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Deep Dive DigitalKI sitzt längst mit am Tisch

KI hat sich immer mehr zum digitalen Kompass für alle Beteiligten im Gesundheitswesen entwickelt. Damit verschieben sich die Aufgaben und erfordern neue Kompetenzen, Kooperationen und Regeln, meint unser Kolumnist Dr. Peter Gocke.

Dr. Peter Gocke
Scott MacDonald
Peter Gocke ist seit 2017 Chief Digital Officer (CDO) der Berliner Charité. In dieser Funktion koordiniert er die digitale Transformation am größten Universitätsklinikum Europas.

Was vor wenigen Jahren noch als Vision für die Zukunft galt, wird heute durch Künstliche Intelligenz (KI) Realität – und zwar nicht nur in den Forschungslaboren oder Hightech-Kliniken, sondern zunehmend auch im Alltag von Patienten, Pflegepersonal und Gesundheitseinrichtungen. Aktuelle Studien zeigen aber, dass der Einsatz noch nicht frei von Risiken ist und viele Erwartungen an KI unrealistisch und überzogen sind. Dabei stellt sich die Frage, ob KI eher ein Tool für Krankenhäuser und Arztpraxen ist  oder nicht schon längst bei Patienten und Patientinnen angekommen ist?

KI: Von der Klinik bis ins Wohnzimmer

Die ersten erfolgreichen KI-Anwendungen wurden schon vor Jahren in den Bereichen Radiologie und Pathologie entwickelt. Automatisierte Bildanalyse, Mustererkennung in MRT- und CT-Bildern, histologische Klassifikation, Früherkennung von Tumoren oder die Steuerung von Operationsrobotern sind heute an vielen Orten Standard und sorgen für schnellere Diagnosen, weniger Fehler und effiziente Abläufe. 

Künstliche Intelligenz ist aber längst nicht mehr nur ein Werkzeug für medizinische Spezialisten, sondern entwickelt sich zu einem zentralen digitalen Werkzeug. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Klinik und Alltag: KI durchdringt sowohl komplexe Behandlungsprozesse als auch die Lebensrealität der Patienten zu Hause. Die Frage, ob KI ausschließlich Fachpersonal vorbehalten bleibt, ist damit überholt. Anfang dieses Jahres hat OpenAI das (auch nicht fehlerfreie) ChatGPT Health freigegeben und richtet sich damit explizit an die Verbraucher – für Kliniken und Gesundheitsorganisationen wurde parallel OpenAI for Healthcare vorgestellt. Noch ist der Zugang zu beiden Systemen eingeschränkt – aber spätestens, wenn weitere Anbieter nachziehen, wird sich der Verbreitungsgrad ändern.

Der Datenfundus für KI beim Endnutzer wird immer größer, Dank der zunehmenden Nutzung von Gesundheitsapps, Wearables und digitalen Assistenten. Smartwatches und deren Apps geben bereits Empfehlungen zu Ernährung, Medikamenteneinnahme oder Bewegung. Chatbots beantworten medizinische Fragen rund um die Uhr. KI-basierte Symptomchecker können sogar eine erste Einschätzung geben, ob ein Arztbesuch notwendig ist, oder ob Selbstmanagement ausreichend erscheint. Der Sprung in den Alltag der Menschen ist damit längst vollzogen.

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Vorteile und Herausforderungen

Die direkte Nutzung von KI durch die Patienten birgt im Grundsatz zahlreiche Vorteile:

  • Personalisierte Gesundheitsberatung: KI kann auf Basis individueller Daten Empfehlungen geben, die auf den aktuellen Lebensstil, Vorerkrankungen und Präferenzen eingehen.
  • Schnelle Unterstützung: Bei akuten Fragen etwa zu Medikamenten und Symptomen bieten digitale Assistenten und Chatbots eine sofortige Hilfestellung.
  • Besonders interessant: Prävention und Früherkennung. KI ist in der Lage, durch fortlaufende Analyse von Gesundheitsdaten Risiken frühzeitig zu identifizieren und Hinweise zu geben, bevor Beschwerden auftreten.

Doch jede technische Neuerung bringt auch Herausforderungen mit sich:

  • Datenschutz und Datensicherheit: Die persönlichen Gesundheitsdaten sind sensibel. Es braucht klare Rahmenbedingungen, technische Sicherheit und transparente Abläufe, damit Vertrauen entsteht und Missbrauch verhindert wird.
  • Zugänglichkeit und digitale Kompetenz: Nicht alle Menschen sind in gleichem Maße digital kompetent oder verfügen über die nötigen Endgeräte und digitalen Zugänge. Es droht eine neue Form der Ungleichheit – die "digitale Kluft" im Gesundheitswesen.
  • Qualitätskontrolle und Evidenz: Die medizinische Wirksamkeit von KI-gestützten Anwendungen muss wissenschaftlich geprüft werden. Nicht jede KI hält, was sie verspricht – und Fehlentscheidungen können gefährlich sein. Aktuelle Untersuchungen z.B. der Cornell University zeigen: noch birgt KI vor allem in der Hand von Laien deutliche Risiken 
  • Integration mit dem bestehenden Ökosystem: Wie werden die Daten aus KI-Anwendungen sinnvoll in Systeme die z.B. die elektronische Patientenakte (ePA) und damit in die bestehenden Versorgungprozesse eingebunden? Hier braucht es Schnittstellen, Standards und verbindliche (!) Interoperabilität.

