-Masken für alle an der Front waren gar nicht dabei. Dazu kamen noch 30 Schutzanzüge an, allerdings alle in der Größe XS und daher nur für einen kleinen Teil der Belegschaft nutzbar.  

Dr. Reinhard Wichels
WMC Healthcare GmbH

Dr. Reinhard Wichels ist Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens WMC Healthcare GmbH. Gemeinsam mit der Hospital Management Group (hmg) betreut WMC derzeit rund 100 Krankenhäuser, davon mehr als zehn auch mit Management-Verantwortung.

Der Mangel ist überall spürbar. Mittlerweile sind die Krankenhäuser leer geräumt und die Intensivstationen vorbereitet. Jetzt werden die Bestände gezählt und es wird offensichtlich, dass wir in einen massiven  Engpass laufen: Selbst wenn die große Welle an Patienten ausbleiben sollte, reicht das Material nicht aus. Fast alle relevanten Produkte sind knapp; Nachschub ist nur schwierig zu bekommen. Schaut man sich 100 Kliniken an, liegt die Reichweite bei der persönlichen Schutzausrüstung im Schnitt bei knapp 2 Wochen. Für die von uns unterstützen Krisenstäbe ist Materialknappheit fast täglich als hoch brisantes Thema auf der Tagesordnung.  

Die üblichen Lieferketten sind unter dem Druck der großen Nachfrage zusammengebrochen. Inzwischen versucht jeder an Material zu bekommen: Bund, Länder, KVen, aber auch Glücksritter, die über drei Ecken jemanden aus den  Produktionsländern kennen. Die Konsequenz:  ein nie gekanntes Chaos.  Chargen werden erst geblockt und dann nicht abgerufen. Oder Mr. Trump nimmt sich der Sache persönlich an und große Mengen werden plötzlich zu irrsinnigen Preisen in die USA umgelenkt. Gleichzeitig lassen sich die Lieferanten die Waren im Voraus bezahlen, ohne eine Garantie zu geben, dass die Lieferung jemals ankommt.  Da hat die Bundeswehr ja fast noch Glück gehabt: Die 6 Mio. Masken , die mal eben an einem Flughafen in Kenia verschwunden sind, waren angeblich wenigstens noch nicht bezahlt.  

Bettenkapazität: passt. Personal: wurde sogar aus Elternzeit und Ruhestand rekrutiert. Und im entscheidenden Moment stehen wir – wie die verzweifelten Hausärzte - ohne Schutzmaterial da. Das sollten wir tun, um es nicht so weit kommen zu lassen:  

  • Rückbesinnung auf bewährte Lieferketten. Unsere Krankenhäuser sind immer gut versorgt gewesen. Wir kennen keinen Mangel. Und haben im Europäischen Vergleich gute Preise. Das Zusammenspiel von Lieferanten, Händlern, Dienstleistern im Einkauf, Logistikern und Verbrauchern ist über Jahre hinweg gut eingespielt. Das muss genutzt werden.
  • Der Leiter im Einkauf gehört in den  Krisenstab:. Krisenstäbe müssen sich eng mit den von den Häusern genutzten Lieferstrukturen abstimmen und nur in Ausnahmefällen alternative Wege nutzen. Die Unterstützung durch Länder und Bund ist dabei explizit erwünscht und notwendig.
  • Rationierung wird notwendig. Leider wird es trotz aller Anstrengungen nicht ausbleiben, dass Verbrauchsmaterial rationiert werden muss. Das ist anstrengend und verlangt ungewohnte Abläufe. Alles, was knapp ist, muss individuell ausgegeben und im schlimmsten Fall weggesperrt werden.    
  • Innovation gewünscht und gebraucht. Schon jetzt entstehen Nähgruppen, um Masken und Schutzanzüge selbst zu produzieren. Wiederverwendung empfohlen. Gleichzeitig werden Ersatzteile für Beatmungsgeräte im 3D-Drucker produziert. Und in den USA werden zwei Patienten mit einem Gerät beatmet. Not macht erfinderisch und nichts wünscht man sich jetzt sehnlicher.    

Wir müssen daraus lernen. Wir brauchen ausreichend Bestände. Und müssen in der Lage sein, dringend notwendige Dinge selbst zu produzieren. Das war eigentlich schon immer klar. Wir hatten es nur vergessen.  

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Dr. Reinhard Wichels
Krisenmanagement

Dr. Reinhard Wichels ist Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens WMC Healthcare GmbH. Gemeinsam mit der Hospital Management Group (hmg) betreut WMC derzeit rund 100 Krankenhäuser, davon mehr als zehn auch mit Management-Verantwortung. Beide Unternehmen tauschen sich firmenübergreifend strukturiert und engmaschig aus und lassen Sie im Rahmen des kma Corona-Krisenstab daran teilhaben. Mehr unter www.wmc-healthcare.de und www.hmg-im.de.

Kerstin Endele
Krisenkommunikation

Kerstin Endele ist Expertin für Klinik- und Krisenkommunikation. Nebenbei betreibt sie mit der PR-Ambulanz einen der größten Blogs zur Klinikkommunikation in Deutschland. Sie unterstützt Krankenhäuser in akuten Krisen und trainiert Führungskräfte für den Ernstfall. Mehr unter www.endele-pr.de und www.pr-ambulanz.com.