
Caroline Vogt hat im bayerischen Lindenberg arbeitsreiche und emotionsgeladene Wochen hinter sich. Die örtliche Rotkreuzklinik, deren Geschäftsführerin die 44-Jährige ist, steht kurz davor, ihr Eigenverwaltungsverfahren abzuschließen. Der Insolvenzplan, um den das Team mit externen Sanierungsfachleuten gerungen hat, wird dieser Tage dem Amtsgericht München vorgelegt. Kommt von dort und von den beteiligten Gläubigern das Okay, kann das Verfahren für das 174-Betten-Haus aufgehoben werden – und die eigentliche Sanierung und operative Neuausrichtung der Einrichtung richtig beginnen. Laut Plan soll das Ende April sein.
Vogt kämpft hart dafür. Sie hat schon ihre Pflegeausbildung in Lindenberg gemacht, war selbst in vielen Abteilungen tätig. Seit 2017 ist sie wieder im Haus, zunächst als Pflegedirektorin, ab 2019 als Krankenhausdirektorin, mittlerweile als Geschäftsführerin. Sie lebt 30 Kilometer entfernt. In dem Projekt stecke „viel Herzblut“, sagt sie. Sie sehe sich in der Verantwortung, ein zukunftsfähiges Konzept für die Beschäftigten und die Gesundheitsversorgung in der Region zwischen Lindau am Bodensee und den Allgäuer Alpen zu finden – und das will sie in den nächsten Jahren auch selbst umsetzen.
Vision für einen Gesundheitscampus
Ihr Arbeitgeber, die Schwesternschaft München vom Bayerischen Roten Kreuz, alleinige Gesellschafterin der Klinik, hat sich klar zum Standort Lindenberg bekannt. Sie will in dem Städtchen im schwäbischen Landkreis Lindau weiter investieren. Denn die Verantwortlichen sehen das Potenzial, dort einen Gesundheitscampus schaffen zu können, heißt es in München. Dazu würden, so die derzeitige Vision, neben der Klinik auch ambulante Versorgungsstrukturen, Wohnen mit Service, die örtliche Berufsfachschule für Pflege sowie ein Community-Health-Nurse-Projekt gehören – und das neue Pflegeheim, dessen Bau jetzt gerade beginnt. Perspektivisch soll es 50 Betten haben, bis zu 50 Beschäftigte und im ersten Quartal 2026 fertig sein.
Das Sanierungskonzept für die Rotkreuzklinik sehe genau das vor, wird betont – Synergien zwischen all diesen Bereichen zu nutzen. Auch Caroline Vogt denkt sektorenübergreifend, und damit „ihr Haus“ eine Zukunft hat, trägt sie deutliche Einschnitte mit. Laut Insolvenzplan bleibt die Notfallversorgung dauerhaft eingeschränkt, und der Grund- und Regelversorger trennt sich von hochkomplexen Eingriffen, wie etwa größeren Tumoroperationen, sowie von der Kardiologie in der bestehenden Form.
Eine intensivmedizinische Überwachung werde künftig nicht mehr zum Leistungsspektrum gehören, so Vogt. Und auch die Investitionen für ein Herzkatheterlabor, das die Klinik für den Erhalt der Kardiologie in Zukunft vorhalten müsste, werden an anderer Stelle mehr gebraucht. „Damit ziehen wir die Krankenhausreform bereits vor“, sagt Vogt. Wichtig ist ihr, „dass unsere Klinik auch zukünftig niemanden abweisen wird“. Notfallpatienten werde man weiter soweit möglich vor Ort behandeln und falls nötig in umliegende Häuser verlegen. Die Hubschrauberlandestelle am Haus bleibe erhalten. Und auch für den Rettungsdienst stehe die Klinik „im Rahmen unserer Ausrichtung“ weiter zu Verfügung. Details, so Vogt, würden derzeit noch mit den Kooperationspartnern und dem Landkreis besprochen.

Zu ihrem neuen Schwerpunkt will die Klinik jetzt die Altersmedizin ausbauen. Das entspreche dem Bedarf in der Region, betont die Geschäftsführerin. Die Spezialisierung solle insbesondere älteren Menschen in Zukunft eine wohnortnahe medizinische Versorgung ermöglichen. Insgesamt sei das Sanierungskonzept darauf ausgelegt, die Klinik langfristig zu stabilisieren.
Das war hoch emotional.
Dafür planen die Verantwortlichen mindestens mit den derzeit gut 250 Beschäftigten. Das sensible Thema hat Vogt ganz besonders bewegt. 122 Mitarbeitenden musste im Verlauf des Eigenverwaltungsverfahrens die Kündigung ausgesprochen werden – das war „hoch emotional“. Diverse Beschäftigte haben sich in den vergangenen Monaten zudem nach anderen Arbeitgebern umgeschaut, mittlerweile ziehe es einige aber wieder zurück, sagt Vogt: „Und es gibt auch gute Chancen.“ Mit dem neuen Konzept hoffe sie jetzt auf die „Rückkehr in ruhigeres Fahrwasser“. Nicht nur sie selbst sei hoch motiviert, sondern sie erlebe auch einen „tollen Zusammenhalt“.
Drei Klinikträger an einem Tisch
Parallel denkt die 44-Jährige allerdings schon viel weiter. Ihr Haus hat nach dem Start des eigenen Sanierungsverfahrens ein regionales Versorgungsgutachten in Auftrag gegeben. Das ist mit dem Landkreis Lindau sowie mit dem Kreis Ravensburg und dem Bodenseekreis, die beide in Baden-Württemberg liegen, abgestimmt und zudem vor allem mit zwei weiteren Kliniken anderer Träger in der Region, der kommunalen Oberschwabenklinik (OSK) in Wangen und der Asklepios Klinik in Lindau. Bis zum Sommer wird mit Ergebnissen gerechnet.
Im Kopf ist meine Wunschklinik schon fertig.
Nicht wenige erwarten, dass die Experten am Ende zu einem zentralen großen Klinikum für die Region raten werden. Auch Caroline Vogt hält das für „die einzig richtige“ Lösung – ein neuer Schwerpunktversorger auf neutralem Grund, mit lokalen Anlaufstellen für die Versorgung an den bisherigen Standorten. „Im Kopf ist meine Wunschklinik schon fertig“, sagt Vogt und schmunzelt. Ihr gefällt, dass die drei Klinikträger seit einigen Monaten an einem Tisch sitzen. „Das ist die Zukunft“, sagt sie: „Bislang hat ja jeder fast das Gleiche angeboten, bei ähnlichen Hausgrößen von unter 200 Betten.“
Im Sanierungskonzept für Lindenberg jedenfalls sei auch ein solches Szenario mitgedacht, versichert Vogt: „Das kann gut angebunden werden.“ Bis dahin werden allerdings noch einige Jahre vergehen, und Vogt fokussiert sich erst einmal auf die nächsten Monate. Ist das Eigenverwaltungsverfahren ihrer Klinik aufgehoben, beginnt die Umsetzungsphase, weiter begleitet von den externen Experten, die schon während des gerichtlichen Verfahrens im Haus waren. Diese Phase dauere voraussichtlich bis Juli, heißt es. Die arbeitsreichen Wochen für Caroline Vogt werden anhalten.







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