Neue Rollen – für medizinisches Personal und Patienten

Die Rolle von Ärzten, Ärztinnen und Pflegepersonal verändert sich durch den Einsatz von KI. Wo früher Diagnosen und Therapieentscheidungen exklusiv in Händen von Fachleuten lagen, nehmen heute Algorithmen und KI einen Teil dieser Aufgaben wahr. Ärzte werden zunehmend mit einem Bedarf an Lotsenfunktionen konfrontiert, um Patienten durch den Dschungel der digitalen Angebote zu leiten, Empfehlungen zu bewerten und individuell anzupassen. 

Patienten mit KI-Support sind nicht länger passive Empfänger medizinischer Leistungen, sondern gestalten ihre Gesundheit aktiv mit. Sie entscheiden selbst, welche digitalen Angebote sie nutzen, welche Daten sie freigeben und welche Empfehlungen sie umsetzen. Saßen sich früher Ärzte und Patienten gegenüber, sitzt jetzt ein Dritter mit am Tisch: die KI – und dabei stellt sich die Frage, wer von den beiden Parteien die KI eingeladen hat.

 

kma DeepDiveDigital Digitalkolumne
Thieme

 

Mit der Ausbreitung von KI entstehen neue Netzwerke zwischen Patienten, Ärzten, Entwicklern und Institutionen. Die klassischen Grenzen zwischen Praxis, Klinik und Zuhause verschwimmen: Gesundheitsdaten werden über Patientenportale, Messenger-Dienste und die elektronische Patientenakte geteilt und analysiert. Versorgungsprozesse werden flexibler und dynamischer. 

Dieses Zusammenwachsen verschiedener Akteure ist eine Chance, wenn Kooperation und Austausch auf Augenhöhe stattfinden. Auch hier kann KI eine Schlüsselrolle einnehmen, indem sie komplexe Zusammenhänge sichtbar macht, Muster erkennt und Vorschläge für die Optimierung von Prozessen liefert.

Digitale Gesundheitskompetenz als Schlüssel

Damit KI für alle nutzbar und sicher wird, braucht es eine Förderung der digitalen Gesundheitskompetenz. Digitale Gesundheitskompetenz bedeutet nicht nur, Apps bedienen zu können, sondern auch Risiken zu erkennen, Daten zu bewerten und digitale Angebote kritisch zu hinterfragen.

Der Blick in die Zukunft zeigt: KI wird das Gesundheitswesen auch in den kommenden Jahren maßgeblich prägen. Mit zunehmender Rechenleistung auch in den Händen von Privatnutzern, besseren Algorithmen und wachsenden Datenmengen werden KI-Anwendungen immer genauer, umfassender und zuverlässiger. Der Trend geht zu Plattformlösungen, zu denen auch die Telematikinfrastruktur zählt, die viele Funktionen bündeln – von der Diagnose über die Therapieplanung bis zum Monitoring und der Prävention. Die KI wird zum Bindeglied zwischen Patienten, Praxis, Klinik und Forschung. Gleichzeitig bleibt der Mensch im Mittelpunkt: Empathie, Erfahrung und ethische Verantwortung sind durch Algorithmen nicht zu ersetzen.

Fokus: Strukturwandel und Chancen

KI ist heute ein zentraler Innovationstreiber, der das Gesundheitswesen grundlegend verändert. Sie ist längst nicht mehr nur ein Werkzeug für Fachpersonal, sondern ein digitaler Kompass für Patienten und Patienten, Pflegekräfte und alle, die Gesundheit gestalten. Die Strukturen des Gesundheitssystems werden offener, vernetzter und flexibler. Die Aufgaben verschieben sich und erfordern neue Kompetenzen, Kooperationen und Regeln.

Abwarten ist für das Gesundheitswesen und seine Einrichtungen keine Option: wer die Möglichkeiten von KI unterschätzt, verpasst den Anschluss an eine Zukunft, in der Gesundheitsversorgung effizienter, individueller und umfassender wird – und wer heute nicht handelt, muss morgen mit ansehen, wie andere die Gesundheitsversorgung übernehmen.

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